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Andreas Steinhöfel

Andreas Steinhöfel wurde 1962 in Battenberg geboren. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er im oberhessischen Biedenkopf, wo er nach eigener Aussage genau auf jene Menschen traf, die er in ›Paul Vier und die Schröders‹ (dtv junior 70384) porträtierte. Nach dem Abitur begann er mit dem Studium der Fächer Biologie und Englisch, damals noch mit dem Ziel, Lehrer zu werden. »Ich hatte viel Idealismus, einen Vollbart und machte Yoga. Mit 26 erwischte mich die erste Lebenskrise und ich sattelte um auf englische Literatur und Medienwissenschaften. Wahrscheinlich lag es daran, dass ich irgendwann mit dem Yoga aufhörte.«

Sein erstes Buch hat er noch während des Examens geschrieben. Und seitdem ist der mittlerweile in Berlin lebende Steinhöfel Kinder- und Jugendbuchautor. So ganz »nebenbei« ist er als Übersetzer tätig, redigiert Comics und schreibt für Fernsehen und Rundfunk.

Die Bandbreite von Steinhöfels Büchern ist enorm und sehr vielschichtig: von der Karikierung der Kleinbürgerszene bis zum spannenden Krimi, von dem skurrilen Weihnachtsmärchen zur liebenswert-witzigen Brüdergeschichte. Für ›Die Mitte der Welt‹ erhielt Steinhöfel den Buxtehuder Bullen und wurde für die Auswahlliste des Deutschen Jugendliteraturpreises 1999 nominiert. Was seine Bücher miteinander verbindet, ist der Blick hinter Fassaden. Normalität interessiert den Autor nicht, es ist das Verborgene, das er sichtbar machen will.

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Interview

Besuch bei Andreas Steinhöfel

Da lungert BJL-Autorin Esther Kochte auf dem Sofa von Andreas Steinhöfel herum, schlürft Kaffee und lauscht - sich der getreuen Komplizenschaft des Diktiergeräts gewiss - gelassen seinen Ansichten über Leichenbestatter, Mythologie, Charles Dickens und Stinkmäuse. Als sie dem Gerät seine Aufzeichnungen entlocken will, entpuppt es sich als nervenschwaches Groupie: Jeweils kurz vor der Pointe war ihm beim warmen Klang der Steinhöfelschen Stimme zuverlässig das Band gestockt. Schließlich der Kollaps der Maschine. Apokalypse am nächtlichen Schreibtisch! Doch ein Versagen der Technik ist Peanuts für einen Menschen, der gerade an einem Roman über das Versagen der Erzengel schreibt. Der sein Manuskript beiseite legt, um telefonisch noch einmal seine Sonderbarkeiten durchzugehen. Es ward wieder Licht. Oh pazienza sua!

»Ich hab glatt verpennt!«, ruft es auf den Flur hinaus, als ich das Hochparterre seiner Altbauwohnung in Berlin-Schöneberg erklimme. Im Zimmer rechts wabert ein Bildschirmschoner über den PC am Fenster. Die weißen Leinenvorhänge sind am helllichten Tage zugezogen. »Damit ich nicht auf die Straße gucken kann!« Ein weggetretener Andreas Steinhöfel drückt mir die Hand. Seine Übersetzung von Jerry Spinellis The Library Card ins Deutsche hätte nämlich schon zum letzten Jahrtausendende bei Dressler sein sollen. Nun fläzt er sich erst mal im Schneidersitz auf den mondänen Sessel mir gegenüber. Kostbar glänzender Petitpoint-Bezug auf goldgetünchter Holzschnitzerei. Fragt höflich, ob er rauchen dürfe. und steckt sich eine West an.

»Toller Thron!«, bemerke ich bewundernd. - »Sperrmüll.« - »Echt?« - »Als ich noch in Frankfurt gewohnt hab, bei `nem Leichenbestatter.« Ich lache, er lacht mit. »Du hast bei einem Leichenbestatter gewohnt? Kein Joke?« - »Neenee, direkt nebenan. Von der Küche aus konnte man da immer prima reingucken.« - »Daher hast du die Inspiration für die skurrile Bestattungsszene in Die Mitte der Welt?« - »Nicht unmittelbar. Das war eine eher assoziative, versteckte Verknüpfung. Das Tabuthema eignet sich wunderbar für eine publikumswirksame Randbemerkung über die Verlogenheit der Leute, eine Illustration dessen, was sie alles tun, um selbst vor Toten noch beliebt zu werden. « Wie Tereza, die mit dem Verbuddeln ihres Vaters im Garten äußerlich seinem letzten Wunsch nachkommt. guckten auch die Leute vor Steinhöfels Küchenfenster nur beim Bestatter traurig: »Draußen grinsten sie wieder.«

Kratzer an der Oberfläche

Andreas Steinhöfel, geboren 1962 in Battenberg, kratzt gern am äußeren Schein der Glitzerkatzen, verwackelt die glatte Fläche seiner Figuren - da, wo eine ist. Denn die meisten sind sowieso skurrile Exzentriker. Klare Fronten prallen bei ihm aufeinander: hier verschrobene, aber aufrichtige Außenseiter, da provinzielle Spießbürger. Helden und Antihelden: skrupellos überzeichnet, der Kontraste wegen. Dazwischen gibt es vermittelnde Überläufer, im Kantschen Sinne mündige und darum wandlungsfähige Figuren wie der Ich-Erzähler Paul in Steinhöfels zweitem Buch Paul Vier und die Schröders (1992), das er in Windeseile runtergehackt hat, um seinem Hausverlag Carlsen noch schnell einen Herbsttitel zu liefern.

Bereits darin zeigt er sein Geschick, Komik und Tragik eng miteinander zu verweben. Diese Fähigkeit schätzt er auch an seinen Vorbildern Charles Dickens und John Irving und bringt es darin bis zu seinem Erfolgsepos Die Mitte der Welt (1998; vgl. BJL 4/98) zur Meisterschaft. Ein nachbarschaftlicher Kleinkrieg bricht aus, als die chaotischen Schröders, ein wahres Panoptikum an Charakteren, in die Straße ziehen, in der auch Paul wohnt. Indem Paul sich prompt in die gammelige Blondine verliebt - die Schwester einer mondsüchtigen Seherin, eines Albinos und eines intellektuellen Gnoms, dessen Hals eine Python schmückt -, löst er sich als einziger aus der im Ort vorherrschenden Kaffeeklatschmentalität. betrachtet die Sonderlinge aus der Nähe und entlarvt das aggressive Mobbing der Nachbarn als feige Abwehrreaktion ihres eigenen Spiegelbilds.

Das ist nicht nur ein Wechsel der Perspektive, sondern auch die (ungleich sympathischere) Richtungsumkehrung desselben moralischen Zeigefingers, der Andreas Steinhöfel während seines Examens dazu veranlasste, sein erstes Buch zu schreiben. Da fiel ihm nämlich ein Kinderbuch der 70er vom Carlsen-Verlag in die Hände, das ihn wegen seiner Pädagogik mächtig ärgerte. Seine Antwort war eine witzige Reihung von Slapstick-Episoden der Lausbuben Dirk und ich (1991). Eine heile Wunschwelt mit supertoleranten Eltern. die mit Steinhöfels realen Eltern bis auf die Vornamen nicht viel gemein haben. »Wenn man Schreiben als Therapie betrachtet, war das ein recht zaghafter Anfang!«, grinst der Autor.

Autobiographische Aspekte

Autobiographisch schreibt er auch nach seinem Erstling nicht. Doch natürlich fließen seine Persönlichkeit, sein Fühlen und Denken, sein Verhältnis zur Welt in seine Figuren ein. Allen voran in die Außenseiter. In die Glitzerkatzen und die Stinkmäuse. In die sensiblen jungen Männer, deren seelisches Format in ihrer Unmännlichkeit begründet liegt. Vor allem aber in seine Frauenfiguren, die er besonders lustvoll ausstaffiert. Da sei der Spielraum größer, die Definition dessen, was eine Frau ausmache, sei weniger klar. Frauen hätten eine kultiviertere Fähigkeit als Männer, sich selbst und andere psychologisch auszuloten.

Warum sind es in seinen Texten dann oft die männlichen Figuren, die mit ihrer Psyche hadern, während die weiblichen fast unangetastet bleiben? »Weil die Frauen durch das alles schon durchgegangen sind«, behauptet Steinhöfel. »Bei ihnen setze ich eine größere Gefühlsbetontheit voraus.« Sicher meint er damit nicht die Omas, die anderen Omas vor Wut die Zähne ausschlagen (Trügerische Stille, 1998: Glatte Fläche, 1993). Auch nicht die mondgesichtigen Intelligenzbestien, die Ratten zu Komplizen dressieren, um ein paar Verbrecher zu überführen (Beschützer der Diebe, 1994). Bestimmt aber die gruselfilmsüchtigen kleinen Mädchen, die mit italienischen Arien versteinerte Monsterherzen zum Schlagen bringen (Oh patria mia! 1996).

Schillernd und originell

An die psychologische Differenziertheit der Charaktere aus Die Mitte der Welt kommen all diese Figuren nicht heran. Doch als Typen sind sie so schillernd und originell, dass sie die Leser ein ums andere Mal überraschen, manchmal auch brüskieren. Das allein würde genügen, Andreas Steinhöfels Geschichten zu lieben. Die Figuren sind aber auch Archetypen und berühren als solche die tiefsten Tiefen eines jeden: Glitzerkatzen glitzern, das sagt schon der Name (Glitzerkatze und Stinkmaus. 1997). Eben. Sie blenden, sie scheinen, sie schummeln, und das auf eitelste Art. Von dem, was Stinkmäuse tun, brauchen wir gar nicht erst anzufangen.

Auf jeden Fall sind sie ungleich authentischere Persönlichkeiten, weil es ihnen egal ist, wenn die Umwelt nicht mit ihnen klarkommt. Unter uns: Ist er nicht klasse, der Steinhöfel? Zudem muss seine beachtliche sprachliche und stilistische Bandbreite (»Ich bin ein Formfetischist!«), die nicht zuletzt an seiner Nebentätigkeit als Übersetzer englischsprachiger Literatur gewachsen ist, selbst Skeptiker mit Klischees wie diesem versöhnen: Am Ende von Beschützer der Diebe demontiert Dags als Zeichen ihres Heranwachsens ihr Mobile über dem Bett: »Dann purzelten die Bären auf die Bettwäsche, winzige pelzigbraune Figuren, deren gutmütige Schnauzen ein immerwährendes Kinderlächeln umspielte.« Ironie or not Ironie?

Ausgezeichnetes

Auszeichnungen wie der »Luchs« (1981) der »Preis der Jungen Jury« der jungen Leser des Literaturhauses Wien und der »Buxtehuder Bulle« sowie die Nominierung für den »Deutschen Jugendliteraturpreis« (alle 1999) - alle für Die Mitte der Welt- krönen Steinhöfels bisher zehnjährige Karriere als Schriftsteller. In diesem Roman trennt der Autor die Protagonisten sogar geographisch von den Antagonisten. durch einen Fluss: Jenseits ( ! ) wohnen die so genannten Kleinen Leute, diesseits ( ! ) der schwule Ich-Erzähler Phil seine zur entrückten Jagdfee stilisierte Zwillingsschwester Dianne und seine Mutter Glass. die als toughe Nymphomanin Zielscheibe böswilliger Anfechtungen ist - und zwar auf einem verwilderten Gut mit dem sprechenden Namen Visible. »Außenseiter, egal welcher Couleur, sind gezwungen, sich mit dem auseinander zu setzen, was sie zum Außenseiter macht. Darum sehen sie mehr«, sagt Steinhöfel. Was gewisse Kritiker nicht tun. Stinksauer war er über den Artikel in der Frankfurter Rundschau, der den 460-Seiten-Wälzer als grandiosen Coming-out-Roman eines Schwulen gelobt hat. »Wie kann ein Mensch so kurzsichtig sein und 350 Seiten nicht lesen?« Phils Homosexualität sei bewusst weder zentral noch problembehaftet inszeniert. Solche Verzerrungen in der Publikumswahrnehmung ermuntern Steinhöfel kaum zur Erschaffung weiterer homosexueller Protagonisten. Wenn es für ihn kein Problemthema ist, die anderen machen zuverlässig eines daraus.

Gegen die »Bedienmentalität«

Ursprünglich als Jugendbuch konzipiert, wurde Die Mitte der Welt ein Grenzgänger zur Erwachsenenliteratur. »Ich hatte keine Lust mehr, mich auf die Restriktionen einzulassen, mit denen die Jugendliteratur zünftig von der belletristischen abgegrenzt ist.« Das soll heißen: die abverlangten sprachlichen, stilistischen und inhaltlichen Vereinfachungen. »Es herrscht da so eine Bedienmentalität in Deutschland! Sollen die Kids sich doch einen Kopf drum machen, wenn sie mal was nicht verstehen!« Und die berühmten Wörter mit » F« lernen sie ohnehin als Erstes ...

Als begeisterter Jungianer spielt Steinhöfel gerne mit mythologischen und tiefenpsychologischen Motiven. Die verwinkelte Architektur Visibles entspricht dem Bewusstseinskonstrukt, die kunstvoll wie komplex verwobene Erzählstruktur des Romans der Persönlichkeitsstruktur des Menschen, in der es eine Vergangenheit und Zukunft, aber kaum eine Gegenwart gibt. Von Animi und Animae wimmelt es auch in Oh patria mia! Gianna vereint taghelle Sangeskunst mit nachtschwarzer Grusellust. Piaget und Kohlhaas lassen grüßen, wenn sie den herzlosen Kinderschreck mit dem Babyface, der nicht »Ich« sagen kann, durch alle Entwicklungsstadien der Kindheit begleitet - von der Säuglingsfütterung zur Ausprägung der eigenen Identität, die ihm die heilende Kraft ihrer Arien verleiht.

Jedenfalls authentisch

Das jüngste Werk, der in Berlin angesiedelte, in Koproduktion mit Anja Tuckermann entstandene Briefroman David Tage, Mona Nächte (1999; vgl. BJL 5/99) mag ein wenig rührselig sein. Doch allein seine authentische Entstehungsart. die jeder Absprache entbehrte, fasziniert: Steinhöfel alias David stürmte tatsächlich jeden Morgen in fiebriger Erwartung der nächsten Zeilen zum Briefkasten und schrieb prompt an Tuckermann alias Mona zurück. »Das ging so weit, dass ich am Ende dachte, ich sei in Anja verknallt!« Und warum ist es in Anbetracht des medialen »Wind of Change« kein E-Mail-Roman geworden'? »Weil Anja keine E-Mail hat! «, sprach der Autor und brachte mit seinem charmanten Lachen mein Diktiergerät um den Verstand.

Esther Kochte

Dieser Artikel erschien im Bulletin Jugend & Literatur 3/2000

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