Portrait des Autors Chandrahas Choudhury

Chandrahas Choudhury

Chandrahas Choudhury wuchs in Bombay auf. Er studierte in Delhi und in Cambridge und lebt heute in Mumbai (Bombay). Choudhury ist als Kritiker unter anderem für den Observer, den New York Times Books Review und den Sunday Telepgrah tätig. ›Der kleine König von Bombay‹ ist sein erster Roman.

Interview

Chandrahas Choudhury

Autor von: ›Der kleine König von Bombay‹

Im Interview spricht Chandrahas Choudhury über seinen Debütroman ›Der kleine König von Bombay‹, die Bedeutung des indischen Kinos im Buch und darüber, wie ihn das Schreiben verändert hat.

1) Können Sie uns in drei Sätzen beschreiben, worum es in ›Der kleine König von Bombay‹ geht?

›Der kleine König von Bombay‹ ist die Geschichte eines Kleinwüchsigen, eines Zwergs Mitte zwanzig, der meint, er habe sich trotz seiner Unzulänglichkeiten seinen Platz in der Welt erobert, und der jetzt um diesen Platz betrogen wird. Arzee arbeitet als Filmvorführer in einem alten Kino von Bombay, und der Roman erzählt die Geschichte zweier seltsamer Wochen in seinem Leben, in denen sich alles, was er kennt – oder meint zu kennen – auflöst. Der Roman ist eine dunkle Komödie über das ewige Ringen der Menschen um einen Lebensentwurf zwischen Romantik und Pragmatismus.

2) Sie sagten einmal, dass jede Geschichte eine gewisse Absicht oder ein bestimmtes Motiv beinhalten sollte. Können Sie uns etwas über ihr Anliegen im Hinblick auf ›Der kleine König von Bombay‹ erzählen?

Ja, aber vielleicht sollte dieses Motiv vom Autor geheim gehalten und vom Leser intuitiv erfasst werden. Das macht den Reiz des Romanelesens aus. Es wäre nicht richtig, eine vollständig ausgearbeitete Geschichte durch die Intention hinter dieser Geschichte zu ersetzen. Die zentrale Intention hinter allem Geschichtenerzählen ist es, ein bestimmtes Empfinden der Freuden und Probleme, die das Leben mit sich bringt, in eine narrative Form zu bringen. Davon abgesehen hat jeder Autor seine oder ihre privaten Gründe, Geschichten zu erzählen.

3) In einem Interview sagten Sie einmal, dass Sie nicht zu sehr auf die indische Filmindustrie Bezug nehmen wollten, da dies in der indischen Literatur sehr oft getan wird. Dennoch haben Sie für Arzee den Beruf eines Filmvorführers in einem alten indischen Kino gewählt. Warum?

Wenn Sie das Buch lesen, werden Sie sehen, dass das Kino ein Ort mit vielen anderen Bedeutungen ist und nicht nur ein Hinweis auf die Bollywood Industrie. So dient das Kino Arzee als eine Art zweiter Körper – ein Körper, der viel größer und viel stärker als sein eigener ist. Wenn er in dem Vorführraum im obersten Geschoss des Kinos ist, sieht er auf die Welt hinunter, nicht von unten zu ihr hinauf, wie er es normalerweise tut. Die Dunkelheit des Kinos bietet Arzee einen Raum voller Behagen und Mysterium – hier kann er sich in seinen Träumen verlieren. Er hat eine starke Beziehung zu dem Gebäude, dem Projektor (ein deutsches Gerät, der Babur, eigentlich ›Bauer‹), dem Personal, zur Idee der Filmvorführung, dem Rhythmus des Kinolebens, der Nachbarschaft des Kinos. Im Kern der Geschichte geht es darum, wie Menschen ihre Träume und Wünsche auf die Welt projizieren, für die der »große Beamer« des Kinos als eine Metapher gesehen werden kann.

4) Arzee ist sehr beeindruckt von Shireen, der blinden Tochter von Phiroz. Es sieht so aus, als gebe es zwischen den beiden sofort eine Verbindung. Eine Anspielung auf den berühmten Satz von Éxupery: »Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.«?

Ja, Ihr Zitat ist sehr passend, und besonders bedeutsam gerade insofern als die Erzählung von Arzee äußerst bildhaft ist. Viele Leser des Buches in Indien haben geäußert, dass sie diese Begegnung sehr genossen haben und sich mehr für die beiden davon erhofft hätten. Natürlich gründet sich der Erfolg eines Buches fast genauso sehr darauf, was dem Leser verwehrt wird, wie darauf, was er bekommt. Die Szene zeigt auch, wie wichtig es ist, Geheimnisse zu nähren, wenn wir uns eine starke Position im Leben schaffen wollen. Arzee kannte Phiroz mehr als zehn Jahre, aber Phiorz hat ihn nie bis zu Shireen durchgelassen.

5) Die einzige Frau, mit der Arzee eine Beziehung hat, ist eine Friseuse, also jemand, der an der Schönheit anderer Menschen arbeitet. Warum haben Sie gerade diesen Beruf für die Frau, die Arzee liebt, gewählt, wo dieser doch aufgrund seiner Kleinwüchsigkeit weit von jedem Schönheitsideal entfernt ist?

Nun, warum denn nicht? Jemand, dessen Arbeit darin besteht, andere Menschen schöner zu machen, ist auch jemand, der genau weiß, wie oberflächlich die Definition von Schönheit ist, die nur auf das Äußere Wert legt – jemand, der sehr wachsam gegenüber dem Gesicht hinter der Maske ist. Monique ist zudem eine Frau deren gesellschaftliche Position nicht klar bestimmt ist und die eine bestimmte stereotype Art männlicher Aufmerksamkeit gar nicht mag.

6) Sie sind selbst Literaturkritiker, haben Ihren eigenen Literaturblog und schreiben auch für verschiedene Medien, wie z.B. die New York Books Review. Wie war es für Sie, die Seiten zu wechseln und vom Kritiker zum Kritisierten zu werden?

Ich sehe es eigentlich überhaupt nicht als Seitenwechsel. Viele Schriftsteller schreiben Rezensionen über andere Bücher – das ist eine Art, die vielen Freuden eines Lebens mit Literatur zu genießen. So sehr es keine Literatur ohne großartige Romane, Theaterstücke und Gedichte geben kann, so kann es keine wirkliche oder reiche Literaturkultur ohne intelligente Literaturkritik geben. Ich betrachte Literaturkritik nicht nur als eine Antwort auf Literatur, sondern auch als einen eigenständigen Literaturzweig. Wenn sie richtig gut ist, kann sie dieselbe metaphorische Schönheit haben und den Appetit für Ideen und Geschichten anregen, wie die Romane selbst.

7) Hat das Schreiben von ›Der kleine König von Bombay‹ Sie als Person verändert?

Ich denke, so sehr ich selbst die Erschaffung meines Buches war, so sehr war mein Buch die Erschaffung meiner selbst. Es hat mir viele Türen in die Welt geöffnet – wie nicht zuletzt diese neue Tür im Mai in Deutschland.

Interview: Marianne Bohl, dtv

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