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Gerhard Berz

Gerhard Berz, Jahrgang 1941, ist Diplom-Meteorologe und promovierte in Meteorologie und Geophysik. Er war beim Deutschen Wetterdienst und am Meteorologischen Institut der Universität München tätig und übernahm 1974 die Leitung des Bereichs GeoRisikoForschung der Münchener Rückversicherung. Er war jahrzehntelang Lehrbeauftragter an der Universität München, von der er 2006 zum Honorarprofessor für Meteorologie ernannt wurde. Er ist Mitglied und Berater in zahlreichen Gesellschaften, die sich mit dem globalen Klimawandel und Naturkatastrophen befassen.

Interview

Gerhard Berz

Herr Berz, die Katastrophe in Haiti hatte verheerende Ausmaße. Kann so etwas jederzeit wieder passieren oder ist es eher unwahrscheinlich, dass sich ein solch starkes Erdbeben innerhalb einer Region sobald wiederholt?

In den nächsten Monaten können weitere starke Nachbeben auftreten – wie in Haiti bereits geschehen – aber mit abnehmender Tendenz hinsichtlich der Häufigkeit und der Stärke. In den kommenden Jahrzehnten sind dann in diesem Gebiet keine so starken Beben mehr zu erwarten – das letzte Vergleichbare liegt 250 Jahre zurück. Westlich und östlich davon ist nun jedoch die Wahrscheinlichkeit für ein Beben größer als vorher, denn dort haben sich am Rand des beim Beben gebrochenen Bereichs die Spannungen in der Erdkruste erhöht.

Welche Regionen auf dieser Erde sind ähnlich stark gefährdet, bzw. wo müssen wir in nächster Zeit mit einem ähnlich starken Beben rechnen?

Erdbeben wie in Haiti mit einer Stärke von 7,0 kommen weltweit jedes Jahr häufiger als einmal pro Monat vor, solche mit einer Stärke von 8,0 immerhin noch mehr als einmal pro Jahr. Die stärksten bis heute gemessenen Beben hatten eine Stärke von über 9,0, d.h. eine 1000mal größere Energie als das Beben in Haiti. Das Ausmaß einer Erdbebenkatastrophe hängt in erster Linie von der Nähe des Epizentrums zu einer dicht besiedelten Region, von den Untergrundbedingungen und von der Verwundbarkeit der betroffenen Region wie beispielsweise der Gebäudebau, ab. Am stärksten gefährdet sind die Regionen rings um den Pazifik einschließlich der Karibik und die Zone von den Azoren durch den Mittelmeerraum, die Türkei, Iran, Himalaya bis nach Indonesien, der ostafrikanische Graben, der Jordangraben und auch das Oberrheintal. Auch rings um aktive Vulkane können starke, oberflächennahe Beben auftreten. Es gibt eine lange Liste von Großstädten, die in diesen Erdbebenzonen liegen und irgendwann in den nächsten Jahrzehnten oder Jahrhunderten von einer Erdbebenkatastrophe betroffen werden können. Einige Beispiele: Istanbul, Teheran, Tokio, San Francisco, Los Angeles, Mexiko-Stadt oder Santiago de Chile.

Haiti gehört zu den ärmsten Regionen der Welt. Gibt es kostengünstige und einfache Frühwarnsysteme oder andere Hilfsmittel, damit sich auch diese Länder zukünftig besser schützen können?

Es gibt bis heute keine verlässlichen Frühwarnsysteme für Erdbeben. Durch seismologische Beobachtungen und geologische Untersuchungen kann man die aktiven Verwerfungszonen feststellen und abschätzen, welche Regionen am stärksten gefährdet sind. Dort muss man beginnen, die Bauwerke widerstandsfähiger zu machen. Vor allem wichtige Gebäude wie Schulen oder Krankenhäuser, aber auch wichtige Infrastruktureinrichtungen wie Brücken und Hafenanlagen müssen gesichert werden. Dafür sind erhebliche Investitionen über lange Zeiträume nötig, die hoffentlich jetzt in Haiti zur Verfügung gestellt werden. Außerdem muss die Bevölkerung besser über Erdbeben und Vorsorgemaßnahmen informiert und trainiert werden, z.B. durch jährliche nationale Vorsorgetage wie in Japan und Kalifornien und durch gezielten Unterricht an den Schulen.

Wie schätzen Sie die langfristigen Auswirkungen auf die Wirtschaft sowie Gesellschaft durch Naturkatastrophen ein?

Große Naturkatastrophen können die Wirtschaft und Gesellschaft ganzer Länder viele Jahre zurückwerfen. Besonders hart trifft es kleine, wenig entwickelte Länder, die in ihren Wirtschaftszentren durch die Katastrophe schwer betroffen werden. Haiti ist dafür ein besonders negatives Beispiel. Weltweit nehmen Häufigkeit und Schwere von Naturkatastrophen zu. Das liegt vorwiegend an sozio-ökonomischen Faktoren wie Bevölkerungswachstum, Verstädterung, Besiedlung exponierter Regionen und wachsende Verwundbarkeit. Daneben werden durch den globalen Klimawandel extreme Wetterereignisse häufiger und führen damit u.a. zu mehr Unwettern, Überschwemmungen und Hitzewellen.

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