Portrait des Autors Elena Gorokhova

Elena Gorokhova

Elena Gorokhova, geboren 1955 in Leningrad, dem heutigen Sankt Petersburg, studierte Englisch an der Staatlichen Universität Leningrad, bevor sie 1980 die damalige Sowjetunion verließ. In den USA promovierte sie über Sprachvermittlung und unterrichtete an verschiedenen Colleges Englisch als Zweitsprache, Linguistik und Russisch. Elena Gorokhova lebt in New Jersey.

Interview

Elena Gorokhova

Mit nur 20 kg Gepäck landet Lena in Washington. Der Start in ein neues Leben ist holprig, doch Lena ist wild entschlossen, ihre russische Haut abzustreifen. Entwaffnend ehrlich und mit trockenem Humor erzählt Elena Gorokhova in ›Russisches Tattoo‹ davon, was es heißt, sich in einer fremden Sprache neu zu erfinden, und wie die Bande der Vergangenheit nicht nur fesseln, sondern auch einen Neuanfang ermöglichen können.


Sie schreiben: »Russland hatte sich wie ein Virus in meinem Blut eingenistet und reiste quer über den Ozean mit.« Auf welche Weise lebt Russland in Ihnen fort, nachdem Sie nun schon viele Jahre in den USA sind?

Ich glaube, die Seele eines Emigranten ist in zwei Hälften geteilt: Eine weilt dort, wo man gerade lebt, die andere ist an dem Ort geblieben, an dem man geboren ist.

In Sowjetrussland aufgewachsen zu sein, hat für mich unter anderem zur Folge, dass ich mich, besonders beim Einkaufen, nicht entscheiden kann. Außerdem habe ich Angst Fehler zu machen, vielleicht weil Fehler damals in meiner Heimat gewichtigere Folgen hatten.

Mir fällt es auch schwer, Dinge wegzuwerfen. Bei mir geht das nicht so weit wie bei meiner Mutter, die sogar Papierservietten wiederverwendete und Plastikhüllen von Lebensmittelverpackungen aufbewahrte, aber mein Mann muss mich geradezu dazu zwingen, einen kaputten Teller oder eine alte Kaffeemaschine zu entsorgen, obwohl bei uns zu Hause niemand Filterkaffee trinkt.

Ich bin immer noch unsicher, wenn ich mit anderen Englisch spreche, der Gebrauch der englischen Artikel ist mir immer noch nicht ganz klar – das unbestimmte a und das bestimmte the vor Substantiven –, denn die gibt es im Russischen nicht. Mir fällt es schwer, Geld auszugeben, besonders für unnütze Dinge oder für mich selbst.

Was sonst noch? Wenn wir Besuch haben, tische ich immer Unmengen auf, unsere Gäste gehen stets mit Schüsseln voller Mayonnaise-Salate nach Hause, und meine Familie muss noch tagelang die Reste essen. Wie Sie sehen, schlägt der russische Virus immer wieder zu.

In Ihrem Buch beschreiben Sie sich selbst, Ihre Mutter und Tochter und verwenden dafür das Bild von einer Matrjoschka, »Mutter und Tochter, die ineinander gesteckt sind«. Was schwingt für Sie in dieser Metapher mit?

In meinen Augen beschreibt dieses Bild der Matrjoschka sehr schön die Generationenabfolge. Meine Immigration in die USA hat diese Kontinuität in gewisser Weise unterbrochen.

Trotzdem habe ich mich bemüht, meine Tochter dazu zu bringen, etwas fortzusetzen, das sie nicht verstand und zu dem sie kaum eine Beziehung hatte. Meine Mutter setzte hier ihren Alltag so fort, wie sie es aus Russland gewohnt war, während meine Tochter, die hier geboren ist, sich wie ein typisch amerikanisches Kind verhielt. Ich steckte in der Mitte fest – eine Art Puffer zwischen Alt und Neu – und war dem Druck von beiden Seiten ausgesetzt.

Und doch waren wir eine Familie und gehörten zueinander, obwohl meine Mutter kein Englisch sprach und meine Tochter nicht fließend Russisch. Vielleicht war ich das Bindeglied zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Wie kam es zu dem Buchtitel?

Der Titel hat für mich zwei Bedeutungen. Eine wörtliche – die Tätowierung auf den Armen meiner Tochter. Und eine metaphorische: Er umfasst alle Erinnerungen, Einflüsse und Verbindungen, die immer ein Teil von mir sein werden, meine Heimat Russland, die in mein Herz tätowiert ist. Er steht für das in zwei Hälften geteilte Herz und die geteilte Seele, mit der alle Immigranten leben müssen.

Goodbye Leningrad‹ beschäftigt sich mit Ihrer Vergangenheit in Russland, ›Russisches Tattoo‹ mit Ihrem Leben in den USA. Unterschied sich die Arbeit an den beiden Büchern?

Ja, sehr. Am ersten Band habe ich sehr viel länger gearbeitet. Während ich meine Erinnerungen an Russland niederschrieb, die später als Kapitel in ›Goodbye Leningrad‹ eingingen, lernte ich, in englischer Sprache zu schreiben.

Während der ersten Jahre in diesem Land erlegte ich mir auf, nichts auf Russisch zu lesen, denn ich hatte mich bewusst dafür entschieden, nur noch Englisch zu schreiben. Das eignete ich mir an, indem ich gute Bücher in englischer Sprache las und Formulierungen und ganze Absätze abschrieb, die mir besonders gefielen.

Für den zweiten Band brauchte ich nur drei, vier Jahre. Dabei ging es vor allem darum, die komplexen und komplizierten Beziehungen zu den Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung zu ergründen: zu meinem ersten Mann, meiner Mutter, meinem zweiten Mann, meiner Schwester, meiner Tochter.

Ich schrieb, um mich zu erinnern und die vielfältigen Beweggründe und Wünsche zu begreifen, die wie Fäden in unserem Leben zusammenlaufen und ihm Halt geben. Der Tod meiner Mutter bildete auch den Schlusspunkt des Buches.

Woran arbeiten Sie derzeit?

An einer Biografie (oder einem Roman?) über das Leben meiner Schwester. Sie wurde während des Zweiten Weltkriegs geboren, wuchs in einer Kleinstadt in Zentralrussland auf und wurde eine bekannte Bühnen- und Filmschauspielerin. Auch im Rundfunk war sie zu hören.

Mich interessiert, wie Schauspieler ihre jeweilige Rolle anlegen und verkörpern – diese wahrhaftige Fiktion im Gegensatz zu der falschen Fiktion, an die wir in der Sowjetunion glauben sollten. Wir taten so, als würden wir an die uns vorgegaukelte glänzende Zukunft im Kommunismus glauben, während die Schauspieler in Russland ihre Rollen mit Leben erfüllten und damit Wahrheit gestalteten.

Und was sollten wir noch erfahren?

Meine Tochter hat meine Erziehungsfehler überlebt. Sie hat an der University of Vermont ihren Abschluss mit magna cum laude gemacht und arbeitet jetzt als freie Fotografin. Ihre Arbeiten sind schon in Redbook, Seventeen, Dr. Oz, Good Housekeeping und anderen Zeitschriften erschienen. Sie ist hübsch, klug und talentiert und lebt mit ihrem Hund, einem Pitbull-Mischling aus dem Tierheim, in Brooklyn.

Das Interview mit Elena Gorokhova wurde uns freundlicherweise von Deborah Kalb zur Verfügung gestellt, die dieses im Januar 2015 auf ihrem Blog veröffentlicht hat.

Alle Bücher von Elena Gorokhova

2 Titel
Ansicht
Elena Gorokhova

Russisches Tattoo

In der Ferne – eine Geschichte von Müttern und Töchtern

Lost in Translation – eine liebevoll ironische Culture-Clash-Geschichte voller Situationskomik.

Erhältlich als: Premium, E-Book

Elena Gorokhova

Goodbye Leningrad

Ein Memoir

Bittersüße Erinnerungen an eine Jugend hinter dem Eisernen Vorhang.

Erhältlich als: Taschenbuch, E-Book
Taschenbuch
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