Anja Jonuleit: Martine

Die Nacht, in der ich sie wiedersah, war die von Montag auf Dienstag, die Zeit der stagnierenden Ödnis. Es war der dreiundzwanzigste März, mein Geburtstag, und draußen lag jene Ahnung von Frühling, die einem das Herz zerreißt. Und hier stand sie nun, am Rande der Tanzfläche, reglos, und ich erkannte sie sofort. Kennengelernt hatte ich sie in der Schule. Eines Tages war die Tür des Klassenzimmers aufgegangen und sie war hereingekommen: schön, unbeweglich, etwas steif. Vollkommen. Unsere Lehrerin hatte ihren Namen gesagt, Martine, einen französischen Namen, der zu ihr und zu der Strenge passte, und ihr den Platz neben dem meinen zugewiesen. Sie war 14, damals, und ihre Haare waren so glatt und glänzend wie Stahl und ihre Augen wie schwarzer Lack.

Für Martine waren Ordnung und Disziplin ein Teil ihrer Persönlichkeit. Für mich war all das ohne Bedeutung. Doch um für sie interessant zu werden, erfand ich mich neu und tat, als interessierte ich mich für Latein und für die Weltreligionen. Ich schenkte Martine die Karte eines mittelalterlichen Jesus, Noli me tangere stand auf der Rückseite, und ich fragte mich, warum er so traurig aussah, wo er doch auferstanden war, und warum man ihn nicht berühren sollte. 

An einem Tag im Dezember, wir kannten uns zwei Jahre, kam sie nicht mehr. Wir hörten, dass ihr Vater, ein Pianist, Selbstmord begangen, dass Martine einen Zusammenbruch erlitten hatte und in eine Nervenheilanstalt eingeliefert worden war. Ein paarmal war ich danach vor ihrem Haus gestanden, doch niemand öffnete und irgendwann war der Name vom Klingelschild verschwunden. 

Und nun war sie hier, im selben Raum wie ich, nur einen Steinwurf von mir entfernt. »Natürlich erinnere ich mich«, sagte sie und lächelte. Wir verließen die Disco, obwohl es noch nicht einmal Mitternacht war, und wanderten durch die Dunkelheit. Martine erzählte. Von ihrem Aufenthalt in der Klinik damals und wie sie viele Jahre in der Psychiatrie verbracht hatte. Ich sah sie an, von der Seite, ihr perfektes Profil und dachte, dass ich sie wiedergefunden hatte, nach all den Jahren. Und dann sagte sie: »Aber jetzt bin ich endlich dabei, clear zu werden. Und sie helfen mir dabei.« Erst nachdem wir uns vor dem Haus, in dem sie wohnte, verabschiedet hatten, fiel mir ein, dass ich versäumt hatte, sie zu fragen, wer »sie« waren.

Ein paar Abende später stand ich vor ihrer Haustür und klingelte. Ein Mann kam vorbei und sagte: »In diesem Haus sind nur Büros. Da ist um die Zeit niemand mehr.« Ich blieb trotzdem dort, setzte mich auf die Stufen und sah die Schuhe der Menschen an, die vorübergingen. Am Ende kam sie.

Sie drückte die schwere Tür auf, wir stiegen die Treppe hinauf. Unsere Schritte hallten und es klang gerade so, als wären wir die einzigen Menschen, hier und überall. Ihre Dachkammer war kalt und in dem Raum war nichts als eine Matratze und eine graue Reisetasche. Martine fragte: »Möchtest du Kaffee?« Sie verschwand und kehrte mit einer Tasse zurück und wir setzten uns auf die Matratze, nebeneinander. Ich wurde unsicher, wusste nicht, was ich sagen und ob ich fragen durfte, wer »sie« waren. Ich warf ihr einen Seitenblick zu und da begann sie zu erzählen, ganz von selbst. Sie sei nun auf dem Weg und die Organisation, die sie nur »Org« nannte, helfe ihr dabei. Ich fragte nach und wollte wissen, wie und wer und sie sagte: »Natürlich sind die Auditings nicht umsonst, aber das Geld ist gut angelegt, und am Ende ist alles möglich, du bist frei und clear, verstehst du, und dann kannst du alles tun, was du willst, alles!« 

Als ich sie einen Monat später wiedersah, war sie verändert. Der Glanz in ihren Augen war verschwunden, und als sie mich erblickte, fuhr sie zusammen. Ich fragte: »Was ist?«, doch sie antwortete nicht und ging an mir vorüber, als sei ich eine Fremde für sie. 

Früh am nächsten Tag ging ich zu ihrem Haus, ließ eine der Firmen den Türöffner betätigen, stieg die Stufen hoch bis ganz unters Dach und verharrte dann vor ihrer Tür, lauschend. Plötzlich hörte ich ein Geräusch aus der Wohnung. Es war ein dumpfes Poltern, dann eine Stimme. Ich klingelte, einmal, mehrmals, doch sie öffnete nicht. Irgendwann zückte ich meine Euroscheck-Karte und schob sie zwischen Tür und Rahmen. Der Geruch, der mir entgegenschlug, war schal und da war noch etwas, eine rostige Note. Auf Zehenspitzen bog ich um die Ecke. Und da sah ich sie. Sie lag auf ihrer Matratze, zusammengekrümmt, presste die Decke um ihren Kopf und ihre Stimme klang dumpf und fern, ich konnte sie nicht verstehen, nur, dass es immer dieselben Worte sein mussten. 
 
Am liebsten hätte ich auf dem Absatz kehrtgemacht und Hilfe geholt, irgendjemanden, der zupackend war, der wusste, was man in so einem Fall tat. Stattdessen blieb ich. Nach einer Weile löste sich meine Erstarrung und ich näherte mich ihr, jeden Augenblick gewahr, dass sie mich angreifen könnte, wie ein wildes und um sich beißendes Tier, eine in die Enge getriebene Wölfin. Doch weder sprang noch biss sie und so setzte ich mich zu ihr und nahm sie in den Arm und wiegte sie. Irgendwann schliefen wir ein. Als graues Licht durch die Ritzen der Fensterläden sickerte, war Martine fort. Auch die graue Tasche fehlte. Dann sah ich, dass etwas auf dem Boden lag: Es war die Karte: der mittelalterliche Jesus, traurig und auferstanden. Ganz langsam drehte ich sie um und las.
 

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