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Über Asta Scheib: Professor Richard Exner
Zur Lesung von Asta Scheib
Fürstenfeldbruck, Kester Haeusler Stiftung am 29.IV.97
Wenn sich, in den späteren Jahren ihrer Beziehung, Stefan George über den sechs Jahre jüngeren Hugo von Hofmannsthal mokieren wollte, pflegte er einen seiner Jünger zu fragen: "Hast du DAS LEBEN gesehen?" Er hatte nämlich Hoffmannsthal einmal, als dieser ihm einen österreichischen Dichter nahebringen wollte und ihn als "dem Leben zugewandt" charakterisierte, mitgeteilt, er, George, finde gar keinen Zugang zu dem Begriff "Leben". Für ihn gebe es nur die Kunst, und sie wäre ja fast des Lebens Gegenteil. Wer Kunst machen wolle, könne ihm nicht mit dem Leben kommen. Das war damals zwar nicht die allgemeine Ansicht unter ausübenden Künstlern, aber George stand keineswegs allein mit seiner Abneigung gegen das "Leben". Thomas Mann ließ einmal eine seiner fiktiven Gestalten bemerken, wahrscheinlich müsse man irgendwie gestorben sein, um wahrhaft schaffen zu können.
Das ist lange her. Liest man aber heutige Kritiken, so wollen Kritiker doch auch sehr selten etwas über das gewöhnliche Leben hören, darüber nämlich, was uns allen gemeinsam ist. Rudolf Borchardt, der selbst-ernannte Paladin Hofmannsthals, hatte im Hinblick auf George und seine Jünger Hofmannsthal zustimmend versichert, es komme schließlich darauf an, daß der Dichter von dem spreche, was er mit dem Rest der Menschheit teilt, denn nur so sei und bleibe er Mensch unter Menschen - sonst sei er ein Teufel, bestenfalls ein armer Teufel! Das war damals - und ist auch heute - ein nicht ganz unzeitgemäßer Angriff gegen den Primat des Borniert-Idiosynkratischen, des Einmaligseins um jeden Preis.
Alles das vorab gesagt, möchte ich jetzt behaupten: bei Asta Scheib steht genau dieses "Leben" im Mittelpunkt ihres Schreibens und eine Vorstellung von unerschütterlicher Gerechtigkeit im Mittelpunkt des Lebens, und im Brennpunkt der Gerechtigkeit steht die MENSCHLICHKEIT, die MIT-MENSCHLICHKEIT - und nicht nur in der "Gesellschaft", wie wir den Begriff gemeinhin fassen, sondern auch an deren Rändern und Grenzen. Und innerhalb dieser für Asta Scheib außer allem Zweifel stehenden Themen-Kreise gibt es für diese Schriftstellerin (und das macht sie für mich unverwechselbar) keine politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, religiösen, kulturgeschichtlichen, rassischen, alters- oder geschlechtsbedingten und auch keine sexuellen Tabus. Sie schafft, gleichsam spielend und mühelos, die Verlebendigung der "erzählten" Personen, und sehr oft ist ihr Tempo, das berühmte und mit Recht so geschätzte PACING der erzählerische Schrittmacher ihrer Prosa.
Das Leben wird "als Ganzes" in ihrem erzählerischen Werk festgehalten und hergezeigt, und seine Zwischenstationen werden in ihrer Chromatik ausgeleuchtet. Wir, die Leser, werden angehalten, uns ein Beispiel zu nehmen und uns zu ändern (Ja, genau das will ihre Kunst!) und genau damit hört für den Leser die Gemütlichkeit auf, denn heiße Eisen sind heiß und so ernst muß man es ja vielleicht doch nicht nehmen. Wo bleibt die Unterhaltung, wo bleibt die Bestätigung, wenn da eine Schriftstellerin immer wieder auf das Wasserzeichen Ihres Schreibens pocht: SO GEHT ES NICHT WEITER, SO KANN ES, SO DARF ES NICHT WEITERGEHEN!
Lassen Sie mich Ihnen, pars pro toto, ein paar Beispiele aus dem Werk geben. Es wird Ihnen klar werden, warum ein Mensch, der eine einbringliche journalistische und redaktionelle Tätigkeit ausübte, sich auf den berühmten "freien" Markt begeben hat, warum - statt des Erwerbswillens, der Kunstwille sie treibt, einfach, klar und schön zu schreiben, ein Kunstwille, der auf Gedrechseltes und Outriertes verzichtet.
1981 erscheinen die LANGSAMEN TAGE, ein Buch über die Angst, das aus einer Erzählung "Angst vor der Angst", (später von Fassbinder verfilmt) gewachsen war. Die Frage ist: wie geht die Angst in unserem Leben um, wie geht man mit ihr um, wenn sie einen gepackt hat und nicht mehr freigibt. An der damals von Martin Walser verfaßten "Lese-Kolumne" über dies Buch, läßt sich exemplarisch zeigen, was uns zu Scheib-Lesern machen könnte und sollte: Sie provoziert uns fortgesetzt, über Dinge nachzudenken, die wir entweder als (zumindest für uns) zu schmerzhaft oder schon erledigt abgelegt haben oder liebend gerne ablegen würden. Und sie reißt diese Themen nicht nur an, sondern geht weit genug und schreibt sich, so Walser, "in die prekären Momente des <...> Zusammenlebens" hinein. Irgendwann kann dann der Leser nicht mehr zurück. Auf mehreren Seiten vor dem Höhepunkt der Geschichte (der zugleich ihr seelischer Tiefpunkt ist) erreicht sie durch das freilich nicht immer durchzuhaltende PACING eine Intensität, wie sie uns - es ist nicht zu hoch gegriffen - aus einigen Seiten Tolstoys anfällt, die Anna Kareninas letzte Stunden vor ihrem Selbstmord detaillieren.
Oder - elf Jahre später - "die Geschichte der Therese Rheinfelder", BESCHÜTZ MEIN HERZ VOR LIEBE, ein vorbildlich recherchierter Text, der auf lange Strecken die erzählerische Parallele zu den Tagebüchern Viktor Klemperers sein könnte: diese verzweifelte und oft so tödliche Anhänglichkeit vieler deutscher Juden an ein Land, das seit Jahr und Tag ihres ist, und dessen plötzliche mörderische Unwirtlichkeit sie nicht hinnehmen, noch sich wirklich vorzustellen imstande sind. Therese Rheinfelder beobachtet an ihren Eltern die Unfähigkeit, das "neue Deutschland" zu erkennen, zu fürchten und zu fliehen. So geht die Familie unter; Therese überlebt bis ans Kriegsende, verborgen und beschützt vom Bruder einer früheren Hausangestellten ihrer Eltern. Nirgens ist dieses Buch ein ideologisches "Programm", sondern "Lebens"darstellung, in der sich Großes mit Kleinem und Kleinlichem vermischt.
Wieder zwei Jahre später erscheint das ZWEITE LAND. Hier wird das Leben einer jungen Kurdin erzählt. Wiederum geht es um die glaubwürdige "Verlebendigung" eines menschlichen Schicksals, das durch diese Verlebendigung haut- und seelennah auf den Leser wirkt und NICHT durch irgendeine Statistik, wie immer grauenhaft sie ausfallen könnte, aber als Statistik eben unvorstellbar bliebe.
KINDER DES UNGEHORSAMS, die Lebens- und Liebesgeschichte des Martin Luther und der Katharina von Bora ist Asta Scheibs Bestseller. Er wird auch in Kürze in den Vereinigten Staaten, in Canada und auf den Philippinen erscheinen. Elf Jahre nach dem Erscheinen des Buches begann seine Karriere mit der Paperbackausgabe, deren erste Auflage sofort vergriffen war. Dieses Buch ist insofern Asta Scheibs Klassiker, weil es das charakteristische Beispiel ihrer besonderen Erzählkunst darstellt: ein Buch über Religion, über das Religiöse, ein Buch über die Liebe und Ehe und Kinder, über die Zeit der Reformation, nicht zuletzt über das Thema (wie es seinerzeit in der SZ gefaßt war): "wie kann man, auch unter ungünstigsten Bedingungen, die Freiheit gewinnen, das eigene Leben zu leben?" Es ist aber auch ein leidenschaftliches Plädoyer einer Frau für eine Frau, deren historische Position unbestritten, deren Bedeutung innerhalb dieser Position und innerhalb ihrer Ehe mit Luther aber seit eh und je beschnitten, geringgeschätzt oder einfach ignoriert wurde. Nur über Melanchthon und Erasmus wissen wir etwas Näheres über Katharina von Bora, - und aus Luthers Briefen, deren anfängliche legendäre Kratzbürstigkeit immer mehr nachläßt. "Der Mönch und die entlaufende Nonne" erschienen Vielen in ihrer Zeit als grotesk oder höchst unerlaubt. Jahrelang recherchierte die Autorin unter schwierigen Umständen, unter anderem in Wittenberg, damals noch DDR. Ihre Ernte im Politischen, Religiösen, Kulturgeschichtlichen, das Medizin und Heilkunst einbegriff, war überraschend reichhaltig. Asta Scheib hat, könnte man summieren, Katharina von Bora in ihre eigene Zeit versetzt, hat sie aber auch für unsere Zeit und in ihr erfunden und dargestellt und künstlerisch überzeugend gezeichnet. Und das ohne jedwede Rücksicht auf ein bestimmtes Publikum. Es ging ihr nicht um Identifikation mit ihrer Heldin, sondern allein darum, ihr endlich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Daß sie damit als Schriftstellerin selbst deutlicher vor uns erscheint, ist gewissermaßen die Zuwaage, die Thomas Mann einmal (sehr früh und sehr deutlich, in einem Brief an den Jugendfreund Otto Grautoff) mit den Worten charakterisierte: wer Geschichten schreibe, könne auf ein Tagebuch verzichten. Wir wissen, das hat er selbst nie getan. Wahr ist der Satz aber trotzdem. Nicht umsonst stoßen wir bei Asta Scheib immer wieder auf den Namen Agnes, der ihr zweiter Vorname ist. Einmal sogar im Titel.
Und damit komme ich zum letzten Buch, von dem hier noch die Rede sein soll, zu AGNES UNTER DEN WÖLFFEN. Hier ging es mir wie Walser mit den LANGSAMEN TAGEN. Die Geschichte von einem jungen Mädchen zwischen zwei Männern, einem jungen und einem älteren...ich wäre nicht auf die Idee gekommen, dieses Buch (vom Verlag auch noch als Jugendroman verpackt) könnte ein großer Wurf sein. Ich kannte aber schließlich den vollen Namen der Autorin, sah den Namen im Titel als Signal und las den Text, und nicht nur einmal. Nicht nur ist das kein "Jugendroman", noch ist es genau genommen ein Roman über "die Jugend". Es ist, für mich, ein künstlerisch vollkommen gelungenes Portrait der zum Teil sich selbst reflektierenden Teenager-Szene. Fabelhaft scheint mir der Einstieg aus der Kindheit in diese Szene gezeichnet, ebenso fabelhaft der Übergang zum wirklichen Erwachsenensein. Wieder wird geschrieben ohne Rücksicht auf Tabus und Klischees. Was man heute überall den "Stellenwert" nennt, dieser Stellenwert der wichtigsten menschlichen Emotionen und Lebensereignisse wird hier brilliant herausgearbeitet im Kreuzfeuer von "coolness" und tödlichem Ernst, von Zuneigung, Liebelei, Verlangen, Liebe und dem finalen Einschnitt des Todes, übrigens genau dann, wenn man als junger Mensch den Tod eher romantisiert, ignoriert oder überspielt. AGNES UNTER DEN WÖLFFEN ist als Ganzes eine literarische Anthropologie und Apologie der "teen-ager", ihrer Phantasien, Wünsche und ihrer Sprache, die keineswegs verherrlicht oder zur Poesie erhoben wird, sondern sich (und das ist sehr erstaunlich!) mühelos und natürlich in den Duktus der Fabel einfügt. Es täte uns gut, dieses Hohelied des Erwachsenenwerdens, dieses passionierte Plädoyer für das Reifen sehr genau zu lesen, um uns die teenagers , (auch sie sind ja Kinder des Ungehorsams!) glaubwürdiger zu machen und selbst glaubwürdiger auf sie zu reagieren. Wie im Falle der KINDER DES UNGEHORSAMS sollte vielleicht dtv (deutscher taschenbuchverlag) dieses Buch aus der unseligen Ecke der "Echter Jugendromane" herausholen und neu auflegen. Der Erfolg kann, meine ich, nicht ausbleiben, weil sich der Text an Leser aller Alter und von verschiedenster "sophistication", sprich von unterschiedlichster Geistigkeit wendet.
Genug. Asta Scheibs aus emotionalem und rationalem Engagement gewachsene Fabulier- und Erzählkunst macht, was immer sie aufgreift, zum Gegenstand der Reflexion; im glücklichsten Fall, der oft eintritt bei ihr den den ich heute abend an einigen Beispielen charaktierisieren wollte, mündet dieser Kunstwille in ein Genre, das zwischen fact und fiction wie ein Weberschiffchen hin und hereilt, zwischen Fabel und Recherche. Es ist dieser Bereich dem an englischsprachige Literatur gewöhnten Leser vielleicht vertrauter (denken Sie an den hard-hitting Truman Capote, denken Sie an einiges von John Updike). Dieses Genre liegt oft besonders im Schußfeld der Kritik, besonders, wenn dieser das jeweils aufgegriffene Thema nicht paßt. Es ist nicht das Genre des Journalismus oder des wie immer gearteten Essays. Es ist die literarische, erzählerische, wenn Sie wollen narrative Rechtfertigung eines unablässigen Interesses am wirklichen Leben unserer Mitmenschen, von heute oder aus dem 15. oder 16. Jahrhundert. - Und so sind wir am Ende wieder bei jenem "Leben", das Hofmannsthal in seine Kunst "einkörpern" wollte, und das George, im Namen der Kunst, meinte verhöhnen zu müssen.
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