Portrait des Autors Anton G. Leitner

Anton G. Leitner

Anton G. Leitner, geboren 1961 in München, ist Verlagsleiter und Publizist. Seit 1993 gibt er die Zeitschrift »DAS GEDICHT« heraus, deren ›Erotik Special‹ im »Focus« auf die Bestenliste gelangte. Anton G. Leitner wurde mit vielen Förder- und Kulturpreisen ausgezeichnet.

Interview

»Gedichte sind ein geistiges Grundnahrungsmittel.« - Anton G. Leitner im Interview mit Susanne Krones (dtv)

Liebe und Tod, Gott und Teufel, Lyrik per SMS: Es gibt kaum ein Thema, das Sie noch nicht in einer Gedichtanthologie einfangen konnten. Können Gedichte einfach alles und sind jeder Herausforderung gewachsen?

Gedichte bringen existenzielle Erfahrungen auf den Punkt. Sie eignen sich hervorragend dazu, unsere Beziehung zur Umwelt in Worte zu fassen und zu verdichten. Für mich liegt der besondere Reiz der Lyrik darin, dass es bei ihr auf buchstäblich jedes Wort, auf jede Silbe ankommt. Gedichte bewegen sich traditionell nah am Lied. Sie bringen die Sprache zum Klingen, bisweilen auch zum Swingen. Auf Verse sollte man nicht pfeifen, sondern lieber tanzen. Im Alltag müssen wir ständig zwischen verschiedenen Optionen wählen und uns entscheiden. Mich selbst macht diese andauernde Qual der Wahl nervös und unruhig. Denn heute ist doch nichts so kostbar und knapp wie die Zeit. Gedichte dienen mir als Instrumente der Selbstvergewisserung und Verortung, als Ruhepole und rettende Inseln inmitten des tosenden Wortmeeres. Sie helfen mir, die nötige Ruhe zu finden, um Entscheidungen für die Gestaltung meines weiteren Lebens zu treffen. Insofern sind sie aus meiner Sicht nahezu allen täglichen Herausforderungen gewachsen.

Dürfen Gedichte alles, was ihre Form angeht? Woran erkennt man eigentlich ein Gedicht?

Gedichte leben aus dem Spannungsverhältnis zwischen Inhalt und Form. Es gibt seit der Antike bestimmte Stilmittel, um den Fluss der Worte zu beschleunigen oder zu bremsen. Der Zeilenbruch, die strukturierende Einteilung und Gliederung eines Textes in einzelne Verse, spielen dabei eine ganz wichtige Rolle. Ein Dichter, der sein Handwerk beherrscht, kann über die Form den Klang seiner Lyrik steuern und damit auch die Präsentation des Inhalts. Inhalte lassen sich mit Bildern und Vergleichen veranschaulichen. Bisweilen können aus der überraschenden Kombination von Wörtern, die verschiedenen Sinnzusammenhängen entstammen, sogar neue Vorstellungswelten entstehen. Allerdings wirkt ein formvollendetes Gedicht, das keine inhaltliche Substanz besitzt, leer und belanglos. Wenn ein Dichter nichts zu sagen hat, soll er nicht darüber schreiben, sondern besser schweigen. Und wer etwas zu sagen hat und dies gerne in Gedichtform ausdrücken möchte, sollte sich doch bitteschön das entsprechende Rüstzeug aneignen, also Lyrik lesen, lesen, und nochmals lesen. Das Sprichwort »In der Kürze liegt die Würze« verleitet offensichtlich viele Menschen zu der irrtümlichen Annahme, es sei nichts einfacher, als ein Gedicht zu schreiben. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Es ist nichts schwieriger, als mit wenigen Worten einen Text zu zaubern, der ›ewige Themen‹ wie Liebe oder Tod neu beleuchtet und lautlich perfekt, wohlklingend vermittelt.
Natürlich ist der Übergang zwischen Lyrik und Prosa manchmal fließend. Ich denke, ein gutes Gedicht ist auch daran zu erkennen, dass es ohne große Worte auskommt. Es braucht kein Pathos. Durch seinen Inhalt erfrischt es den Geist, durch seinen Klang und Rhythmus umschmeichelt es die Ohren. Und mit jedem Lesen erschließt sich eine neue Facette. In einem sehr guten Gedicht ist die Sprache so verdichtet, dass man kein einziges Wort mehr hinzufügen und kein einziges Wort mehr wegnehmen kann, ohne das gesamte Sprachkunstwerk zu zerstören. Ein schlechtes Gedicht erkennt man daran, dass es eine allzu ›verbrauchte‹ Sprache verwendet. Diese kann unsere Fantasie nicht stimulieren, weil sie weder lebendig ist, noch geheimnisvoll. Ein Gedicht, das uns keine Rätsel aufgibt, offenbart auch keine Geheimnisse.

In Ihrer Anthologie »Zum Teufel, wo geht's in den Himmel?« geben 100 Gedichte poetische Antworten auf die Sinnfrage. Haben Gedichte auch mit Gebeten manches gemeinsam?

Der argentinische Dichter Roberto Juarroz hat einmal den wunderschönen Vers »Ein Gedicht rettet den Tag« geschrieben. Lyrik verbindet Gefühl mit Verstand und Kalkulation mit Zufall. Indem sie versucht, aus persönlichen Liebes-, Leid- oder Naturerfahrungen heraus dauerhaft gültige Wahrheiten zu formulieren, trifft sie sich mit den verschiedenen Religionen. Die beeindruckendsten Passagen der Bibel wie das ›Hohe Lied‹ sind in ihrer melodischen Liedhaftigkeit nichts anderes als reine Lyrik. Sie bestechen durch ihren Bilderreichtum und ihre einfallsreichen, anschaulichen wie auch überraschenden Vergleiche. Gerade in der beruhigenden, meditativen Wirkung der Lyrik sehe ich ein großes Zukunftspotential. Als Mittel zur Selbstverortung könnte die Poesie zum eigentlichen Gebet des 21. Jahrhunderts werden. Besonders die gereimte Lyrik ist, wie manches Gebet, sehr eingängig. Viele Verse sind litaneiähnliche ›Ohrwürmer‹. Ihr Rhythmus und ihre spezifische Melodik, vor allem aber ihr Inhalt, begleiten uns ein Leben lang und arbeiten im Unterbewusstsein weiter.

Viele Schülerinnen und Schüler kapitulieren, wenn Lyrik auf den Tisch kommt, Ihr Kollege Andreas Thalmayr hat ihrem Stoßseufzer »Lyrik nervt« ein ganzes Buch gewidmet, mit dem er erste Hilfe leisten will. Wie sähe Ihr Notprogramm aus und warum sind Gedichte einfach überlebenswichig?

Gedichte sind ein geistiges Grundnahrungsmittel. Und weil jeder Mensch im Grunde seines Herzens hungrig nach Poesie ist, glaube ich nicht, dass die Lyrik an sich Schülerinnen und Schüler ›nervt‹. Von meinen zahlreichen Besuchen an Schulen weiß ich, dass sie vielmehr durch die Art und Weise genervt sind, wie ihnen in der Schule Lyrik oft aufgetischt und vermittelt wird. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass eine ›knackige‹ Lyrik-Mischung aus ungewöhnlichen klassischen Texten und ganz aktuellen Gedichten die Jugendlichen für Poesie begeistern kann. Auch wenn ein Gedicht gut vorgetragen wird, nimmt sie das für diese literarische ›Königsgattung‹ ein. Ich nehme gerne Gedichte junger Lyrikprofis wie die von Bas Böttcher, Alex Dreppec oder Michael Schönen mit in Schulen. Weil diese Autoren mit ihrer Lyrik ein Lebensgefühl ausdrücken, das dem von Jugendlichen entspricht, finden die Schülerinnen und Schüler im Handumdrehen einen Zugang dazu. Da müssen Lehrerinnen und Lehrer die einschlägige Frage »Was will uns der Dichter damit sagen?« gar nicht erst stellen. Wenn wir uns mit einem Zauberwürfel beschäftigen, fragen wir doch auch nicht danach, welche Farbkombination die richtige oder einzig gültige ist. Es gibt bei einem solchen Würfel immer mehrere, gleichrangige Möglichkeiten und gerade das plötzliche Auftauchen neuer Konstellationen und Kombinationen macht doch seine Faszination aus.

Wie ging es Ihnen selbst in Ihrer Jugend mit Gedichten?

Wenn ich mich an meine eigene Schulzeit erinnere, war ich in der Unter- und Mittelstufe nicht gerade ein ›Musterschüler‹.Werke von Karl May oder Streiche haben mich zunächst wesentlich mehr interessiert als Lyrik. Die Gedichte von Annette von Droste-Hülshoff zum Beispiel habe ich regelrecht gehasst, weil ich sie immer wieder als ›Strafaufgabe‹ auswendig lernen musste.

Über zwanzig Lyrikanthologien haben Sie mittlerweile herausgegeben, Bände mit eigenen Gedichten und regelmäßig Ihre Lyrikzeitschrift »Das Gedicht« - Poesie ist ihr Beruf. Haben Sie privat noch Lust auf Gedichte?

Leider werde ich in meinem beruflichen Alltag oft mit schlechten Gedichten konfrontiert. Für meine Sammelbände bin ich ja immer auf der Suche nach guter ›neuer‹ Lyrik und erhalte deshalb auch tausende Manuskripteinsendungen. Etwa 80% der Gedichte, die ich mehr oder weniger unverlangt auf den Tisch bekomme, stammen von Leuten, die offensichtlich wenig oder gar nicht lesen. Denn sonst wüssten sie, wie hoch die Messlatte seit über zwei Jahrtausenden hängt. Homer, Catull, Vergil oder Horaz, aber auch Hölderlin, Eichendorff, Rilke, Ringelnatz, Benn, Krolow, Gernhardt und viele andere haben Maßstäbe gesetzt. Gerade Einsender, die sich mit eher dürftigen Texten um die Aufnahme in meine Anthologien bewerben, wünschen mir in ihren Begleitschreiben immer wieder »viel Vergnügen beim Lesen«. Dabei verhält es sich bei dem Grundnahrungsmittel Poesie wie mit allen anderen Lebensmitteln: Eine versalzene Suppe schmeckt nicht und verdirbt den Appetit. Ein zarter Rehrücken hingegen, der nach allen Regeln der Kochkunst zubreitet wurde, kitzelt den Gaumen. Ich habe privat immer Lust auf gute Gedichte. Allerdings wirklich nur auf gute. Denn viele schlechte Köche können, wie gesagt, den ganzen Brei verderben. Und wie in der Gastronomie gibt es auch in unserem lyrischen Metier nur sehr wenige Spitzenköche.

Ihr Lieblingsgedicht?

Für vollkommen halte ich das berühmte Gedicht »Mattina« des großen italienischen Spracherneuerers Giuseppe Ungaretti. Es zählt zu meinen Lieblingsgedichten. Ingeborg Bachmann hat es so übersetzt: »Morgen. // Ich erleuchte mich / durch Unermeßliches«. Das Gedicht »Wünschelrute« von Joseph von Eichendorff formuliert die poetische Zielvorgabe für jeden Lyriker. Ich habe es als Motto für meine dichterische Arbeit gewählt:

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.

Alle Bücher von Anton G. Leitner

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Anton G. Leitner (Hrsg.), Gabriele Trinckler (Hrsg.)

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