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Birgitt Kollmann

Birgitt Kollmann, 1953 in Duisburg geboren, studierte in Heidelberg Englisch, Spanisch und Schwedisch. Sie arbeitete als Übersetzerin im Bereich Entwicklungshilfe, anschließend sechs Jahre in Südamerika, und lebt heute als freie Übersetzerin bei Darmstadt. Sie übersetzte Romane von Chaim Potok, Carl Hiaasen, Louis Sachar, Virginia Euwer Wolff und Martha Brooks. Für die Reihe Hanser hat sie Joyce Carol Oates' Erzählungsband ›Bad girls‹ sowie die Romane ›Unter Verdacht‹ und ›Mit offenen Augen‹ übersetzt.
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Interview

»Übersetzer sind Magier, die die Genauigkeit lieben.« - Birgitt Kollmann im Interview mit Susanne Krones (dtv)

Wie das Schreiben ist auch das Übersetzen eine Arbeit, die man kaum beobachten kann, die ganz im Kopf zu passieren scheint. Umso spannender ist die Frage: Wie macht man das? Wie gehen Sie beim Übersetzen vor?

Für mich spielt das innere Hören der Sprache eines Buches, auch das Hören der Stimmen der unterschiedlichen Sprecher eine große Rolle. Ich nehme ja nicht nur die Informationen auf und gebe sie in meiner ganz persönlichen Sprache weiter, sondern ich muss für jeden Autor, jedes Buch versuchen, einen eigenen Ton zu finden. Wenn ich diesen Ton einmal im Ohr habe, treffe ich danach auch meine konkreten Entscheidungen beim Schreiben. Deshalb lese ich immer wieder, auch laut, sowohl den Originaltext als auch meine deutschen Varianten. Erst wenn ich glaube, diese speziellen Menschen wirklich sprechen zu hören, und zwar in einem möglichst ähnlichen Tonfall wie im Original, gebe ich mich mit einer Lösung zufrieden. Deshalb gibt es bei mir auch keinen großen Unterschied zwischen einer Rohfassung und späteren Fassungen. Natürlich feile ich später noch an den Feinheiten eines Textes herum, aber ich versuche doch immer am Abend eines Tages eine Version abzuspeichern, mit der ich annähernd zufrieden bin.

Die Literaturkritik hat an den Erzählungen in Joyce Carol Oates' ›bad girls‹ immer wieder die poetische und dabei ungemein präzise Sprache der Autorin hervorgehoben - meistens verbunden mit dem Zusatz »hervorragend übersetzt«.War es eine besondere Herausforderung, Joyce Carol Oates zu übersetzen? Was ist das Besondere an Oates?

Es ist zunächst einmal ein großer Vertrauensbeweis, wenn man als Übersetzer einen solchen Auftrag erhält, und insofern auch eine besonders große Verantwortung. Ich fand insbesondere Joyce Carol Oates' Kurzgeschichten schon lange faszinierend und war daher sehr gespannt, wie es mir gelingen würde, mit ihren Texten zu arbeiten. Dabei unterscheide ich zwischen ihren Kurzgeschichten und den Romanen. In den short stories ist es vor allem die ganz große Intensität der Stimmung in diesen Texten, die mich beeindruckt und die ich unbedingt auch im Deutschen wiedergeben möchte. In den Romanen steht das Thema stärker im Vordergrund - in den Jugendromanen ist das bei aller Verschiedenheit im Grunde immer das Motiv der Zivilcourage. Hier bemühe ich mich vor allem, den ganz unterschiedlichen Personen gerecht zu werden, sie überzeugend wirken zu lassen und ihre Stimmen hörbar zu machen. Auffällig bei dieser Autorin sind zum Beispiel auch die oft verkürzten, abgebrochenen Sätze, die darf man natürlich in der Übersetzung nicht ergänzen. Oates selbst hat in ihren sehr lesenswerten Reflexionen über das Schreiben einmal Virginia Woolf zitiert: »Style is a very simple matter, it is all rhythm. Once you get that, you can't use the wrong words.« (»Stil ist eigentlich etwas sehr Einfaches, Stil ist ausschließlich Rhythmus. Wenn man den einmal hat, kann man kein falsches Wort mehr benutzen.«) Mit diesem Zitat gibt Oates natürlich auch ihren Übersetzern eine Vorgabe.

»In Ketten tanzen« - so beschreiben manche Schauspieler und Übersetzer, was sie tun, wenn sie dem Text eines anderen nachspüren, ihm ihre Stimme geben. Für die Brüder Grimm hatte »übersetzen« auch etwas mit »über-setzen« zu tun, damit, an ein anderes Ufer zu gelangen. Wie würden Sie beschreiben, was Sie beim Übersetzen tun? Haben Sie für sich ein eigenes Bild fürs Übersetzen gefunden?

»In Ketten tanzen« ist ein sehr schönes Bild. Von Novalis stammt der Satz, ein Übersetzer sei ein Magier, der die Genauigkeit liebe. Das ist für mich vielleicht das Ideal - dass man beim Übersetzen zaubern könnte, ohne nur Illusionen, nur schillernde, schnell platzende Seifenblasen zu erzeugen. Auch das Bild des Fährmanns, des Über-Setzers mag ich gern. Ich bin am Rhein aufgewachsen, die Fahrt mit der Fähre habe ich immer geliebt, und ich habe das Übersetzen in Heidelberg studiert, wo es eine kleine Fußgängerfähre über den Neckar gab. Während des Arbeitens stelle ich mir oft vor, ich versuchte eine vorgegebene Skulptur eines Künstlers aus einem anderen Material nachzubilden. Es soll erkennbar die gleiche Skulptur entstehen, aber trotzdem ist es etwas anderes, Neues.

Wenn Sie eine Entscheidung treffen müssen zwischen einer Variante, die der sinngemäßen Bedeutung des Originals möglichst nahe kommt, und einer anderen, die den Klang möglichst gut wieder gibt - wie entscheiden Sie sich dann?

Diese Entscheidung ist immer nur von Fall zu Fall zu treffen. Wenn beispielsweise eine konkrete Alliteration nicht wiedergegeben werden kann, ohne das Gesagte zu verändern, der Inhalt aber an dieser Stelle das Wichtigere ist, dann entscheide ich mich natürlich für den Inhalt und versuche, die Alliteration vielleicht an anderer, passender Stelle nachzuholen. Ist der Klang eines Textes aber vorrangig, dann versuche ich ihn nachzuahmen und dem Inhalt wenigstens einigermaßen nahezukommen.

Wie eng ist das Verhältnis zwischen Ihnen und Ihren Autoren: Kennen Sie all Ihre Autorinnen und Autoren persönlich? Fragen Sie in Zweifelsfällen direkt nach, wie etwas gemeint ist, gibt es also eine Art Arbeitsbeziehung?

Ich schreibe gelegentlich, nicht immer, Autorinnen und Autoren während der Arbeit an und frage gezielt nach, was sehr hilfreich ist. Die Reaktionen sind eigentlich immer positiv. Auf diese Weise vermeidet man Missverständnisse, es ist aber auch möglich, notwendige Änderungen bei sonst unübersetzbaren Stellen mit der Zustimmung der Autoren vorzunehmen, was sehr beruhigend ist. Trotzdem scheint es oft so zu sein, dass die Autoren oder Autorinnen ihrem eigenen Buch in der Fremdsprache, die sie ja meist selbst nicht lesen können, etwas distanziert gegenüberstehen. Das wundert mich jedoch nicht: So wie wir Menschen als ein wenig fremd wahrnehmen, sobald wir sie in einer anderen als der gewohnten Sprache reden hören, so nehmen auch Bücher in ihren Übersetzungen unvermeidlich immer etwas Fremdes an, ganz gleich, wie sehr die Übersetzer sich bemühen.

Oates und Sachar, Potok und Hiaasen: Die Autorinnen und Autoren, die Sie übersetzen, sind grundverschieden. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, ob Sie einen Text zur Übersetzung annehmen?

Das ist zunächst einmal eine Entscheidung aus dem Bauch heraus. Für mich spielt es eine große Rolle, ob ich einen Text mag. Ich lese ein Buch im Laufe der Arbeit sehr viele Male, das muss es aushalten können, ohne dass ich mich irgendwann langweile. Gute Bücher werden mit jedem Lesen immer noch besser. Mir ist wichtig, ob ich die geschilderten Personen spontan interessant finde, ob mir ihre Berufe oder sonstigen Aktivitäten bekannt genug sind, dass das Risiko sachlicher Fehler gering ist, ob mir eine geschilderte Landschaft vertraut oder gut vorstellbar ist, vor allem aber, ob eine Geschichte für mich innerlich nachvollziehbar ist. Denn das ist das Übersetzen ja im Grunde: ein Nachvollziehen eines Entstehungsprozesses in einem anderen Medium. Dafür lese ich zunächst einmal das ganze Buch, um zu entscheiden, ob ich es überhaupt übersetzen möchte und kann. Ich würde nie einen Übersetzungsauftrag annehmen, ohne das ganze Buch zu kennen.

Sie haben nach Ihrem Studium zuerst im Bereich Entwicklungshilfe übersetzt. Wie unterscheidet sich das sachbezogene Übersetzen vom literarischen Übersetzen? Und warum haben Sie zur Literatur gewechselt?

Ich habe meine Diplom-Arbeit in Heidelberg zum Thema der Kinderbuchübersetzung geschrieben, und da ich von klein auf immer viel gelesen habe, war das literarische Übersetzen während des Studiums immer ein Traum, der mir jedoch eher unerreichbar schien. Die zehn Jahre, in denen ich höchst unterschiedliche Sachtexte übersetzt habe, waren eine gute Schule. Man gewöhnt sich an, sich schnell in neue Themen einzuarbeiten, genau zu recherchieren, man übersetzt Texte sehr unterschiedlich schreibender Menschen. Dass ich nach den Jahren in Südamerika freiberuflich übersetzte, lag an unseren damals noch kleinen Töchtern. Außerdem arbeite ich viel lieber in meinem eigenen Rhythmus am heimischen Schreibtisch als in einem Büro. Als mir dann bald nach unserer Rückkehr nach Deutschland erstmals ein Jugendbuch zum Übersetzen angeboten wurde, war ich natürlich sehr glücklich.

Kann man literarisches Übersetzen lernen? Ist literarisches Übersetzen wie literarisches Schreiben eine Kunst?

Lernen kann man es bis zu einem gewissen Grad sicherlich, wenn man die notwendige Begabung mitbringt, darin unterscheidet sich mein Beruf nicht von vielen anderen. Man lernt auch ständig dazu. Inzwischen gibt es Studiengänge speziell für literarisches Übersetzen. Es ist auch durchaus sinnvoll und hilfreich, sich bestimmte Grundlagen und allgemeine gültige Regeln für den Umgang mit Texten anzueignen, auch theoretisch über seine Arbeit zu reflektieren, aber es gibt begnadete Übersetzer und Übersetzerinnen, die das Übersetzen nie studiert haben.
Ich selbst sehe meine Arbeit nicht als künstlerische Tätigkeit an, da ich ja immer nur im vergleichsweise engen Rahmen einer Vorlage kreativ werde. (Die Übersetzung von Lyrik wäre ein eigenes Thema.) Im Englischen heißt der Dolmetscher »interpreter«, das heißt, er deutet eine Vorlage. Sicher, auch Schauspieler erfinden selten ihre Rollen, sondern interpretieren einen vorgegebenen Text auf jeweils eigene Art, Musiker interpretieren häufiger fremde Musik als eigene, trotzdem gelten beide Berufsgruppen als Künstler. Vielleicht bewegt sich der Übersetzer, die Übersetzerin in einem Grenzbereich - man produziert viel Handwerk, aber immer wieder stößt man auf durchaus ›kunstvolle‹ Beispiele ihrer Tätigkeit.

Alle Bücher von Birgitt Kollmann

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