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Binnie Kirshenbaum

Binnie Kirshenbaum hat zahlreiche Romane und Erzählungen veröffentlicht, darunter die Erfolgsromane ›Kurzer Abriss meiner Karriere als Ehebrecherin‹ (dtv 12705) und ›Mermaid Avenue‹ (dtv 12787). Sie lebt in New York und lehrt an der Columbia University School of the Arts Kreatives Schreiben.

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Interview

Besuch im Alten Europa

von Nicole Hille-Priebe

Leipzig. So frech, selbstbewusst und unkonventionell wie ihre Bücher ist auch Binnie Kirshenbaum selbst. Wenn sie lacht, und das tut sie oft, zeigt sich unbekümmert eine riesige Lücke zwischen ihren Schneidezähnen. Der Schalk in ihrem Nacken muss ziemlich groß sein. Voll ironischer Leichtigkeit sind auch ihre Bücher, in denen sich die in New York lebende Jüdin mit Sex (häufig), dem Sinn des Lebens (manchmal) und der Liebe (immer) beschäftigt. In ihrem neuen Roman ›Entscheidungen in einem Fall von Liebe‹ geht es um einen deutschen Professor und eine jüdische Historikerin aus New York, deren Beziehung im Spannungsfeld unterschiedlicher Kulturen verglüht. Auf der Leipziger Buchmesse sprach die 42-Jährige mit Neue Westfälische-Redakteurin Nicole Hille-Priebe.

Die USA haben den Irak angegriffen. Was geht in Ihnen vor?

Ich bin wütend und traurig. Ich bin so entsetzt über meine Regierung, dass ich mir wünschte, New York würde sich vom Rest des Landes abspalten und einen eigenen, kleinen Staat bilden. Es ist ohnehin so, dass uns jeder in Amerika hasst - und umgekehrt. Nach dem Anschlag auf das World Trade Centre waren wir für kurze Zeit beliebt, aber das ist schon wieder vorbei. Was Bush tut, ist kriminell. Ich fühle mit all den Opfern, die dieser Krieg fordern wird.

Was halten Sie von Michael Moore, der mit ›Bowling for Columbine‹ und mitseiner Bush-Demontage ›Stupid White Men‹ in Europa große Aufmerksamkeit erregt?

Michael Moore ist kein typischer Amerikaner. Er ist ein ›Good Old Boy‹, ein ›Working Class Heroe‹. Ein aufrechter Demokrat, wie es sie seit Ronald Reagan in Amerika eigentlich gar nicht mehr gibt. Ich mag ihn sehr.

Wie wird sich Ihrer Einschätzung nach das Verhältnis zwischen Amerika und Deutschland nach der lrak-Krise entwickeln?

Die USA werden isolierter sein als jemals zuvor. Zumindest eine Zeit lang, bis wir einen neuen Präsidenten haben. Auf der einen Seite haben wir alle gelacht, als Donald Rumsfeld Deutschland und Frankreich als das ›Alte Europa‹ bezeichnete und Bulgarien als das ›Neue Europa‹. Meine Freunde haben mir vor meiner Abreise noch gesagt: »So, dann fährst du also ins Alte Europa.« Auf der anderen Seite bewundern wir die deutsche Regierung sehr für ihr Standing, dass man nicht eingeknickt ist vor Amerika.

Es klingt seltsam aus dem Mund einer Jüdin, dass man stolz sein soll, ein Deutscher zu sein.

Doch, ihr solltet euch gut fühlen, ihr habt allen Grund dazu. Das hatte lange Zeit anders zu sein.

In Ihrem neuen Buch thematisieren Sie die Spuren, die der Holocaust wie ein Fluch auch heute noch, Generationen später, in den Menschen hinterlässt.

Es geht um das Bild, das man in Amerika
noch immer von Deutschland hat. Aus der Perspektive der Amerikaner ist der Ozean größer als von Europa aus gesehen. Die Leute in meiner Heimat wissen nur sehr wenig über das heutige Deutschland. Der Holocaust ist für die amerikanischen Juden Teil ihrer kulturellen Identität. Niemand kann hier über das Judentum reden, ohne den Holocaust - oder das, was ihm davon berichtet wurde - zu erwähnen. Es wird noch viele Generationen brauchen, bis das kein existenzielles Thema mehr ist und wir darüber hinweg gekommen sind.

Wie reagieren Amerikas Intellektuelle in dieser Situation?

Ängstlich, ärgerlich und aufgewühlt. Jeder versucht, seine Stimme gegen den Krieg zu erheben, aber Bush interessiert das natürlich nicht. Vielleicht wird es Leute geben, die aus Protest das Land verlassen, darüber habe ich auch schon nachgedacht. Dieser Krieg wird den Terrorismus nicht stoppen. Die fundamentalistischen Christen in Amerika werden ihn vielmehr als Heiligen Krieg auffassen und danach wird es mehr Terrorismus geben als jemals zuvor. In meinem Umfeld kreist schon seit Jahren der Witz, dass die Welt sich erst verändern wird, wenn Amerikas größter Rapper ein Weißer und der Präsident ein Schwarzer ist und Deutschland nicht in den Krieg zieht. Ihr habt den Anfang gemacht, und dafür bewundert man euch.

Das Interview wurde am 21. März 2003 in der "Neuen Westfälischen Bielefeld" abgedruckt. Wir danken dem Verlag ganz herzlich für die Abdruckgenehmigung an dieser Stelle.

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