Impressum  |  Datenschutz
Siegfried Lenz

"Mein unerträglich schlichtes Prinzip: Weitermachen"

Siegfried Lenz im Gespräch mit Hanjo Kesting

Hanjo Kesting: Und als Gesprächspartner begrüße ich Siegfried Lenz, der gestern seinen 75. Geburtstag hat feiern können. Herzlichen Glückwunsch Siegfried Lenz.

Siegfried Lenz: Danke schön!

Hanjo Kesting: Das ist ja nun schon eine lange Strecke. Eine lange Lebensstrecke, aber auch eine lange Strecke als Schriftsteller: über fünfzig Jahre. Denn vor genau fünfzig Jahren, 1951, ist Ihr erster Roman erschienen: „Es waren Habichte in der Luft“. Nun sind Sie fünfundsiebzig geworden, da möchte ich doch einmal mich getrauen, James Joyce zu zitieren oder zu paraphrasieren: „The Portrait of an Artist as an Old man“. Wie sieht es aus, dieses Porträt des Künstlers als alter Mann?

Siegfried Lenz: Wie sieht es aus? Man kommt nie in Verlegenheit, wenn man denn bereit ist zu bilanzieren. Nie in Verlegenheit sich zu fragen, was hast du in diesen Jahrzehnten gemacht. Ich drehe mich einfach um in Augenblicken der Verzagtheit, oder der Bilanzwehmut, schaue auf die Buchreihe, die da steht, und finde ein gewißermaßen materialisiertes Leben vor. Es ist da, es ist anwesend, ich kann mir sagen, von 51 bis 53 hast du das versucht, dann das, dann hast du zwischendurch einen Band mit Erzählungen geschrieben. Mit anderen Worten, das verflossene Leben präsentiert sich. Was das Lebensgefühl angeht, das ist natürlich eine andere Sache. Da denke ich an Italo Svevo: "Ein Mann wird älter". Sein Held hat bereits im Alter von 38 sich zum alten Eisen gerechnet. So relativ kann das Lebensgefühl im Alter sein.

Hanjo Kesting: Es ist nicht das erste Gespräch, das wir führen. Vor zwanzig Jahren, glaube ich, haben Sie einmal in einem Gespräch „Dorian Gray“ von Oscar Wilde zitiert.

Siegfried Lenz: Das Bild altert, aber nicht der Mensch. Irgendwo in der Ecke, nicht wahr, hängt das Bild, das dann die unweigerlichen Züge des Altersprozesses annimmt, sich verschattet, verrunzelt und dann je nach dem, wie man Alter definiert, starrsinnig wird, verschroben, eigenartig, mißtrauisch und all diese Eigenschaften aufweist, die man dem Alter unterstellt.

Hanjo Kesting: Sie haben von dem materialisierten Leben gesprochen, von der langen, langen Buchreihe, materialisiert in Papier, in Büchern. Ganz am Anfang steht dieses schon von mir erwähnte Buch „Es waren Habichte in der Luft“. Wissen Sie noch, wie das angefangen hat? Und wann Sie zum ersten Mal das Gefühl hatten: Ich bin ein Schriftsteller?

Siegfried Lenz: Das ist schwer zu sagen. Auch diese Definition „Ich bin ein Schriftsteller“. Wie es angefangen hat, kann ich Ihnen sagen. Meine Frau und ich arbeiteten damals im Feuilleton einer englischen Besatzungszeitung, Die Welt. Meine Lehrer, hervorragende Lehrer, weltläufige Journalisten, die englische Offiziersuniformen trugen, hatten mich beauftragt, den täglich erscheinenden Fortsetzungsroman zu redigieren und immer so ein Kapitelchen druckfertig zu machen. Und das habe ich getan, mehrere Monate lang. Und dachte mir eines Tages, an Graham Greene reichst du sicher nicht ran, aber du könntest auch mal so etwas versuchen. Erfahrung hast du genug, oder glaubst du genug zu haben, schreib etwas. Und so habe ich angefangen, neben der Redaktionsarbeit diesen ersten Roman „Es waren Habichte in der Luft“ zu schreiben, damals machte man so umfangreiche Titel, das war à la mode. Ich habe alles mit Kugelschreiber geschrieben, meine Frau hat dann alles abgeschrieben, ich zeigte es Willy Haas, der war damals Chef-Controller, also kultureller Controller der Welt.

Hanjo Kesting: Und ein großer Feuilletonist schon aus den zwanziger Jahren.

Siegfried Lenz: Er war der Gründer, in Berlin, der Literarischen Welt, für die wirklich die schreibende Elite Europas beigetragen hat. Und Willy Haas las es und sagte: „Okay, das bringen wir!“ Ein paar Tage später, ich hatte Glück, der gerade laufende Roman lief aus, wurden „Es waren Habichte in der Luft“ in Welt abgedruckt. Dann allerdings wurde es interessant, Feuilletonmitarbeiter fragten mich, wo dieses Buch in Buchform erscheinen wird. Und ich schickte es an – das weiß ich präzis – S. Fischer und Hoffmann & Campe in Hamburg. Und so einfach verlief es. Hoffmann & Campe meldete sich zuerst und die Tatsache, daß dieser Verlag in der Stadt war, in der ich lebte, war entscheidend genug. Ich ging zu Hoffmann & Campe, machte einen Vertrag 1951, und so geschah es. Und seitdem bin ich über fünfzig Jahre, was nicht leicht zu nehmen ist, bei einem Verlag geblieben.

Hanjo Kesting: Ein Bündnis auf Lebenszeit! – S. Fischer war natürlich eine sehr attraktive Alternative, weil schon einmal ein junger Autor ein umfangreiches Manuskript an S. Fischer geschickt hat, im Jahre 1900. Es war Thomas Mann mit den „Buddenbrooks“. „Es waren Habichte in der Luft“, geschrieben mit 23 Jahren. Ich weiß nicht, ob Sie Ihre Bücher wiederlesen, aber manchmal wird es unvermeidlich sein, bei Neuauflagen oder Gesamtausgaben. Wie nah oder wie fern ist Ihnen das damals geschriebene? Wie historisch geworden? Gibt es noch ein Bedürfnis darauf zu reagieren, es zu korrigieren?

Siegfried Lenz: Mein Verleger hatte mich nach einer gewissen Zeit, übrigens nach einer beträchtlichen Zeit von etwa 12 oder 15 Jahren, gebeten und aufgefordert, ein Vorwort, bzw. ein Nachwort zu schreiben. Und bei der Gelegenheit las ich „Die Habichte“ noch einmal. Sonst lese ich meine Bücher nicht ein zweites Mal. Aber dieses Mal , auf seine Einladung hin, tat ich es und war erstaunt. Erstaunt über mein spontanes Bedürfnis zu korrigieren, umzuschreiben, neuzufassen usw.. Und dachte mir „Mein Gott, diese dunkle Feier der Natur und all dies, was du hineingewebt hast, an Mythen usw., das muß geändert werden, vor allen Dingen über diesen Konflikt“. Aber dann dachte ich mir, es wäre ungerecht gegenüber dem jungen Mann, der du einmal warst, von dreiundzwanzig Jahren. Das entsprach damals meinem Erkenntnisstand, wie man sagen würde, oder meinen Wahrnehmungsmöglichkeiten. Ich ließ es so, ich sagte: kein Rabatt, keine mildernden oder günstigen Umstände für die kritische Bewertung. So soll es bleiben, das hast du mit dreiundzwanzig „gekonnt“, laß es so, das war einmal. Aber wie gesagt, das bleibt mir auch heute noch in Erinnerung: dieser Wunsch umzuschreiben, sofort.

Hanjo Kesting: Das ist nun auf der einen Seite sehr freundlich, auf der anderen Seite klingt es auch etwas herablassend gegenüber dem jungen Mann von damals.

Siegfried Lenz: Selbstverständlich, denn das impliziert das Geständnis, heute bist du natürlich viel weiter und viel besser und so weiter, und hast vor allen Dingen die Möglichkeit, hier entschieden und rabiat einzugreifen, in diesen Schreibhaushalt des jungen Mannes.

Hanjo Kesting: Haben Sie denn das Gefühl, oder sogar die Gewißheit, eines Qualitätszuwachses? Nicht nur, daß Sie sicherer und qualitätsbewußter urteilen, sondern auch schreiben können? Es gibt ja einmalige Würfe, wie zum Beispiel den „Werther“. Goethe hat am „Werther“ herumgemäkelt, später, als älterer Autor, aber der „Werther“ ist natürlich ein einzigartiger „Wurf“, wie man sagt, und die „Buddenbrooks“ waren ebenfalls ein einzigartiger, oder sind ein einzigartiger Wurf. Und man kann sich ja nur wünschen, daß der älter gewordene Thomas Mann sie nicht aus einem anderen Wissen verändert oder gar umgeschrieben hat.

Siegfried Lenz: Das sind natürlich sehr schmeichelhafte Vergleiche, die Sie da an mich heranbringen.

Hanjo Kesting: Nehmen Sie es mal als Strukturfrage.

Siegfried Lenz: Ich muß Ihnen sagen, daß es sehr sehr schwierig ist, sich selbst zu beurteilen, im Hinblick auf einen angenommenen Erkenntniszuwachs. Oder auf eine angenommene Formulierungsmöglichkeiten, so daß man glaubt, dem gewachsen zu sein, was man darstellen möchte. Das ist sehr, sehr schwierig. Ich habe mich in dieser Hinsicht nicht überprüft, ich bin sogar der Ansicht, daß ich mich in gewisser Hinsicht entwickele. Aber ob das Schreibenmüssen ein work in progress oder aber ob es ein Definitivum ist, wage ich nicht zu entscheiden. Das sollen andere entscheiden. Darum kümmere ich mich nicht, ich schreibe nach meinen jeweiligen Möglichkeiten, wobei ich sicher bin, daß sie sich verändert haben.

Hanjo Kesting: Sind die Dinge denn für Sie dann abgeschlossen, wenn Sie Stoffe behandelt haben, wenn Sie eine „Lösung“ für das erzählerische Problem gefunden haben? Das Buch ist erschienen, aber Sie merken, daß es trotzdem weitergeht. Also es gibt ja Autoren, die wie Max Frisch, „Graf Öderland“, oder Dürrenmatt, zweite Fassung, dritte Fassung usw. Und noch viele Autoren könnte man nennen, die immer wieder um und immer wieder neu geschrieben haben.

Siegfried Lenz: Charakteristischerweise, lieber Herr Kesting, betrifft das die Theaterliteratur, die Stücke, also eine erste, eine zweite, ein dritte Fassung zu konzipieren. Selten den Roman, fast nie den Roman. Oder fast nie die Prosa. Prosa bleibt so wie sie ist. Das ist auch für mich immer so gewesen, ein Prosastück ist abgeschlossen. Ich habe jetzt bei einer neuen Inszenierung eines alten Theaterstückes von mir, „Zeit der Schuldlosen“, den Wunsch des Regisseurs aufgenommen und hier und da ein bißchen verändert. Etwas was ich bei Prosastücken, bei einer Erzählung und einem Roman, nie tun würde. Das ist für mich, um Ihre Frage präzis zu beantworten, abgeschlossen. Es ist ja so, daß man bei seinem Denkhaushalt, oder in seinem Denkhaushalt, oder Erfahrungshaushalt gleichzeitig immer mehrere Ideen hat, mehrere Entwürfe gedanklich oder von der Phantasie her bewirtschaftet, in der Hoffnung, daß man Zeit genug zugestanden bekommen wird, um die irgendwann zu vervollkommen. Und so konzentriere ich mich auf das Jeweilige, was ich gerade habe, und wenn das abgeschlossen ist, ist es für mich abgeschlossen, und der Wunsch, es noch einmal aufzunehmen und in ein anderes Ende zu bringen, einen anderen Ausgang, dieser Wunsch ist noch nie entstanden.

Hanjo Kesting: Wir sprechen über die Erfahrungswerte von Schriftstellern im Älterwerden, auch von Lernprozessen, sie müssen nicht unbedingt „mit tödlichem Ausgang“ verbunden sein. Es ist ja vielleicht mit der Zunahme von Erfahrung auch eine andere Tendenz verbunden, nämlich die Zunahme von Routine. Wie entkommt man der Tendenz, daß eine Geläufigkeit im Urteilen und im Machen entsteht? Daß also beim Schreiben ein gewisses Repertoire zur Verfügung steht, dessen man sicher ist, man weiß, man kennt die Handgriffe, die man verwendet. Aber damit stellt sich möglicherweise auch die Routine ein. Wie und wo haben Sie den Brunnen der Erneuerung gefunden?

Siegfried Lenz: Es gibt ja, Gott sei Dank, eine Reihe hochgeschätzter Schriftsteller, die vor mir gelebt haben und die Erfahrungen gemacht haben, die leider nie veralten. Unter anderem auch, der von Ihnen und auch von mir so favorisierte Kollege Thomas Mann. Der gesagt hat, in dem Augenblick – zu einer Dame hat er das gesagt –, wo es zu fließen beginnt oder zu plätschern beginnt, ist höchster Argwohn von Nöten; da sollte man aufhören und das noch einmal überprüfen, was man gerade darzustellen versucht. Und so geht es mir auch. Wenn ich merke, es fällt mir zu leicht und der Widerstand bleibt aus, dann versuche ich es auf andere Art im Schreibprozeß noch einmal aufzunehmen und zu machen. Aber ich weiß, daß man, wenn man glaubt, eine gewisse Geläufigkeit zu besitzen, immer in die Gefahr von Routine gerät. Dann ist wirklich große Achtsamkeit vonnöten.

Hanjo Kesting: Pünktlich zum Geburtstag kommt neben dem Abschluß einer Gesamtausgabe – Siegfried Lenz in zwanzig Bänden – ein neues Buch von Ihnen heraus, besser ein Büchlein von achtzig Seiten Umfang. Dieses Büchlein enthält drei Essays und trägt einen Titel, den man anspruchsvoll und bescheiden zugleich finden kann: „Mutmaßungen über die Zukunft der Literatur“.

Siegfried Lenz: Das ist sehr anspruchsvoll, fast ein selbstvergessener Titel, ich weiß, vor allem auch auf dem Hindergrund eines von mir hochgeschätzten Buches „Mutmaßungen über Jakob“.

Hanjo Kesting: Aber anspruchsvoll ist es auch, weil die Zukunft der Literatur natürlich ein großes Thema ist, ein sehr großes Thema. Und bescheiden, weil es eben nur Mutmaßungen sind.

Siegfried Lenz: Ja, aber bekennerisch zugleich.

Hanjo Kesting: Der erste Satz klingt ja wie ein Kassandraruf, ein wunderbarer Satz übrigens – so kann Siegfried Lenz immer noch zupacken, habe ich bei der Lektüre gedacht – ich will ihn zitieren: „Als die großen Erzähler noch Analphabeten waren, schien die Zukunft der Literatur gesichert.“ Ist sie es heute nicht mehr?

Siegfried Lenz: Sie ist, auch das wieder ganz bekenntnishaft, zu einem Teil gesichert. Solange es den einzelnen gibt, der das Bedürfnis hat, sich mit einem anderen einzelnen, nämlich mit einem Autor, der „Angebote macht“, wie Heinrich Mann sagte, abzustimmen, so lange traue ich der Literatur zu, fortzubestehen. Es ist ja auch eine ganz alte Erfahrung, daß Literatur sich nie an eine Menge wendet, an ein Kollektiv, sondern immer an den Einzelnen, der ja auch im gewissen Sinne Literatur erst legitimiert, in dem er sie noch einmal wiederholt, für sich wiederholt. Darin liegt die große Legitimation, vielleicht auch ein gewisses Geheimnis der Literatur, daß man einen einzelnen findet, der das Angebot, das man ihm macht, annimmt.

Hanjo Kesting: Das Lesen als schöpferischer Akt.

Siegfried Lenz: Es ist unbedingt ein schöpferischer Akt. Wir haben uns auch im Kollegenkeis die Frage gestellt: Was wäre, wenn der von Ihnen, lieber Hanjo Kesting, behandelte Roman „Madame Bovary“ oder sagen wir „Krieg und Frieden“ oder „Doktor Faustus“ zwar geschrieben, dann aber an der tiefsten Stelle des Stillen Ozeans, im Manilagraben, zwölftausend Meter, versenkt worden wäre, wäre es dann noch Literatur? Wenn sie nicht mehr verfügbar wäre, wenn sie keinen einzelnen fänden, keinen Leser fänden, der sie noch einmal hervorbringt, der sie annimmt, auf die Welt bezieht, auf seine Befindlichkeit bezieht – wäre es dann noch die Weltliteratur, die uns zum Handeln zwingt oder uns schwermütig macht? Diese Frage haben wir einander gestellt, und Sie können sich vorstellen, wie die Antwort ausfiel. Es ist sehr fraglich.

Hanjo Kesting: Nun ist es eine sehr interessante Vorstellung, sich die Literatur, die Weltliteratur, im Manilagraben auszumalen, wo man sie irgendwann mal wieder entdecken würde, vielleicht in Zukunft. Der Aufsatz, Ihr Aufsatz heißt im Untertitel „Das Ende des Gutenberg-Zeitalters“, natürlich mit einem großen Fragezeichen verbunden. Kein ganz neues Thema, aber auch kein erledigtes. Sie weisen auf das Universum an Wissen und Informationen hin, das uns die Computer, und vor allem die Vernetzung der Computer, das weltweite Netz, zur Verfügung stellen. Das ist ja auch eine irgendwie berauschende Perspektive.

Siegfried Lenz: Ich bin ganz sicher, daß die meisten unserer Enzyklopädien wertlos werden. Nicht wertlos in dem Sinne, das sie nicht mehr das hergeben, was wir aus ihnen herausziehen möchten. Sondern die Raschheit und die Umfänglichkeit der Information, die man aus dem Netz beziehen kann, beispielsweise, ist sehr viel praktikabler als alles, was wir aus der „Encyclopaedia Britannica“ erfahren können, nur zum Beispiel.

Hanjo Kesting: Aber was bedeutet das Netz, das Internet für die Literatur? Wird sie dadurch beflügelt, gehemmt? oder sogar tödlich getroffen?

Siegfried Lenz: Ich kann es mir nicht vorstellen! Also ich kann nur für mich sprechen. Es gibt sicher andere Leute, nicht wahr, Stephen King, der im Internet publiziert, grundsätzlich, er wird da seine eigenen Erfahrungen gemacht haben. Ich weiß nicht, welch ein Echo er bekommt. Wenn das Echo, das ein Schriftsteller erhält, eine Legitimation, oder sagen wir eine Art Zufriedenstellung seiner Arbeit ist, dann muß ich sagen, wird das Internet nie in der Lage sein, solche Echos an den Schriftsteller zurückzugeben. Echos, die ausnahmslos von Einzelnen kommen, die vielen Briefe, die ich bekomme, von Lesern, von unbekannten Lesern, zeigen mir, daß sie in vergleichbaren Situationen, vergleichbaren Schwierigkeiten sind, daß sie vergleichbare Hoffnungen haben usw. Aber es sind immer Einzelne. Und solange diese Bedürftigkeit besteht beim Einzelnen, traue ich der Literatur zu, fortzubestehen.

Hanjo Kesting: Ich will den Gedanken noch etwas weiter führen: die Literatur individueller Autoren, angewiesen auf individuelle Leser, wie eh und je. Aber in Ihrem Essay sprechen Sie auch von den Mühen einer geistigen Durchdringung, die das Buch, anders als der Bildschirm, erfordere, von meditativer Versenkung, die erforderlich ist. Es seien zwar lustvolle Mühen, aber solche Lust stellt sich, glaube ich, immer nur langsam ein. Und selbst die Technik des Lusterwerbs, die Technik des Lesens muß gelernt werden. Verkümmern nicht unter den Bedingungen der modernen Medienwelt die Fähigkeiten dazu? Die Individuen, die sich dem Lesen in der alten Weise stellen werden, werden vielleicht zahlenmäßig noch minoritärer als sie es früher ohnehin schon gewesen sind.

Siegfried Lenz: Um auf Ihre letzte Feststellung zurückzukommen, das ist natürlich völlig klar. Sie haben mit Recht darauf hingewiesen, daß es vor zwei-, dreihundert Jahren ein Privileg war, auch ein soziales Privileg, ein Buch zu besitzen, ein Buch zu erwerben und es lesen zu können, ganz selbstverständlich. Aber durch Gutenberg haben wir die Möglichkeit, heute in den Schulen ganz früh mit der Lektüre anzufangen. Und es gibt Anleitungen zum Lesen, es gibt so viele Möglichkeiten, sich einweihen zu lassen auch in diese lustvollen Mühen. Und ich persönlich, ich möchte wieder nur von mir sprechen, habe festgestellt, daß, wenn man regelmäßig liest, abgesehen von allen Bereicherungen, die man erfährt, das als eine Tätigkeit erleben kann, die ohne jegliche Mühe, ohne besonderen Aufwand geschehen kann. Meine Frau und ich lesen jeden Tag. Und ich merke, wenn ich herunterkomme von meiner Arbeit und mich hinsetze und den Updike lese oder irgend etwas, daß es mir sofort gelingt, nach zehn Sekunden... Nun ist das natürlich professionelles Lesen, das sicher nicht vergleichbar ist mit der Lektüre eines Mannes, der den ganzen Tag in einem Büro gesessen hat und verzweifelt irgendwelche juristischen Fälle hat lösen müssen, dann nach Hause kommt und dann nicht gerade James Joyce liest, aber sagen wir Hemingway liest oder Updike....

Hanjo Kesting: Das paßt ganz gut zu dem Mann, der in seinem Büro juristische Fälle zu lesen hat und nach Hause kommt und dort die Kinder und die Ehefrau findet.

Siegfried Lenz: Das ist sehr gut, ja, zum Beispiel „Hasenherz“, „Run, rabbitt, ran“, das würde ich ihm gleich empfehlen, das ist wahr. Nein, man müßte, ähnlich wie Kokoschka, das getan hat, so eine Schule des Sehens, eine Schule des Lesens, des Lesenlernens... Nabokov fällt mir ein, der hat es getan, als er eine Professur hatte an einer amerikanischen Universität. Da hat er versucht, allerdings am Beispiel der Weltliteratur, zu zeigen, wie man liest, mit welchen Ergebnissen, und wie man das ganze auch als Initiationsvorgang betreiben und erfahren kann.

Hanjo Kesting: Ja, meine Frage zielte darauf, ob die Bedingungen, es lernen zu können, lernen zu wollen, für die Jungen nicht viel schwieriger geworden sind. Der letzte Satz Ihres Aufsatzes heißt sinngemäß: „Es wird immer nur eine Minorität sein, die die Literatur braucht, aber war es je anders?“ Ist das nicht zugleich auch ein Abschied von der Illusion, die Literatur könne eine breite gesellschaftliche Wirkung haben und eine Veränderung herbeiführen? Eine Illusion, die die Autoren der sogenannten Nachkriegsliteratur, also nach 1945, und damit auch Sie, offenbar noch geteilt haben.

Siegfried Lenz: Nicht ausdrücklich, das kann ich nicht sagen, und soweit ich mich ganz rasch erinnere, haben meine Kollegen oder meine Freunde, mit denen ich darüber sprach, diese Illusion nie genährt, um es so zu sagen, daß man mit Hilfe von Literatur die Welt verändern könnte. Und das ist auch schon wieder ein zu großer Ausdruck. Sondern sagen wir: die Gesellschaft beeinflussen könnte. Es ist genug – ich komme wieder darauf zurück – wenn man einen einzelnen anhält, Fragen zu stellen oder etwas bewußter oder deutlicher zu leben, das reicht schon vollkommen aus. Wenn er erfährt, daß das Angebot der Literatur darin besteht, mit Hilfe von etwas nicht Erlebtem das Erlebbare deutlicher, kenntlicher zu machen, dann ist schon sehr viel erreicht. Um Gottes Willen, nicht solche großen Visionen! Nicht daran denken, daß man hier in einem gewünschten politischen Sinne, gar mit Hilfe von Agitation – hier beginnt der Leser sich zu verweigern – gesellschaftliche Prozesse verändern oder einleiten könnte. Das, glaube ich, wird immer etwas Prekäres, Erfolgloses oder Illusionäres bleiben.

Hanjo Kesting: Was mir auffällt an Ihrem Essayband, aber nicht nur dort, ist die Gelassenheit des Autors, die Gelassenheit Ihrer Weltwahrnehmung. Das, scheint mir, ist eine Eigenschaft von Siegfried Lenz, und es ist keine, die sich erst mit dem Alter eingestellt hat, sondern die immer schon gegeben war.

Siegfried Lenz: Das ist die Schicksalsdemut der Masuren. Die Schicksalsdemut, die Bereitwilligkeit, sich zu unterwerfen. Es geht seinen Gang, um es so zu sagen, wir werden wenig daran ändern können. Aber festzustellen, wo wir uns befinden, was wir in der Lage sind wahrzunehmen, zu erdulden, ohne es überwinden zu können, zu erleiden, das lohnt sich alle Mal.

Hanjo Kesting: Ist Gelassenheit nicht auch die Voraussetzung des Erzählers, des Epikers, des Romanschriftstellers? Anders als vielleicht beim Essayisten oder Lyriker?

Siegfried Lenz: Sehr richtig, das glaube ich auch! Wobei man die Gelassenheit jetzt aber im hemingwayischen Sinne, der ja in einer gewissen Zeit mein Lehrer war, als Unerregtheit bezeichnen kann. Unerregt, selbst gegenüber den Vorkommnissen und Ereignissen und Konstellationen, die den größten Anlaß zur Erregtheit geben. Als Autor unerregt bleiben. So, daß man nicht nur den Gegenstand, oder das Ereignis, denen man sich widmet, im Auge behält, sondern auch sich selbst, in jeder Sekunde des Schreibens, ganz unerregt. Diese doppelte Unerregtheit, oder wie Sie gesagt haben, Gelassenheit, die ich gern annehme für mich, ist eine – also für mich, ich muß es noch einmal sagen, ganz bekenntnishaft – eine Voraussetzung fürs Schreiben überhaupt.

Hanjo Kesting: Lessing, ein sicher auch von Ihnen geschätzter Autor, hat gesagt, wer bei gewissen Dingen nicht den Verstand verliert, der hat keinen zu verlieren.

Siegfried Lenz: Das kann man wohl sagen.

Hanjo Kesting: Sie kamen als junger Mann aus der Erfahrung eines Zweiten Weltkrieg, an dessen Ende Sie neunzehn Jahre alt waren. Und Sie kamen etwas später aus der Erfahrung einer Literatur, vor allem der amerikanischen, in der die Kriegserfahrung, die allgemeine Kriegserfahrung, die Kriegserfahrung als Existenzerfahrung, sozusagen zum Gesetz, zum Grundprinzip des Lebens geworden war. Etwa wie bei dem von Ihnen zitierten Hemingway. Kommt aus solcher Einsicht auch diese Gelassenheit, um daran dann nicht zerbrechen zu müssen?

Siegfried Lenz: Ich glaube, hier beginnt Gelassenheit zu einem ästhetischen Prinzip zu werden, wenn Sie mich verstehen. Man kann nicht im Zustand extremer Erregung schreiben über ein Ereignis, das man selbst erfahren hat, das man selbst durchstanden hat. Das geht nicht. Thomas Wolfe hat das beispielhaft gesagt. Thomas Wolfe hat gesagt, die mittlere Distanz ist allemal nötig, um dem Ereignis gerecht zu werden. Um nicht überwältigt zu werden, nachträglich überwältigt zu werden von einem Ereignis, muß man es auf Distanz bringen. Nicht aber in die ferne, sondern in die mittlere Distanz, wie er immer wieder sagt, um dem gerecht zu werden: den Ereignissen, den Personen, die dort involviert sind – das ist ganz entscheidend.

Hanjo Kesting: Schriftsteller sind ja ,wie andere Menschen auch, auf die Erfahrung ihrer Generation festgelegt. Für Sie, den damals am Anfang Ihrer literarischen Laufbahn Neunzehnjährigen, war das die Erfahrung von Weltkrieg und Naziherrschaft, wahrscheinlich in dieser Reihenfolge: Weltkrieg und Naziherrschaft.

Siegfried Lenz: Ja.

Hanjo Kesting: Es gab ein paar ältere Autoren, die, bedingt durch die historischen Umstände, erst spät, sozusagen generationsverschoben, zum Schreiben gekommen waren wie Heinrich Böll, Alfred Andersch, Arno Schmidt. Die eigentliche Nachkriegsliteratur kam erst später Ende der 50er Jahre, die Generation der damals Dreißigjährigen: Günter Grass, Martin Walser, Enzenzberger, Rühmkorf und Siegfried Lenz. Sie sind der Älteste in diesem Gruppenbild. Sehen Sie sich zuweilen auch als Figur in einem solchen Gruppenbild der Jahrgänge 1926-29? oder doch eher als einzelnen?

Siegfried Lenz: Es ist mir nie als, wie soll ich sagen, extravagant erschienen oder als seltsam erschienen, daß meine Kollegen Walser oder Böll oder Enzensberger sich immer wieder auf die Themen zurückfallen ließen oder sich dieser Themen annahmen, die auch meine Themen waren. Ich finde schon in der Auswahl der Themen eine gewisse Gleichartigkeit und ein Bekenntnis zu der Generationserfahrung. Schauen Sie, wenn man sich entschließt, als Schriftsteller zu arbeiten, hat man einen unendlichen Horizont von Möglichkeiten. Möglichkeiten der Sprache natürlich auch, aber vor allen Dingen Möglichkeiten der Erfahrung, der Inhalte von Literatur, auf die man zurückkommt. Und es hat mich nie erstaunt, daß bei Andersch, bei Böll, bei Arno Schmidt, diese Themen von Flucht, Verfolgung, Krieg, Leid, Not, Existenzgründung (ganz wichtig!), immer wiederkehrten. Darin fanden wir uns alle in der Notwendigkeit. Schauen Sie, der Erkenntnisstand oder Erkenntnisgrad dieser Generation war nahezu identisch: der war Flakhelfer, der war junger Marinesoldat, der war das, der war das. Und aus dieser Gemeinsamkeit ergab sich nicht zufällig, sondern nahezu zwanghaft die Bevorzugung für verschiedene Inhalte der Literatur. Also, insofern fühle ich mich durchaus einer Generation zugehörig und habe mit sicher verständlichem Interesse zur Kenntnis genommen, was Andersch schrieb, was Böll schrieb, sicher, und was Walser schrieb, das ist ganz klar. Um mich abzustimmen, um mich auch selbst zu überprüfen, in dem, was ich getan habe. Wissen Sie, so dieses Spiegelbedürfnis, das zurückkommt auf einen. Das hat mir immer zu denken gegeben.

Hanjo Kesting: Zur Gemeinsamkeit dieser Generation, der Ende der zwanziger Jahre Geborenen, gehört ja auch das Bewußtsein einer gewissen moralischen Verpflichtung nach den Erfahrungen, die vorausgegangen waren. Moralische Verpflichtung ist für die Literatur in der Regel kein so gutes Vorzeichen: der Zwang zum Guten, die Notwendigkeit, das Böse immer als das Böse darzustellen. War das, rein ästhetisch gesehen, für die Autoren dieser Generation nicht auch eine Belastung? Eine Belastung, der Günter Grass vielleicht am besten entkommen ist dadurch, daß er diesen monströsen Oskar Matzerath erfunden hat.

Siegfried Lenz: In dem Augenblick, wo man sich gewisser Konflikte annimmt, gerät man zwangsläufig in – Verdacht ist zu stark gesagt, gerät man zwangsläufig in eine Betrachtungsweise dieser... ach Gott ja, er versucht es wieder mit Moral! und er versucht darauf hinzuweisen... Nein, es war, glaube ich, einfacher bei den Leuten meiner Generation, bei den Kollegen und Freunden meiner Generation. Nämlich die Frage, wie hat das geschehen können? Oder wie es bei Heinrich Böll einmal wörtlich heißt „Wo warst du Adam?“ „Ich war im Krieg“. Das sagt alles. Diese Schlichtheit, wissen Sie? „Ich war im Krieg.“ Aber warum warst du im Krieg? Und was hast du mitgebracht aus dem Krieg? Und was war das Resultat deiner Beteiligung an diesem Krieg? Diese einfache Frage oder, ich möchte noch genauer sagen, Nachfrage, Nachfrage in Bezug auf sich selbst, wie konnte das geschehen, wie groß ist dein Anteil, wie erheblich ist dein Anteil, wie versuchst du ihn zu erklären? Das ist, glaube ich, das leitende Motiv, der Impuls, der zur literarischen Beschäftigung geführt hat.

Hanjo Kesting: Dennoch, die gewissen moralischen Verpflichtungen, von denen ich gesprochen habe, haben ja auch zu einer gewissen Zeit zu einem un-mittelbaren politischen Engagement bei einer Reihe von Autoren geführt. Günter Grass war der exponierteste, aber auch Sie haben daran mitgewirkt. „Engagement“ hat man das in dieser Epoche von Sartre genannt. Sie haben sich auch konkret engagiert in den sechziger Jahren: für Willy Brandt, dann auch für Helmut Schmidt. Ist dann irgendwann Müdigkeit eingetreten, auch im Sinne von Sartre: „Lange Zeit hielt ich meine Feder für ein Schwert, jetzt kenne ich unsere Ohnmacht“?

Siegfried Lenz: Natürlich haben wir uns auch schon damals gefragt, was bewirkst du oder wie groß ist deine Hoffnung, überhaupt etwas bewirken zu können. Wenn wir nicht nur in kleinen bescheidenen Kneipen im Norden oder Süden, sondern auch in großen Sälen versuchten, für die Politiker zu werben, die wir mit unseren Hoffnungen betraut hatten, nämlich Willy Brandt, Helmut Schmidt usw. Aber ich muß Ihnen sagen, das ist für einen Schriftsteller eine ganz eigentümliche Erfahrung, nämlich in einem Land, in dem das politische Bekenntnis tabuisiert war, in dem man den Vater nicht fragen durfte, was wirst du wählen, um Gottes willen, Pssst!, das ist ein Geheimnis. Daß es in diesem Land zu einem offenherzigen, freimütigen, manchmal auch nah an die Gewalt reichenden Gedankenaustausch darüber kam, einen politischen Gedankenaustausch, das hielt ich für einen Schriftsteller für so ergiebig und großartig, daß ich es immer wieder angenommen habe, selbst dann, wenn ich wußte, daß physische Gewalt hinten im zweiten Raum der geschlossenen Gesellschaft anwesend war. Das, finde ich, sollte ein Schriftsteller sich zumuten, ohne weiteres. Und vor allen Dingen auch seine Hoffnungen aussprechen dürfen. Und diese Hoffnungen begründen, das ist selbstverständlich. Und das haben wir versucht, nichts anderes als dies.

Hanjo Kesting: Ich habe den Jungbrunnen der literarischen Erneuerungen schon angesprochen. Literarisch waren für Sie Weltkrieg und Nazizeit natürlich die Hauptquelle Ihrer Inspirationen, das war Ihr Thema. Von den Kurzgeschichten bis zur „Deutschstunde“ und zum „Heimatmuseum“. Kann man vergleichbar starke und – jetzt wage ich das Wort – inspirierende Erfahrungen auch später noch machen? Oder bleibt man gebunden an den eigenen Generationsvertrag?

Siegfried Lenz: Ja, ich glaube, ich habe mich davon auch entfernt. Entfernen müssen und entfernen wollen von dieser Fixierung auf Krieg und Nachkrieg. In späteren Parabeln, die ich geschrieben habe, auch für das Theater, in der „Augenbinde“ beispielsweise und im „Gesicht“, gibt es natürlich immer noch weitgehend die selben Themen Gewalt, Flucht, Verfolgung. Aber nicht so präzis adressiert an meine eigene Vergangenheit. Und im übrigen habe ich erfahren durch das Echo, das ich auf meine Bücher bekommen habe, daß die Konflikte, die ich darzustellen versucht habe, in einem mir unbekannten Maße übertragbar waren und übertragbar sind. Ich bekam vor gar nicht langer Zeit von einem kubanischen Kollegen einen Brief, der mir vorschlug, eines meiner Theaterstücke, nämlich „Die Augenbinde“ aufzuführen, und ich wußte sofort, das ist illusionär, das kann er in diesem System nicht machen, aber er will es jedenfalls versuchen. Und so war es mit „Zeit der Schuldlosen“ in Rußland zur Zeit der noch bestehenden Sowjetunion und hier und da und in Polen. Wissen Sie, man entfernt sich von sich selbst und stellt fest: so viele Menschen in anderen Ländern haben vergleichbare Erfahrungen. Die Möglichkeit zu Originalerlebnissen und Originalerfahrungen, jetzt global gesehen, ist sehr gering. Und die Übertragbarkeit von Konflikten bietet sich nahezu an, immer und überall. Und insofern kann ich natürlich heute schreiben über den Außenseiter wie in dieser Novelle „Arnes Nachlass“, und ich habe festgestellt, auch am Echo, daß so viele Menschen in vergleichbarer Lage sind und dieses Buch als ihr Buch angenommen haben.

Hanjo Kesting: Welche Bücher oder welches Buch von den eigenen ist Ihnen am liebsten?

Siegfried Lenz: Das ist eine sehr schwierige Frage. Eine Einladung zur Ungerechtigkeit bei der Selbstbesichtigung der ....

Hanjo Kesting: Nabokov zitierend: „Einladung zur Enthauptung“.

Siegfried Lenz: ...“Einladung zur Enthauptung“ heißt es bei Nabokov, ja. Gott, ich weiß es nicht. Ich erinnere mich an die Schwierigkeiten, und immer wieder neu, und das genügt dir nicht, und du erreichst nur Annäherungswerte: vielleicht „Exerzierplatz“. Das ist der Versuch gewesen, einen ganz, ganz meditativen Charakter einzuführen, einen pflanzlichen Charakter in einer Pflanzenwelt einzuführen, den ich immer wieder neu – meine Frau ist mein Zeuge – immer wieder neu angefangen habe, bis ich dann dieses Vegetative in einem Menschen hervorbringen konnte oder annäherungsweise hervorbringen konnte.

Hanjo Kesting: Thomas Mann hat auf diese Frage gesagt: der „Doktor Faustus“, weil er ihm „am schwersten geworden“ ist. Der „Faustus“ ist sicher nicht sein bestes Buch, verglichen mit „Buddenbrooks“ oder dem „Josephsroman, aber es ist am schwersten geworden.

Siegfried Lenz: Vielleicht. Schauen Sie, welch eine – Gleichartigkeit will ich nicht sagen, aber welch eine Annäherung an die Erfahrung von Thomas Mann!

Hanjo Kesting: Über Ihre Lehrmeister, vor allem die Amerikaner, haben Sie sich oft geäußert, auch noch in diesem neuen Essayband. Welche Zeit- und Generationsgenossen waren für Sie besonders wichtig? Autoren wie Günter Grass und Martin Walser müssen Ihnen doch – trotz zuweilen ähnlicher Thematik – eher in der Zugangsweise fremd, ein Autor wie Uwe Johnson eher nahe sein.

Siegfried Lenz: Sprechen Sie mich jetzt auf die amerikanischen Autoren an?

Hanjo Kesting: Ja, aber nicht auf die älteren, sondern auf Ihre Zeit- und Generationsgenossen.

Siegfried Lenz: Naja, Truman Capote ist natürlich ein Autor, den ich sehr schätze. Dessen Themen, dessen Konflikte usw. mir ein bißchen exotisch vorkommen aus einer Gesellschaft, aus einer Erfahrungslage, die mir vollkommen unbekannt ist, die mich aber dennoch anzieht. Da ist mir natürlich ein Mann wie Norman Mailer sehr viel näher mit seiner Kriegserfahrung usw. Das muß ich sagen. Und dennoch fühle ich mich hingezogen zur amerikanischen Klassik, wenn man Faulkner denn überhaupt zur Klassik zählen kann, bei dem ich sehr viel gelernt habe, beispielsweise daß Vergangenheit nie aufhört und daß das Verhängnis, das über dem amerikanischen Süden einst lag, liegt und immer liegen wird, daß dieses Verhängnis fortbestehen wird. Aber aus welchen Gründen? Faulkner macht das deutlich an der menschlichen Seele, an der menschlichen Eigenart, diese Welt in Besitz zu nehmen und den Besitz zu verteidigen mit allen nur denkbaren Mitteln. Das ist es, was mich sehr beeindruckt hat. Im übrigen muss ich Ihnen sagen, wenn ich heute einen Mann wie Melville lese, „Moby Dick“... Nun, meine Hingezogenheit zum Wasser brauche ich nicht näher zu erläutern und zu bekennen, die habe ich mehrmals zu beschreiben versucht. Aber dieses unglaubliche Werk! Sie haben darüber gehandelt, mein Lieber, über Melville, ausführlich und mit meiner ganzen Zustimmung. Das ist natürlich Mythos und Gegenwart, das ist Inbesitznahme der Welt und Rache, es enthält soviel, ich brauche es Ihnen nicht in Erinnerung zu rufen, was Sie geschrieben haben, lieber Hanjo Kesting, das wissen Sie alles. Das ist auch für mich Gegenwart. Das wäre fast eine unzulässige Einschränkung, die Erklärung der Welt nur zu suchen in einer Literatur, die von gleich alten Kollegen geschrieben worden wäre. Man findet so viel – wer hat das gesagt? – : Nehmen Sie Tolstois „Krieg und Frieden“, wenn Sie die Welt erklärt haben wollen, Sie finden jede nur denkbare Erklärung in diesem Buch. Und so finde ich oder suche ich mir das, was mir die Welt zu erklären hilft, durchaus nicht nur in der jüngsten Literatur, sondern auch... Sie haben ja auch Goethe erwähnt mit den „Wahlverwandtschaften“.

Hanjo Kesting: Gut, das sind alles natürlich sehr ehrwürdige Autoren, ich habe eigentlich nach den Zeitgenossen gefragt. Und wie ist es mit den jüngeren? Lesen Sie noch die Literatur der jüngeren Autoren? Gibt es Autoren, die Sie dort besonders schätzen, auf die Sie Hoffnungen setzen?

Siegfried Lenz: Ich lese sie, aber soweit ich dazu in der Lage bin. Ich kann nicht mehr als zwei, drei Stunden am Tag lesen. Das reicht mir manchmal schon neben meiner Arbeit. Aber es gibt sicher hervorragende, Ingo Schulz ist ein sehr guter Autor und viele andere auch.

Hanjo Kesting: Sie haben mir einmal in einem früheren Gespräch gesagt, daß Literatur – oder besser das Schreiben – für Sie ganz persönlich ein Mittel sei, im Dickicht der Welt ein bißchen Übersichtlichkeit, ein bißchen Überschaubarkeit zu gewinnen. Das ist in diesen fünfzig Jahren Ihrer literarischen Tätigkeit sicher nicht einfacher geworden. Haben Sie noch immer dieses Vertrauen in die Erzählbarkeit der Welt?

Siegfried Lenz: Das ist fast eine Einladung für mich, mich eschatologisch zu äußern. Das ist eine Frage, die so umfänglich und langwierig und differenziert beantwortet zu werden verdient, daß wir sie in diesem Augenblick nicht behandeln können. Aber teilweise, und zurückgenommen auf ganz kleine bescheidene Erfahrungen, Ausblicke, minimale Erfahrungen, glaube ich schon, daß Literatur uns die Welt teilweise erklären kann. Ich glaube es schon, wenn man bereit ist, diese Interpretation, falls es eine Interpretation ist, anzunehmen. Ich glaube, Kafka wird nie veralten, und das ist eine solche eminente Erklärung der Welt, daß nichts hinzuzufügen ist.

Hanjo Kesting: Wie oft und wie lange sitzen Sie noch am Schreibtisch?

Siegfried Lenz: Fast jeden Tag. Jetzt, in dieser Zeit, solange ich keine allzu großen Schmerzen habe, aber das geht ganz gut. Am Vormittag drei Stunden ungefähr und dann am Nachmittag, mit dem zweiten Wind nach dem Tee, auch nochmal zwei, drei Stunden.

Hanjo Kesting: Siegfried Lenz, Sie waren ja immer ein vielgelesener und erfolgreicher Autor, der ein breiteres Publikum gefunden hat mit dem Kulminationspunkt, wenn ich das richtig sehe, in der „Deutschstunde“ Ende der sechziger Jahre, aber noch weit darüber hinaus. Hat das eigentlich nachgelassen: dieser in die Breite gehender Publikumserfolg?

Siegfried Lenz: Das müssen Sie meinen Verleger fragen, ich glaube, der ist zufrieden mit dem, was ich ihm bringe von Zeit und Zeit und mit den Verkäufen. Ich glaube, er ist zufrieden.

Hanjo Kesting: Die öffentlichen Ehrungen, eine unendliche Liste, sind ja niemals abgerissen bis zur kürzlich verliehenen Würde eines Ehrenbürgers der Freien und Hansestadt Hamburg, eine Würde, die ja nicht sehr oft verliehen worden ist in der Geschichte dieser Stadt. War das eine besondere Genugtuung?

Siegfried Lenz: Nicht Genugtuung, aber eine besondere Freude, eine mehrfache Freude, nicht zuletzt deswegen, weil dieser Stadt soviel nachgesagt wird, weil solche Vorurteile bestehen gegenüber der Stadt. Vorurteile beispielsweise, die die Stadt in Verruf bringen als Ort der Pfeffersäcke und des Profitverlangens usw. Und daß man einen Schriftsteller auf diese Weise belobigt oder ermutigt, halte ich für außerordentlich, vor allem, weil diese Ehre sehr selten vergeben wird. Darüber habe ich mich sehr, sehr gefreut. Und dann natürlich, weil diese Ehre so selten vergeben wird, daß ich es war.

Hanjo Kesting: Überhaupt die Preise: Büchnerpreis, Friedenspreis, Raabepreis, Thomas-Mann-Preis, Gerhart-Hauptmann-Preis, Lessingring, bis zum allerersten René-Schickele-Preis 1952. Was bedeutet Ihnen das alles, welcher Preis war Ihnen der liebste?

Siegfried Lenz: Der Thomas-Mann-Preis.

Hanjo Kesting: Warum?

Siegfried Lenz: Der Thomas-Mann-Preis in Lübeck. Weil das ganze Fest den Charakter einer erkennbaren Familiarität hatte. Marcel Reich-Ranicki hat die Laudatio gehalten, der Bundespräsident war da, viele Freunde waren da, meine alte Englischlehrerin, sechsundachtzig Jahre alt, kam eigens aus Göttingen heraufgereist nach Lübeck, und überhaupt, die ganze Atmosphäre, es hatte soviel von Familiarität. Ich muß sagen, der Goethe-Preis in Frankfurt hat auch sehr viel für sich, vor allem mit den vertonten Goethe-Liedern, die mir auch heute noch nachklingen. Es war unglaublich. Es war auch wieder Reich-Ranicki, der die Laudatio gehalten hat, das war auch eine Freundschaftsbegebenheit, möchte ich sagen. Aber wenn Sie mich so direkt fragen, ich weiß, jetzt werde ich sicher von irgendwem daran erinnert werden, ja, der Friedenspreis hatte natürlich auch vieles für sich, selbstverständlich, aber er entbehrte der Familiarität.

Hanjo Kesting: Ich habe von Ihrem Erfolg beim Publikum gesprochen. Je größer dieser Erfolg war, desto verhaltener war, oft wenigstens, die Reaktion der Kritik. Wie kommt das? Sie sind zwar seit langen Jahren, im Grunde seit den Anfängen, befreundet mit dem einflußreichsten unserer Kritiker, mit dem von Ihnen zitierten Marcel Reich-Ranicki – Sie reichen mir ja dauernd von selber die Stichworte für meine Fragen –, aber Sie sind nicht eigentlich ein Schriftsteller, den die Kritiker besonders geliebt haben. Vielleicht weil Sie zuwenig nach dem Bild der Kritiker geschnitzt sind?

Siegfried Lenz: Ich weiß es nicht. Also, da Sie die Freundlichkeit hatten, meine letzten Essaybände zu erwähnen, insbesondere „Über den Schmerz“ – dieses Buch hat, sagen wir, sehr zufriedenstellende und mehr als zufrieden-stellende Kritiken bekommen, beispielsweise in der Zeit und in der FAZ und hier und da. Was die Romane angeht, man muß zufrieden sein. Wenn man sich so einmal, ökonomisch gesagt, zu Markte stellt, dann entspricht man dem Geschmack des einen und läßt den anderen in höchster Unzufriedenheit zurück, daran muß man sich gewöhnen. Auf lange Sicht, ja, ich möchte sagen, das Ausland stellt ein gewisses Korrektiv dar. Das Erscheinen meiner Bücher, die ja in viele Sprachen übersetzt werden, und das schlägt dann und kommt zurück. Eine Erfahrung, die übrigens alle meine Kollegen gemacht haben, auch Günter Grass, dessen letzte Bücher, wie Sie wissen, in diesem Land nicht gerade mit Hosiannarufen empfangen wurden, oder Heinrich Böll usw. Aber das ist eine stehende Erfahrung für jeden Schriftsteller, daß man nicht von einer Kritik, die ja auch älter wird, übrigens... Und das hat Marcel sehr zu recht gesagt, eine Kritik gibt es nur in Diktaturen, wir haben Kritiker, und Kritiker sind sehr unterschiedliche Leute mit einem sehr unterschiedlichen Bildungshorizont, mit einem sehr unterschiedlichen ästhetischen Bedürfnis usw. Das wissen wir. Sie schreiben auch Kritiken, ich habe auch fünfzehn Jahre Kritiken geschrieben, solange Reich-Ranicki die Literatur besorgte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Freilich nie über deutsche Kollegen, sondern nur über Angelsachsen und Skandinavier.

Hanjo Kesting: Um zum Anfang zurückzukehren, Sie sind gestern fünfundsiebzig Jahre alt geworden. Ihr Schriftstellerdebut liegt fünfzig Jahre zurück, die prägenden Erfahrungen des Autors noch einige Jahre länger, das sind Erfahrungen, die nie verjähren, das wissen wir. Es scheint auch gar nicht zu vergehen, sondern eher anzuwachsen, auch wenn wir umgeben sind vom Unernst der sogenannten Spaßgesellschaft. Wie ergeht es Ihnen damit, wie fremd ist es Ihnen, wie amüsiert schauen Sie zu? Jean Améry hat in seinem Buch über das Altern geschrieben, im Alter werde die Kultur zur Lastkultur, die wir nicht mehr verstehen.

Siegfried Lenz: Wissen Sie, ich habe ein unerträglich schlichtes Prinzip: Weitermachen. Weitermachen in Übereinstimmung mit den Möglichkeiten, die ich habe. Möglichkeiten der Wahrnehmung, Möglichkeiten der Konfliktbetrachtung und der Bewältigung dieser Konflikte am Schreibtisch. Das reicht mir vollkommen aus. Natürlich höre ich gern Witze, natürlich nehme ich gern zur Kenntnis, was die von Ihnen apostrophierte Spaßgesellschaft in die Welt bringt. Es erheitert mich auch. Nur, ich nehme mir die Freiheit zu gestehen, es erreicht mich nicht. Es ist kurzweilig, unterhaltsam, angenehm zu hören, aber bereits zum Vergessen verurteilt von mir persönlich. Soweit ist es. Das ist keine Hochmut, sondern man sucht sich ja das, was einem entspricht und worauf man glaubt sich festgelegt zu haben: intellektuell, charakterlich usw. Und das entspricht dem, was ich gerade tue und weiß. Ich mache mir da nichts vor, daß ich sehr vieles versäume, aber sehr vieles, was in der Welt geschieht, geht zwangsläufig an einem vorbei, da man nicht so viele Möglichkeiten hat, seine Fühler auszustrecken und wahrzunehmen und für die Bewirtschaftung seiner Konfliktmasse zu reklamieren. Das geht nicht.

Hanjo Kesting: Vielen Dank, Siegfried Lenz.

Siegfried Lenz: Ich danke Ihnen sehr.


Dieses Interview wurde von Herrn Kesting anläßlich des 75. Geburtstages von Siegfried Lenz geführt. Es wurde zuerst beim Norddeutschen Rundfunk in der Sendung "Text und Zeichen - Dialog" am 18. 03. 2001 gesendet. Der dtv dankt Herrn Kesting für die Abdruckgenehmigung an dieser Stelle.

©Hanjo Kesting, 2001
Alle Rechte vorbehalten. Jede Art der Reproduktion oder Modifikation von Seiten oder Teilen des Textes bedarf der ausdrücklichen und schriftlichen Genehmigung des Autors.

Warenkorb Warenkorb