Portrait des Autors Chris Cleave

Chris Cleave

Chris Cleave hat u.a. als Kolumnist für den englischen 'Guardian' geschrieben, als Barmann und Hochseematrose gearbeitet, Meeresnavigation unterrichtet und eine Internetfirma aufgezogen. Bereits sein erster Roman 'Lieber Osama' wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, sein zweiter, 'Little Bee', zu einem Weltbestseller. Er lebt mit seiner Familie in London.

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Chris Cleave

Intelligenz, Witz und Herzenswärme - das sind die Markenzeichen von Chris Cleave. Hier finden Sie alle Infos zu seinen Büchern.

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Interview Chris Cleave: Gold

Interview

Chris Cleave: ›Little Bee‹

Little Bee ist 16 Jahre alt und stammt aus Nigeria. In ihrer Heimat ist ihr Schreckliches widerfahren, und so flieht sie nach England. Dort wird sie in ein englisches Abschiebelager für Asylbewerber gesteckt, wo sie zwei lange Jahre verbringt. Trotz allem ist sie ein Mensch voll Lebensfreude, Witz und Intelligenz. Vor Jahren hat sie in Nigeria das Ehepaar Sarah und Andrew kennengelernt, die im englischen Kingston-upon-Thames ein privilegiertes Leben führen. Ein furchtbares gemeinsames Erlebnis hat eine tragische Verbindung zwischen ihnen geschaffen. Als Little Bee aus dem Lager entlassen wird, ruft sie bei Sarah und Andrew an. Ein Anruf, der unvorhersehbare Folgen hat: Einige Tage später bringt Andrew sich um. Und kurz darauf steht Little Bee vor Sarahs Tür …

Interview mit Chris Cleave:

1) Beruht ›Little Bee‹ auf einer wahren Begebenheit?

Nein, aber es gibt eine wahre Geschichte, die mich dazu bewegt hat, diesen Roman zu schreiben. Im Jahre 2001 ist ein Angolaner namens Manuel Bravo nach England geflohen und hat hier Asyl beantragt, da er und seine Familie bei einer Rückkehr nach Angola verfolgt und getötet worden wären. Vier Jahre lang lebte er in vollkommener Ungewissheit über den Ausgang seines Asylantrags.

Schließlich wurden Manuel Bravo und sein 13jähriger Sohn ohne Vorwarnung bei einer Razzia bei Tagesanbruch festgenommen und in einem Abschiebegefängnis in Südengland interniert. Man sagte ihnen, sie würden am nächsten Morgen zwangsweise nach Angola abgeschoben. Manuel Bravo nahm sich daraufhin das Leben, indem er sich an einem Treppengeländer erhängte. Sein Sohn wurde in seiner Zelle geweckt und davon in Kenntnis gesetzt. Der Hintergrund der Geschichte ist folgender: Manuel Bravo hatte sich in dem Wissen, dass Minderjährige nicht unbegleitet aus Großbritannien abgeschoben werden dürfen, das Leben genommen, um das seines Sohnes zu retten. Seine letzten Worte lauteten: »Sei tapfer. Arbeite hart. Lern gut in der Schule.«

2) Gab es für Sie einen persönlichen Grund, diesen Roman zu schreiben?

Ja, da gab es tatsächlich eine zufällige Begegnung, die mich wachgerüttelt hat. Vor ungefähr 15 Jahren hatte ich verschiedene Jobs in den Semesterferien, und drei Tage lang habe ich in der Kantine des Campsfield House in Oxfordshire gearbeitet. Das ist ein Auffanglager für Asylbewerber – ein Gefängnis, wenn Sie so wollen, voller Leute, die niemals ein Verbrechen begangen haben. Ich wohnte drei Jahre lang zehn Kilometer von diesem Ort entfernt und wusste nicht einmal, dass er existierte.

Die Zustände dort waren erschreckend. Ich kam mit Asylbewerbern ins Gespräch, die durch die Hölle gegangen waren und mit ziemlicher Sicherheit in diese Hölle zurückgeschickt werden würden. Einige von ihnen waren wunderbare Menschen, und es war erschütternd zu sehen, wie wir sie behandelten. Wenn wir Unschuldige ins Gefängnis stecken, machen wir sie krank, und wenn wir sie abschieben, bedeutet das für sie häufig das Todesurteil. Ich wusste, dass ich darüber schreiben musste, über dieses schmutzige Geheimnis. Und ich wusste, dass ich dabei auch den unerwarteten Humor dieser Flüchtlinge zeigen musste, wann immer möglich – das Buch musste eine unterhaltsame und spannende Lektüre abgeben, denn andernfalls würden die Leute gelangweilt wegsehen und nichts von dem, was mir wichtig war, aufnehmen.

3) Zu was wäre Little Bee imstande, wäre es ihr erlaubt, dauerhaft zu bleiben?

Ich denke, Little Bee könnte alles tun, was sie sich in den Kopf setzt, weil sie per definitionem eine Kämpferin ist. In den 1980ern, als ich ein Teenager war, sahen wir Flüchtlinge als Helden. Die Hunderte, die bei dem Versuch, die Berliner Mauer zu überwinden, starben, beispielsweise. Oder die Piloten, Künstler und Wissenschaftler, die sich aus der Sowjetunion abgesetzt haben. Oder die Helden früherer Generationen – Sigmund Freud, der nach London geflohen ist, um den Nazis zu entkommen, Anne Frank, die nicht weit genug fliehen konnte. Albert Einstein, Karl Marx, Joseph Conrad – sie alle waren Flüchtlinge und ich könnte noch viele weitere aufzählen. Wenn Horror und Dunkelheit über ein Land kommen, sind die Flüchtlinge diejenigen, die es schaffen, davonzukommen. Typischerweise liegen sie über dem Durchschnitt, was intellektuelle Gaben, Vorausschau, Motivation und Ausdauer angeht. Diese Leute will man auf seiner Seite haben. Es ist nur ein Beweis für unsere Überheblichkeit, wenn wir anfangen, sie als Last zu betrachten.

4) Der Roman ist stellenweise sehr komisch, obgleich er von ernsten und tragischen Ereignissen erzählt. Wie gelingt es Ihnen, diesen bitter-süßen Ton zu treffen?

Es gelingt mir, weil ich gute Leser habe. Ich kann meine Figuren einen ziemlich schwarzen Humor entfalten lassen – zum Beispiel, indem ich verschiedene Methoden aufliste, wie ein nigerianisches Mädchen sich auf einer Gartenparty der Queen umbringen kann. Dabei verlasse ich mich darauf, dass meine Leser verstehen, dass ich hier kein schweres Thema zu einem leichten mache. Vielmehr öffne ich ein düsteres Thema dem Licht, damit es genau betrachtet werden kann. Das ist der einzige Weg, den ich kenne, eine ernste Geschichte über aktuelle Ereignisse zu erzählen, ohne dabei wie ein Oberlehrer zu wirken.

Und als ich bei der Recherche für den Roman Flüchtlinge interviewt habe, habe ich herausgefunden, dass einige von ihnen Humor ebenfalls auf diese Weise einsetzen. Es sind Menschen, die sehr schmerzhafte Geschichten zu erzählen haben. Um zu überleben, haben sie gelernt, Leute in wichtigen Positionen dazu zu bringen, ihnen zuzuhören und Glauben zu schenken. Und sie haben gelernt, dass solche Leute eher bereit sind, ihren Geschichten zuzuhören, wenn sie diese auf unterhaltsame Weise erzählen, indem sie die Freude in ihrem Leben ebenso zeigen wie die Tragödie. Sie sind Meister darin, ihre Geschichten zu erzählen, denn wenn sie die Balance nicht richtig hinbekommen, sterben sie. Darin liegt die Motivation, genau darin. Was das Geschichtenerzählen anbelangt, spielen sie in der obersten Liga. Im Vergleich dazu sind Schriftsteller Amateure.

5) Warum erzählen Sie die Geschichte aus zwei verschiedenen Perspektiven? Der des nigerianischen Mädchens Little Bee und der der englischen Mutter und Karrierefrau Sarah? Welche Schwierigkeiten ergaben sich für Sie daraus, aus weiblicher Perspektive zu schreiben?

Fast zwei Jahre, nachdem ich das Projekt begonnen hatte, wurde mir klar, dass die stärkste Perspektive eine zweifache wäre. Dies ist eine Geschichte zweier Welten: der entwickelten und derer, die gerade dabei ist, sich zu entwickeln, und das gegenseitige Nichtverstehen verurteilt sie manchmal zu konträren Positionen. Indem ich jeder Seite eine Frauenfigur zugeordnet habe, die beide teils notgedrungen versuchen, die andere zu verstehen, konnte ich die Geschichte sich selbst im Geist des Lesers entfalten lassen. Das war ein Riesendurchbruch für mich. Man sollte die Bedeutung des Lesers in diesem Roman nicht unterschätzen. Ich wollte eine Geschichte schreiben, die niemals vollkommen eindeutig dargelegt wird, sondern die sich vielmehr auf die Interpretation des Erzählten und der Dialoge durch den Leser verlässt. Wenn man erst einmal dem Leser die Gesichte anvertraut, macht das Schreiben großen Spaß.

Es ist aber selbstverständlich nicht ohne technische Herausforderungen. Es braucht hohe Konzentration, um als Mann aus einer weiblichen Sicht zu schreiben, aber ich sehe das als Vorteil. Wenn ich bewusst aus der Perspektive von jemandem schreibe, der sich so sehr von mir selbst unterscheidet, dann laufe ich nicht so schnell Gefahr, den Charakter durch meine eigene Stimme zum Leben zu erwecken. Es zwingt mich, genau zuzuhören, nachzudenken und präziser zu schreiben. Zwei Erzählerstimmen zu benutzen ist aber sehr schwierig. Ihr Vokabular, die Grammatik und die Ausdrucksweise zu differenzieren ist eher unkompliziert, wenn man sich die Mühe macht, in die Charaktere hineinzuschlüpfen und sie zu verstehen — das Schwierige ist, mit den Überschneidungen und den Lücken in dem Wissen der Figuren umzugehen. Wenn beide Erzähler ein Ereignis miterlebt haben, welchen wählst du, um es zu erzählen? Oder lässt du es beide erzählen und spielst mit der unterschiedlichen Perspektive auf das, was sie gesehen haben? Hinzu kommt, dass die Geschichte nicht linear erzählt wird – die erste Hälfte des Buches blickt zurück in die Vergangenheit, während die zweite sich in die Zukunft bewegt. Der Trick ist letztlich, so zu schreiben, dass es gut zu lesen ist. Es ist erschreckend, wie viele Entwürfe man verwirft, bevor man etwas erreicht, das sich einfach gut lesen lässt.

6) Warum schreiben Sie überhaupt?

Ich tue es, weil ich nicht viel von der Welt weiß und mehr kennenlernen will. Es macht mir Spaß, mich selbst durch meine Recherchen zu bilden, und der Prozess des Schreibens danach macht erst recht Spaß. Romane sind unglaublich komplexe Maschinen, und wenn man an einer Stelle ein kleines Teil verändert, kann es an einer anderen das ganze Gleichgewicht durcheinanderbringen. So verbringt man die eine Hälfte seiner Zeit mit Pinzette und Lupe und die andere Hälfte mit Schutzbrille und Vorschlaghammer. Und irgendwann, gewöhnlich gegen drei Uhr am Morgen, springt das Ganze in den richtigen Gang und läuft. Das ist das erhebendste Gefühl überhaupt. Ich habe das ungefähr einmal alle drei Jahre.

Bücher des Autors

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