Interview Teil 2

Welches Talent hat Troy Chance, das Sie auch gerne hätten?

 

Es ist kein Talent, aber sie kann viele Dinge essen, die ich nicht essen kann: Ich habe jetzt eine Glutenunverträglichkeit und kann weder Weizen noch Roggen oder Gerste essen – was der Grund dafür sein könnte, dass ich Essen so liebevoll beschreibe. Davon abgesehen – was Troy kann, kann ich auch. Außer, wie bereits erwähnt, von einer Fähre springen. Oder tauchen. Vielleicht mache ich sie auch noch zu einer perfekten Könnerin im Rückwärtseinparken, worin ich grottenschlecht bin.

 

Sie sind an einem sehr ungewöhnlichen Ort groß geworden. Wie hat diese Umgebung Sie beeinflusst?

 

Die Stadt in Tennessee, in der ich aufgewachsen bin, wurde während des Zweiten Weltkriegs im Rahmen des sogenannten Manhattan Project in einer kaum besiedelten Gegend gebaut – ein Top-Secret-Projekt zum Bau einer Atombombe. Daher war es in vielerlei Hinsicht eine künstliche Stadt mit einer kurzen Geschichte und mit vielen Menschen im gleichen Alter und mit ähnlichen Berufen, es gab eine große Anzahl von Wissenschaftlern. Ich glaube, das hat mich in mancher Hinsicht sehr eingeschränkt – ich hatte keine Ahnung, was die meisten Leute in der Arbeit taten und habe niemals den Arbeitsplatz meines Vaters besucht. Dazu kam, dass ich eine ziemlich exzentrische Familie hatte, die nicht viel unter Leute ging. Dadurch bin ich sogar in dieser Umgebung auf gewisse Weise isoliert gewesen. Aber ich habe alles gelesen, was ich irgendwie in die Finger bekam und wurde zu einer guten Beobachterin und Zuhörerin – beides äußerst nützliche Eigenschaften für einen Schriftsteller.

 

Im Lauf der Zeit haben Sie als Bodenkundlerin, Fahrradmechanikerin und Webdesignerin gearbeitet, bevor Sie Journalistin wurden. Eine ziemlich ungewöhnliche Kombination von Jobs – besonders für eine Frau?

 

Ja, vor allem für eine, die wie ich im Süden der USA aufgewachsen ist, da waren Frauen meistens Hausfrauen, die außerhalb des Hauses nicht gearbeitet haben. Aber mein Vater war ein bemerkenswerter Mann, der den Standpunkt vertrat, dass man alles, was man sich in den Kopf setzt, auch machen kann – er hat mir einmal ein Näh-Set zum Geburtstag geschenkt und als nächstes eine vollausgestattete Werkzeugbox. Er brachte mir das Stricken bei, zeigte mir, wie man ein Hausdach deckt und sogar wie man ein Schloss knackt (nur zum Spaß!!). Er war Kernphysiker, stammte aber aus armen Verhältnissen und wollte, dass seine Kinder nie Hunger leiden und so hat er mich viele wertvolle Dinge gelehrt – manchmal nur durch sein eigenes Verhalten.

 

Mit 15 habe ich das Radfahren für mich entdeckt und ich liebe es, Fahrräder zu reparieren, es ist eine sehr befriedigende und entspannende Tätigkeit.

Computer habe ich schon früh entdeckt und irgendwie scheinen sie gut mit meinem Gehirn zu funktionieren.

 

Die Bodenkundlerin-Angelegenheit war ein kleiner Unfall. Ich war sehr jung, als ich zur Universität gegangen bin und habe im Hauptfach Botanik studiert (dabei hatte ich schon den Plan, nebenbei zu schreiben). Als ich zwanzig war, habe ich meinen Abschluss gemacht und begonnen, als Bodenkundlerin zu arbeiten, aber offengestanden klingt das Kartieren von Boden im Freien interessanter, als es tatsächlich ist. Jeden Freitag hat mein Boss gesagt: »Nur noch 35 Jahre bis zur Rente!« Ich habe zwölf Wochen durchgehalten.

 

Dann habe ich eine lange Fahrradtour gemacht, habe mich für ein Journalismusaufbaustudium eingeschrieben und begann, für Zeitschriften und Zeitungen zu arbeiten. So könnte man sagen, dass dieser Chef meine Schriftstellerkarriere in Gang gebracht hat.

 

Können wir uns auf eine Fortsetzung von ›Ein Herzschlag bis zum Tod‹ freuen?

 

Ja, ich habe gerade die Fortsetzung beendet. Sie spielt vornehmlich in den kleinen Städten der Adirondacks während der Wintermonate, wenn die Dorfbewohner für ihren jährlichen Winterkarneval einen wunderschönen, riesigen Palast aus Eisblöcken bauen, die sie aus dem gefrorenen See herausschneiden. Viele der Figuren aus dem ersten Buch tauchen wieder auf, wobei einige von Troys Mitbewohnern mehr in den Mittelpunkt rücken.

 

Das Interview führte Marianne Bohl, dtv
 

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