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TITEL: Warum ich es nicht lassen kann Asta Scheibs Lieblingsbuch
Auf Hänschen hatte ich eine leise, unbestimmte Wut.
Hänschen hatte alles, was es für mich nicht gab. Er trug einen vornehmen dunkelblauen Anzug und geschnürte Lackschuhe, obwohl er im Wald Blaubeeren pflückte. Letzteres war das Einzige, was wir gemeinsam hatten, Hänschen und ich, denn ich trug die alte Schürze meiner Schwester und an den Füßen hatte ich Holzsandalen und ständig den Waldboden zwischen den Zehen. So hockte ich mürrisch in den Waldbeerbüschen, durchkämmte sie nach den blauen Beeren und hasste Hänschen, denn der war nicht nur edel gekleidet, er konnte auch aufrecht durch gepflegte Spaliere schreiten, wo dicke Blaubeeren hingen wie betaute blaue Äpfel und Hänschen hatte nichts anderes zu tun, als diese Wunderwerke von Blaubeeren in seinen vornehmen Korb zu legen, während ich mit schmerzenden Knien am Boden hockte und Stunden brauchte, bis meine Milchkanne voll war mit Beeren, die wir verkauften oder eintauschten gegen dringend benötigte Nahrungsmittel. Obwohl sie mich wütend machte, war die Geschichte vom Hänschen im Blaubeerwald die Lieblingsgeschichte in meinem Kinderbuch, ich war sieben oder acht Jahre alt und lernte, dass es Geschichten gab, die mich etwas angingen, die in mir Sehnsüchte weckten wie die Bücher von Isabel und Martin, die Manfred Hausmann geschrieben hatte, und die ich atemlos verschlang, als ich elf war oder zwölf. Da gab es vier beneidenswerte Kinder, die bei Regen in der Bibliothek der Eltern spielen durften. Die Mutter hatte einen Nähkorb, der Vater erzählte Geschichten, und es gab Tee und geröstetes Weißbrot, und ich wollte von den Hausmanns adoptiert werden. Später waren es die Karl May-Bände meines Bruders, die ich am liebsten las, noch später John Steinbeck, dem ich berauscht nach Kalifornien folgte. Als ich siebzehn war, las ich zum erstenmal Effi Briest und von diesem Tag an wurde alles anders. Ich wusste nicht, dass der Roman Effi Briest zur Weltliteratur gehörte, aber ich las dieses Buch andächtig, langsam, Satz für Satz, genoss Fontanes ironisches Spiel mit der Sprach, ohne davon zu wissen. Ich kannte auch Fontanes hohe Kunst der Verschlüsselung noch nicht, suchte am Schluss verwirrt nach dem Kapitel, in dem Effie Briest ihren Mann betrügt. Erst in dem Gespräch zwischen Baron Innstetten und Geheimrat Wüllersdorf, einem meisterhaften Dialog, begriff ich, was geschehen war. Um mich war es auch geschehen. Theodor Fontane wurde literarisch mein Ein und Alles. Ich las mich durch sein Werk, von unserem Deutschlehrer begeistert unterstützt, las die Romane und Erzählungen, die Schriften und Briefe, zuletzt den Ehebriefwechsel zwischen Theodor und Emilie Fontane, zwischendurch Sekundärliteratur, Jolles, Demetz, Wandrey. Eine Zeitlang schwankte ich, ob nicht Jenny Treibel mein Lieblingsfontanebuch wäre, doch Jenny mit ihrem Standesdünkel und ihren Intrigen muss immer wieder zurücktreten hinter die liebenswürdige Effi, die es faustdick hinter den Ohren hat. Für mich sind alle Texte Fontanes unvergleichlich - gelangweilt habe ich mich nie, auch nicht nach wiederholter Lektüre.
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