Ich über mich
München, 30.6.2003
LANGSAME TAGE habe ich in den Siebzigern geschrieben. Zunächst eine Kurzgeschichte, die ANGST VOR DER ANGST hieß. Die Geschichte fiel Rainer Werner Fassbinder auf, der sie für den WDR verfilmte. Fassbinder war es, der mich einlud, mit ihm nach New York zu kommen, um gemeinsam mit ihm das Drehbuch zu schreiben. Mit Rücksicht auf meine noch kleinen Söhne habe ich das nicht gemacht, es aber hin und wieder bereut. Auf den dringenden Rat von Fassbinder - "du bist begabt, du mußt dieses Thema zu einem Buch ausarbeiten, das wird wichtig werden für viele Menschen" - auf diesen Rat Fassbinders hin habe ich den Roman geschrieben, aber leider nicht meinen Titel ANGST VOR DER ANGST dafür verwendet. Ich wollte alleine, ohne Fassbinders Namen, meinen Roman herausbringen. Auch das habe ich sehr bereut. Das Buch, das sehr gute Kritiken bekam, wäre mit Sicherheit einer größeren Öffentlichkeit bekanntgeworden, wenn ich meinen Originaltitel genommen und auf die Verfilmung durch Fassbinder hingewiesen hätte.
Im übrigen ist LANGSAME TAGE die Fallstudie einer Depression. Eine junge Frau wird von Tag zu Tag trauriger, hat aber keine Erklärung dafür, es gibt auch niemanden, dem sie sich anvertrauen möchte und könnte. Daher wird sie ohne Hilfe sehr schwer depressiv und muß schließlich in eine Klinik eingewiesen werden. Zum damaligen Zeitpunkt kannte ich einige junge Frauen, die, allein mit ihren sehr kleinen Kindern, von unerklärlichen Depressionen heimgesucht wurden. Mir ging es auch so, dass ich postnatale Depressionen hatte. Daher dies Buch.
SCHWERE REITER ist der Aufbruch zweier älterer Damen aus ihrem Alltags- und Ehetrott. Der Mann der einen ist gestorben, die andere hat mit ihrem Ehemann nicht mehr viel gemeinsam, so reisen die beiden durch Deutschland. Und zwar mit Motorrad und Beiwagen. Verlacht un der Umwelt, aber sie finden sich nach vielen Schmerzen und Irrungen bereit für ein eigenbestimmtes Leben. Die beiden Frauen sind authentisch. Es sind meine Mutter und ihre beste Freundin. Die beiden haben ihr Leben seit der Schulzeit geteilt und - anders als meine Romanfiguren - nur für die Familie gelebt. Das Buch ist meine Version eines Lebens für meine Mutter.
KINDER DES UNGEHORSAMS sind Martin Luther und seine Frau Katharina von Bora. Als Katholikin habe ich mich immer sehr für Luther interessiert. Las umfangreiche Bücher über ihn. Und es störte, ja ärgerte mich, dass über Katharina von Bora, sein Frau, überhaupt kein Zeitzeugnis zu finden war. Da habe ich angefangen zu recherchieren. In den frühen Achtzigern in der damaligen DDR. Eine spannende Zeit. Ich fand viel Hilfe und Freundlichkeit in Wittenberg und den anderen Orten, so dass ich schließlich doch einiges an Material zusammentragen konnte. Dieser Roman über die Luthers ist ein Longseller. Er wird immer noch bei dtv gedruckt und bereitgehalten.
DIESSEITS DES MONDES ist die Geschichte einer Liebe zwischen einer jungen Israeli und einem Deutschen. Die Eltern des jungen Mannes sind noch eng mit der Nazi-Zeit verflochten und lehnen die Verbindung ihres Sohnes mit dem Mädchen aus Tel Avis ab. In Wahrheit haben sie antisemitische Ressentiments. Sensibilisiert durch eine jüdische Mitschülerin, ist mir die Geschichte des Nationalsozialismus nach wie vor unfassbar und beschämend. Die junge Israeli und ihre Geschichte habe ich als Journalistin kennengelernt und aufgeschrieben.
ARMER NANOSH, ursprünglich als Drehbuch für den NDR geschrieben, habe ich - gemeinsam mit Martin Walser - aus einem Stoff von mir entwickelt. Ich hatte Walser erzählt, dass ich mit dem Stoff, der das Schicksal eines Zigeuners beinhaltet, nicht zu Rande komme. Ich hatte ihn aus Gerichtsakten recherchiert, kam aber dann an meine Grenzen, als ich erfuhr, dass der Zigeuner der Täter war, was ich unter keinen Umständen beschreiben wollte. Mit Martin Walser gemeinsam habe ich dann einen vielbeachteten TATORT geschrieben und danach das Buch zum Film.
BESCHÜTZ MEIN HERZ VOR LIEBE ist das Leben einer Münchner Ärztin in der Nazizeit. Sie war Jüdin, wurde gemeinsam mit ihrer Familie enteignet und entwürdigt, am Ende stand sie auf der Liste zur Deportation nach Auschwitz. Das Dienstmädchen Anni versteckt sie drei Jahre lang, bis zur Befreiung durch die Amerikaner. Sie überlebt als Einzige ihrer Familie und erst nach langem Schweigen, auf dringenden Wunsch eines Freundes, erzählt sie mir ihre Geschichte. Für diesen Roman habe ich den Ernst Hoferichter Preis bekommen.
DAS ZWEITE LANG beschreibt das Leben eines kurdischen Mädchens in München. Das Kind ist , von einem Onkel begleitet, aus der Türkei nach Deutschland gekommen. In der Türkei wurde ihre Familie umgebracht. In Deutschland hat es das verlassene Kind schwer, sich einzufügen. Der Onkel arbeitet viel, bevormundet die Nichte, sie muss für ihn den Haushalt führen. In einem Text, der ein einziges Gebet zu Allah ist, erfährt man von dem alltäglichen Kampf des Mädchens um eine neue Heimat. Zurück in die Türkei kann und will sie nicht. Ich habe dieses kurdische Mädchen auf einem Fest kennengelernt, sie hat mir gesagt, dass sie unbedingt Anwältin werden will, denn "Kurden bekommen nirgends Recht", und das will sie ändern. Der Mut dieses Kindes hat mit beeindruckt.
AGNES UNTER DEN WÖLFFEN ist als Jugendbuch entworfen worden. Die Geschichte einer Münchner Abiturklasse mit allen Nöten und Sorgen der Schülerinnen und Schüler. Als eine von ihnen den Drogentot stirbt, stehen sie eng zusammen und sind um einiges erwachsener geworden.
EINE ZIERDE IN IHREM HAUSE ist mein erfolgreichstes Buch, was die Verkaufszahlen angeht. Aber auch inhaltlich ist das Buch den Lesern sehr nahe gekommen, glaube ich, denn es wird heute, nach fünf Jahren, immer noch verkauft. Es geht um die Geschichte der Ottilie von Faber Castell, einer jungen Adligen, die um die vorletzte Jahrhundertwende heiratet und von ihrem Großvater ein unglaubliches Erbe bekommt: Eine Riesenfabrik, Filialen in Europa und Übersee. Ottilie soll nach dem Wunsch des Großvaters die Firma leiten, aber ihr Ehemann, ein Offizier aus dem höchsten Adel, drängt sie zurück in die Kinderstube und reißt die Leitung des Unternehmens an sich. Als Ottilie sich schließlich mit einer Jugendliebe zusammentut, wird ihr Ehemann zu ihrem erklärten Feind.
Zu diesem Buch kam es, als ich an einem Film über den Konzern Faber-Castell mitarbeitete und im Archiv recherchierte. Da wurde ich von der Geschichte dieser jungen Erbin magisch angezogen.
FRAU PRINZ PFEIFT NICHT MEHR. Mein erster Krimi. Inspiriert wurde ich durch eine unerträglich böse Nachbarin, die mich durch ständiges Pöbeln und denunzierende Briefe quälte. Natürlich ist mein Krimi, der ja ein Roman ist und keine Reportage, kein Abbild dieser Umstände, aber der Wunsch meines Verlegers nach einem Krimi von mir wurde dadurch Wirklichkeit. Ich habe diesen Krimi mit großem Vergnügen geschrieben und seitdem kann meine Nachbarin sich so schlecht benehmen wie sie will, es geht mich nichts mehr an. Sie ist ja tot. Totgeschrieben und literarisch in anderer Form wieder auferweckt.
SEI FROH DASS DU LEBST ist mein erster auto biografischer Roman. Eigentlich wollte ich einen Roman über die Fünfziger Jahre schreiben, weil ich den Eindruck hatte, dass diese Zeit in den Medien immer zu schlecht wegkommt: Adenauermief, kleinkariert und so weiter. Ich aber habe diese Zeit völlig anders erlebt. Spannend wie ein Abenteuer, dramatisch, schicksalsträchtig, zukunftsweisend. Und bald kam ich darauf, dass ich meine Beobachtungen an der Person festmachen sollte, die das alles miterlebt hatte - ich.
DIE GÄRTEN DES HERZENS. Die Leidenschaft der Lena Christ. Dieser Lebensweg der altbayerischen Schriftstellerin Lena Christ war mir schon als Schülerin zum Teil bekannt. Irgendwie kam ich an den autobiografischen Roman der Autorin: Die Erinnerungen einer Überflüssigen. Ich habe das Buch verschlungen. Als ich dann umzog nach Bayern, lernte ich nach und nach alle anderen Erzählungen Lena Christs kennen. Ich arbeitete an einem Projekt der Universität München mit: Der Traum vom Schreiben. Aus diesem Essay wurde dann der Roman, der das einseitige Bild der Lena Christ, das Bild der Selbstmörderin und Bilderfälscherein, zurechtrücken soll und der literarischen Welt das Bild einer wichtigen und wunderbaren Schriftstellerin Altbayerns zurückgeben.
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Siehe SEI FROH DASS DU LEBST |
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Das Schreiben dieses Romans war ein äußerst schmerzhafter Prozess. Die Vergangenheit kam mit großer Wucht zurück. Ich träumte die Stimme meiner Mutter, glaubte sie in der Realität zu hören. Die Stadt meiner Kindheit stand so klar vor mir, dass ich jeden Baum, jeden Pflasterstein beschreiben könnte. Und die Menschen sowieso. Einige haben sich bei meinen Lesungen gemeldet, obwohl wir uns ganz aus den Augen verloren hatten. Durch deren Erinnerungen habe ich eine neue Sicht auf das kleine Mädchen bekommen oder auf die sehr junge Frau, die ich damals war. |
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Durch meine zweite Heirat habe ich die große Familie, die ich mir lebenslang gewünscht hatte. In der ersten Ehe wollte ich vier Kinder, bin aber beim zweiten Sohn schon ermüdet, fand meine Ehe für mich nicht mehr lebenswert. Meine Söhne und ich lebten über zwanzig Jahre alleine und das war sehr schön. Es ist neben der Liebe meines zweiten Mannes das größte Geschenk in meinem Leben: Die Liebe und Verehrung meiner beiden Söhne. Bis heute haben sie ihren Wohnsitz bei meinem Mann und mir und das ist Heimat für mich und gibt mir auch viel Freiheit. Mein ältester Sohn hat zwei Kinder, mein Mann hat zwei Kinder, die vier sind im Alter zwischen zehn und siebzehn und leben bei uns. Wenn mein Mann und ich Verpflichtungen haben oder alleine reisen wollen, betreuen meine Söhne die Kinder. Am Morgen, wenn das Haus leer ist, beginne ich mit dem Schreiben. Der Nachmittag ist ausgefüllt mit heimkehrenden Kindern, Essensvorbereitungen, Einkäufen. Dann drängt die Steuererklärung, Post von freundlichen Menschen und von anderen ist zu erledigen. Der Alltag ist überbordend und lässt sich nicht zurückdrängen. Aber das alles ist auch schön und notwendig und je ferner ich meinem Schreibtisch bin, desto dringender ist mein Wunsch, zu schreiben. Schreiben tu ich am PC oder am Laptop. |
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Morgens, wie gesagt. |
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Von allem etwas. Lust immer, Wut häufig, ob es Therapie ist, kann ich nicht beurteilen, höchstens im Falle des Krimi scheint es therapeutisch wirksam gewesen zu sein |
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Meine Söhne sind damit aufgewachsen, dass die Mutter schreibt. Sie sind geduldig, verständnisvoll, interessiert. Mein Mann und die kleineren Kinder kennen es ja auch nicht anders. Sie stören mich nach Möglichkeit nicht, wenn ich am PC sitze |
| 9. |
Gesamtkonzept in sofern, als ich eigentlich nur ein Thema habe: Wie gelingt es dem Menschen, sein eigenes Leben zu leben, auch wenn widrige Umstände es eigentlich nicht erlauben |
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Wohl kaum. Seit ich ein Kind bin, seit dieser lebensbedrohenden Krankheit (Polio) mit elf Jahren, schreibe ich, ist mir das Schreiben Ausweg und Versteck gewesen. Vor jedem neuen Roman stehe ich wie vor einem Berg. Beklommen, zaghaft, mutlos, aber auch mit wahnsinniger Lust oft. |
| 11. |
Ich möchte den Menschen immer wieder sagen, dass sie sich nicht erheben sollten über einen anderen. Dass jeder Mensch auf dieser Welt dem anderen ebenbürtig ist. Dass der Reiche dem Armen abgibt, der Gesunde dem Kranken, der Kluge dem Beschränkten. Und dass auch im letzten Winkel der Erde eindeutig klar ist: Frauen und Männer und Kinder sind gleichberechtigt. |