David Abbott

David Abbott wurde 1938 in London geboren und galt lange Zeit als einer der bedeutendsten Experten der Werbebranche. Nach diversen Firmengründungen und einigen Jahren in New York gründete er ›Abbott Mead Vickers‹, eine der einflussreichsten englischen Werbeagenturen, die unter anderem Volvo und Chivas Regal betreute. In Anerkennung für sein Lebenswerk als Kreativer wurde David Abbott 2001 in die Creative Hall of Fame des ›The One Club‹ aufgenommen. ›Die späte Ernte des Henry Cage‹ ist sein erster Roman und fand auf Anhieb internationale Anerkennung.

 

Abbott über Abbott

Am 9. Oktober 1999 verließ ich die Werbeagentur, die ich einundzwanzig Jahre zuvor mitbegründet hatte. Es waren noch zwei Tage bis zu meinem sechzigsten Geburtstag. Ich hatte vierzig Jahre lang in der Werbung gearbeitet, und obwohl ich im Laufe der Zeit auch andere Verantwortlichkeiten übernommen hatte, war ich zu jeder Zeit ein Werbetexter. Vierzig Jahre lang habe ich jeden Tag Werbetexte geschrieben, oft auch nachts und am Wochenende. Ich habe alles daran geliebt – sogar die deadlines – und ich hatte nie daran gedacht, einen Roman zu schreiben. Bis zu meiner Abschiedsrede.

 

Am Ende meines langen Abschieds hörte ich mich sagen: »Natürlich werde ich weiter schreiben – ich weiß nicht, was – vielleicht ein Drehbuch, vielleicht Witze, vielleicht einen Roman.« Im Frühling 1999 begann ich, über Henry Cage zu schreiben. Einige Zeit danach, noch im selben Jahr, las ich dem Woman’s AdvertisingClub in London einige Seiten vor. Meine Freunde nahmen an, dass ich nun ein Romancier geworden war und hart an meinem Buch arbeitete. Aber das stimmte nicht. Schreiben, das war zu dieser Zeit etwas, das ich tat, wenn ich nichts anderes zu tun hatte – und das Schicksal (oder mein Unterbewusstsein) verstand es, mir jede Menge anderes zu tun zu geben.

 

Aber obwohl Henry Cage vernachlässigt wurde, war er doch immer da, und der Stapel der Manuskriptseiten wuchs. Schließlich war das Buch bei ungefähr 63 000 Wörtern angekommen. Ich beendete es im Herbst 2008. (Keine Sorge, ich rechne das für Sie aus: Macht ungefähr 146 Wörter die Woche.) Nicht gerade produktiv. Aber ich habe mir große Mühe gegeben, daraus 146 gute Wörter zu machen. Ich begann wild zu kürzen und verlor beinahe 10 000 Wörter, als ich einen unnötigen Nebenhandlungsstrang entfernte.

 

Ich wollte, dass es keine einzige langweilige Seite in diesem Buch gibt, dass es für den Leser auf jeder Seite etwas zu holen gibt – eine Einsicht, ein Wiedererkennen, ein Stückchen Dialog, das wahr klingt, eine Handlung, die den Leser weitertreibt, einen Satz, bei dem der Leser etwas fühlt. Es ist nicht leicht, Tiefe und Tempo zu verbinden, aber genau das habe ich versucht.

 

Henry Cage ist ein Mann, der etwas aus dem Takt der Zeit gekommen ist, in der er lebt. In vielerlei Hinsicht ist er ein Vorzeigebürger, liberal und fortschrittlich, aber einige werden bei der Lektüre den Eindruck haben, dass er die eine, die große moralische Prüfung seines Lebens nicht besteht. Es stimmt, er erlebt eine elende Reihe von unglücklichen Vorkommnissen – aber ist das schlicht Pech? Oder erntet er, was er gesät hat?

 

Als Autor urteile ich nicht, aber als Mensch glaube ich, dass – weil wir alle Verfehlungen begehen – die Fähigkeit zu vergeben die höchste Tugend ist. Ohne diese Fähigkeit gibt es keine Gesellschaft, keine dauerhafte Liebe, keinen Frieden und keinen Seelenfrieden.

 

John de Falbe schrieb in einer Rezension: »Das Buch ist sehr geschickt gebaut, die Szenen folgen, eine aus der anderen, mit einem unbeirrten Gespür für die Dynamik und die Spannungen der Geschichte. Seine Essenz liegt jedoch nicht in seiner eigenen Gewitztheit, sondern darin, zu zeigen, wie Verlust geschieht. Indem es das Urteil zurückhält, erweist es sich als tief empfunden.«

Es sind die letzten beiden Worte, die mir am kostbarsten sind. 
 

David Abbott,  September 2010