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Über Asta Scheib: Herbert Riehl Heyse
An: ASTA
POS: RHY
Bücher haben bekanntlich ihre eigenen Schicksale - man merkt es besonders, wenn man zufällig aus einiger Nähe beobachten kann, wie manche von ihnen entstehen. Manchmal jedenfalls kann man gar nicht sagen, was man Am Ende mehr bestaunen soll: die glückliche Fügung, dass da zur rechten Zeit ein Schreiber oder eine Schreiberin jemand gekannt hat, der jemanden kennt, dessen Geschichte danach schreit, geschrieben zu werden, oder doch die Tatsache, dass dieser Schreiber respektive die Schreiberin den Mut und die Kraft und die Disziplin gehabt hat, die Geschichte auch wirklich aufzuschreiben, wüsste man mehr über solche Dinge, man läse manche Bücher mit anderen Augen. (Was nichts daran ändert, dass ein schlechtes Buch auch dann schlecht bleibt, wenn es der Autor im Gefängnis geschrieben hat oder während eines Hungerstreiks für die Befreiung der Literatur von der Knechtschaft der Verleger.)
Die Münchner Schriftstellerin Asta Scheib hat soeben einen Roman vorgelegt über die Geschichte einer Münchner Jüdin im Krieg - und schon diese Feststellung ist höchstens ein kleiner Teil der Wahrheit über ihr neuestes Buch. Erst einmal aus dem trivialen Grund, dass Asta Scheib natürlich gar keine Münchnerin ist, also nicht seit ihrer Kindheit wissen kann, wo Berg am Laim liegt und dass in der ersten Zeit der Verfolgung die Münchner Juden dort in einem Sammellager mit dem zynischen Namen "Heimanlage für Juden" zusammengepfercht worden sind, bevor man sie weitergeschickt hat nach Auschwitz und Treblinka. Asta Scheib ist im Rheinland geboren, hat dort ihre ersten Schreibversuche unternommen, dann erst einmal ins Fränkische geheiratet und eine ganze Zeit lang nicht im Traum daran gedacht, eines Tages Bücher zu veröffentlichen.
Wie es dazu kommt, dass jemand überhaupt den Mut entwickelt, Belletristik zu schreiben, Figuren zu erfinden, zu hoffen, dass ein breites Publikum sich dafür interessiert - das ist der eine und immer wieder spannende Teil der Vorgeschichte eines jeden Romans. In Asta Scheibs Fall ist es so, dass sie als Journalistin zu arbeiten begonnen hatte, in dieser Eigenschaft einen Filmkritiker kennen lernte, diesem das Manuskript einer Erzählung zeigte, und durch dessen Vermittlung mit Rainer Werner Fassbinder bekannt wurde. Der Film "Angst vor der Angst", der auf diese Weise entstand, gehört zu den wichtigsten Filmen des genialen Regisseurs. Für Asta Scheib war er wohl vor allem deshalb wichtig, weil sie nun wusste, was sie kann. Sie schreib, basierend auf dem Stoff von Erzählung und Film, ihren ersten Roman "Langsame Tage", und bekam von einer Reihe von Kritikern bestätigt, dass sie einen eigenen, eindringlichen Ton gefunden hatte.
War sie nun eine Schriftstellerin? Ach ja, das wird man nicht so einfach durch Beschluss oder Resonanz bei den Lesern oder wegen guter Kritiken; schon gar nicht kann man von alledem leben und zwei Söhne ernähren. Erst einmal hat diese Schriftstellerin einige Jahre lang zwei Berufe gleichzeitig ausgeübt (wenn man den als Hausfrau und Mutter nicht mitzählt): Hat tagsüber als Redakteurin bei freundin, Eltern oder Mädchen gearbeitet, und nebenbei - nein hauptsächlich - ihre Romane geschrieben. Früh um Fünf Uhr vor dem Büro, spät in der Nacht, in jedem Urlaub, an jedem Wochenende. Zwei weitere Romane sind auf diese Weise entstanden, der witzige Roman "Schwere Reiter" und ein sehr rechercheintensives Buch über Katharina Luther. Dann hatte Asta Scheib, Mitglied des P.E.N.-Clubs, einen guten Namen - und gute Chancen, irgendwann zusammenzuklappen. Sie fragte also ihre Söhne, gab ihren gutbezahlten Job als leitende Redakteurin der Zeitschrift Mädchen auf - und sprang ins Abenteuer.
Asta Scheib neigt nicht zum Jammern - dazu ist sie zu fröhlich, auch zu lebenstüchtig; des weiteren neigt sie nicht dazu, sich zur Dichterin zu stilisieren, ohne deren Botschaft die Welt zugrunde ginge. Vermutlich weil sie sich nicht zu wichtig nimmt, hat sie nach relativ kurzer Zeit den Vorsitz des überaus wichtigen Schriftstellerverbandes in Bayern wieder niedergelegt ("das war der reine Streitverband"); und ebenfalls aus diesem Grund macht es ihr überhaupt nichts aus, zwischendurch immer wieder als freie Journalistin zu arbeiten, zumal dieser Beruf nicht nur zum Broterwerb taugt, sondern beispielsweise auch dazu, spannende Menschen kennen zu lernen. Große Kollegen hat sie auf diese Weise getroffen, wie Martin Walser, der viel von ihr hält und 1989 mit ihr zusammen den Tatort "armer Nanosch" geschrieben hat; dann wiederum interviewt sie ein israelisches Mädchen, das sich mit Striptease-Tanzen ihren Lebensunterhalt verdient - und hat den Stoff für ihren nächsten Roman. "Diesseits des Mondes" hat der geheißen, und geschrieben, sagt sie, hat sie ihn aus "wahnsinniger Schreiblust". (Eine Sucht, die in Wahrheit jeden, der ihr verfallen ist, täglich dreimal zwischen Euphorie und Depression hin und her taumeln lässt. Das gilt natürlich auch für Asta S.)
Und jetzt also "Beschütz mein Herz vor Liebe": Das Buch über die Jüdin Therese Rheinfelder, die in Wahrheit anders heißt und ängstlich auf ihre Anonymität pocht, weil sie eine panische - nur zu verständliche - Angst davor hat, in tausend Interviews oder Talkshows aus den schrecklichsten zwölf Jahren ihres Lebens berichten zu müssen. Nur einmal hat sie eben doch noch berichtet - und man könnte es gewiss auch einen Zufall nennen, dass Asta Scheib eines Tages die alte Dame kennen gelernt hat, übrigens auf Vermittlung des großen Münchner Journalisten Ernst Müller-Meiningen jr., der mit Therese Rheinfelder seit vielen Jahren befreundet ist. Man könnte aber auch sagen, dass es Zufälle sowieso nicht gibt. Und schon gar nicht im Zusammenhang mit dem Entstehen von Büchern.
Wie auch immer, eines Tages sitzt also die gelernte Münchnerin Scheib im Wohnzimmer der gebürtigen Münchnerin Rheinfelder und hört ihre schreckliche, nur ganz am Rande auch tröstliche Geschichte (insofern Therese im Bretterverschlag ausgerechnet eines Polizistenhaushalts im Isarwinkel überlebt hat.) Es ist die Geschichte einer jungen Münchner Frau aus großbürgerlichem, kultiviertem Hause, die eines Tages feststellen muss, dass sie keine Münchnerin mehr sein darf, weil das nichtjüdische Großbürgertum sich an die Nazis verkauft und die Kultur ihren Bankrott erklärt hat. Als diese Tatsache ihr und ihrer Familie klar ist mit allen Konsequenzen, erschießt sich der Vater, gehen Mutter und Schwester in die Donau. Nur Therese überlebt in ihrem Verlies. Vielleicht auch, um 45 Jahre später einer ihr völlig Unbekannten das alles erzählen zu können.
Martin Walser, als er von Asta Scheibs Plan gehört und die ersten Passagen gelesen hatte, hat gesagt, das werde ein starkes Buch, aber leider werde es niemand mehr lesen wollen. Asta Scheib, die auch einigen anderen Freunden gelegentlich ein Kapitel vorgelesen hatte, hat geantwortet, genau deshalb schreibe sie es ja, und hat sich noch mehr in die Arbeit gestürzt, hat Bücher gewälzt, mit Zeitzeugen geredet, sich ein Bild gemacht von der Stadt München unter dem Hakenkreuz, in der einer jungen Frau so furchtbare Dinge angetan worden sind; von der Stadt München, die sich in diesen Jahren selbst Furchtbares angetan hat, was man heute leicht vergessen könnte, weil sie ja nun wieder eine reiche und schöne Stadt ist. Und hat ein verstörendes, unter die Haut gehendes Buch geschrieben, für das allein es notwendig war, dass sie eben doch eine Schriftstellerin geworden ist.
Seit das Buch fertig ist, schreibt Asta Scheib wieder verstärkt für den Lebensunterhalt, bastelt an Fernsehdrehbüchern, recherchiert für Magazine, vertritt die bayerischen Schriftsteller im Rundfunkrat. Und manchmal trifft sie sich in diesen tristen Herbsttagen des Jahres 1992 im Kreise von ein paar Freunden, um einen Aufruf mitzuformulieren, in dem es heißt, in diesem Land hätten Ausländer und auch Juden schon wieder Angst und es gelte den Anfängen zu wehren.
Damit nicht in fünfzig Jahren eine andere Schriftstellerin ein Buch schreiben muss wie dieses neueste von Asta Scheib.
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