Portrait des Autors Hasnain Kazim

Hasnain Kazim

Hasnain Kazim wurde 1974 im niedersächsischen Oldenburg geboren und wuchs in dem Dorf Hollern-Twielenfleth im Alten Land, vor den Toren Hamburgs, sowie in Karatschi, Pakistan, auf. Er studierte Politikwissenschaft und schrieb unter anderem für die Heilbronner Stimme und die Nachrichtenagentur dpa. Ab 2006 war er Redakteur von SPIEGEL ONLINE in Hamburg, ab 2009 Südasienkorrespondent von SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL in Islamabad. Von 2013 bis Anfang 2016 berichtete er als Türkei-Korrespondent aus Istanbul. Da ihm die türkischen Behörden die weitere Presse-Akkreditierung verweigerten, musste er das Land im März 2016 verlassen.

Interview

Die Geschichte einer Einwanderung

Hasnain Kazim: ›Grünkohl und Curry‹

In ›Grünkohl und Curry‹ freut sich Hasnain Kazim über die deutsche Staatsbürgerschaft, weil sie ihm erlaubt, dort zu bleiben, zu studieren und zu arbeiten, wo er geboren und aufgewachsen ist. Im Interview mit dtv verrät er, was ein „guter Deutscher“ ist – und warum er neuerdings in Pakistan lebt.

Herr Kazim, angenommen, ich lüde Sie heute Abend zum Essen ein – was würden Sie sich wünschen: Grünkohl mit Pinkel oder Curry?

Da ich derzeit in Südasien lebe und es hier um die 40 Grad heiß ist, passt Grünkohl irgendwie nicht, obwohl das eines meiner Lieblingsgerichte ist. Im Moment würde ich mich für ein Curry entscheiden. Und zwar eines, wie es in der pakistanischen und nordindischen Küche zubereitet wird, möglichst scharf, nicht dieses seltsame, gelbe Zeug, das in Deutschland als „Curry“ verkauft wird. Ich frage mich, wer dieses Pulver erfunden hat. Leider glauben die meisten Deutschen, so schmecke Curry – weit gefehlt!

Und wann würden Sie wieder gehen?

In Südasien gehört es sich, lange zu bleiben, mindestens zum Essen und zum anschließenden Tee. Gute Freunde und Verwandte erwarten schon, dass man über Nacht bleibt oder besser gleich ein paar Tage. Aber da Sie mich in Deutschland einladen, würde ich höchstens ein paar Stunden bleiben, mich fürs Essen und Ihre Zeit bedanken und mich dann verabschieden. Ich bin da eher westlich geprägt.

Genau wie Ihre Eltern: Sie bezeichnen Ihren in Indien geborenen Vater und Ihre in Pakistan geborene Mutter sogar als „gute Deutsche“!

Damit meine ich, dass sie in vielen Dingen eine deutsche Mentalität haben. Das klingt vielleicht merkwürdig, aber auf ihr Wort ist Verlass. Und diese als deutsch geltenden Tugenden wie Ordnung und Pünktlichkeit haben bei ihnen einen Wert. Versuchen Sie mal, in Indien oder Pakistan auf Pünktlichkeit zu pochen.

Dort scheint Zeit auch eine ganz andere Rolle zu spielen …

Nämlich gar keine, habe ich manchmal das Gefühl. Das ist sicher etwas Schönes, teilweise aber auch hinderlich: Wenn man in Pakistan oder Indien bei Fremden einen Termin hat, kann es passieren, dass man sich zunächst bis zu einer Stunde gegenüber sitzt, anschweigt oder ein bisschen Smalltalk macht. Dabei kann es auch um private Dinge gehen, obwohl man sich gar nicht kennt. Erst dann kommt man zum eigentlichen Thema. Daran muss man sich gewöhnen, es geht alles nicht so schnell.

Wobei in Deutschland auch nicht immer alles so fix geht: Ihr Buch führt einem die lähmend langsame deutsche Bürokratie drastisch vor Augen. Wie fühlte es sich für Sie eigentlich an, sich so intensiv mit der Einwanderungsgeschichte Ihrer Eltern auseinanderzusetzen?

In groben Zügen wusste ich natürlich, was meine Familie durchgemacht hat, um in Deutschland leben zu dürfen. Auf viele Details bin ich aber erst während der Recherche gestoßen. So war mir die Dimension, in der sich viele Menschen – teils über Jahre und ganz uneigennützig – für uns eingesetzt haben, vorher nicht klar. Ihnen allen bin ich heute sehr dankbar.

Während der Arbeit an ›Grünkohl und Curry‹ war ich aber auch häufig wütend auf die Ausländerbehörde, auf die Bürokraten mit ihren Vorschriften, auf das offizielle Deutschland mit seiner – leider immer noch – nicht gerade gastfreundlichen Ausländerpolitik. Mich stört, welchen Ton manche Politiker und Beamte gegenüber Ausländern anschlagen, vor allem, wenn sie kein oder nur gebrochen Deutsch sprechen – als seien das alles Trottel, die das deutsche Sozialsystem ausbeuten wollen.

Viele Ausländer und Kinder von Migranten bemühen sich zu beweisen, dass sie dazugehören. Nach der Arbeit an meinem Buch hatte ich erstmals das Gefühl: Ich habe keine Lust, irgendwem etwas zu beweisen. Jetzt wollte ich Distanz zu Deutschland, obwohl das meine Heimat ist, immerhin bin ich hier geboren und aufgewachsen. Und ich wollte mich stärker mit meinen südasiatischen Wurzeln auseinandersetzen. Auch deshalb beschlossen meine Frau – sie ist Deutsche – und ich, für ein paar Jahre nach Südasien zu ziehen.

Deshalb sind Sie im Juli 2009 als Südasienkorrespondent nach Islambad gezogen.

Eigentlich wollten wir nach Neu-Delhi, Indien, aber Sie werden es nicht glauben: Dort stießen wir ebenfalls auf bürokratische Betonköpfe. Mir wurde das Journalistenvisum verweigert, angeblich, weil man meine Berichterstattung nach den Terroranschlägen von Bombay im Winter 2008 „bösartig“ fand. Dabei hatte ich, wie viele einheimische Journalisten auch, nur das Krisenmanagement der indischen Regierung kritisiert.

Ist das nicht Ironie? Ich möchte den Kreis schließen, zurück dorthin, wo meine Familie ursprünglich herkommt, aber das wird mir verweigert. Auch gut, denn während ich ›Grünkohl und Curry‹ schrieb, dachte ich mir immer: Ich würde nicht wie meine Eltern für ein Land kämpfen, das mich nicht will. Also hakten wir Indien ab und zogen nach Islamabad, Pakistan.

Und fühlen Sie sich dort schon zu Hause?

Bislang sehr! Wir hatten aber auch Glück und haben schnell ein schönes Haus gefunden und vor allem viele freundliche Menschen kennengelernt, die es uns sehr leicht gemacht haben, uns hier wohl zu fühlen.

Islamabad ist sicher nicht das normale Pakistan, sondern eine Mitte der sechziger Jahre auf dem Reißbrett angelegte Hauptstadt. Die Infrastruktur ist im Vergleich zu anderen Städten und erst recht zu ländlichen Regionen sehr viel besser. Aber was für eine Stadt das ist: am Fuße der Margalla Hills gelegen, den Ausläufern des Himalaya! Von vielen Stellen aus hat man einen gigantischen Blick auf diese Bergkette.

Gibt es trotzdem Momente, in denen Sie sich fremd oder sogar deutsch fühlen?

Oh ja: Zum Beispiel, wenn wieder mal der Strom ausfällt. Dann hilft nur ein knatternder Dieselgenerator. Ist das nicht absurd? Ein Land mit einer riesigen Armee und Atomwaffen ist nicht in der Lage, seine Bevölkerung mit Strom zu versorgen.

Oder wenn zehn Handwerker auf einmal ins Haus stürmen und mehr Schaden anrichten als reparieren. Man muss nämlich daneben stehen und jeden Einzelnen anweisen, was genau er tun soll. Leider habe ich selbst zwei linke Hände und keine Ahnung, was ich ihnen sagen soll.

Doch das sind Situationen, an die ich mich gewöhnen kann. Nicht abfinden kann ich mich dagegen mit den unsäglichen Blasphemiegesetzen in Pakistan und damit, dass einige Menschen glauben, sich und andere im Namen einer Religion in die Luft sprengen zu müssen. Ich fühle mich fremd, wenn diese bärtigen Typen zum Krieg gegen den Westen aufrufen, wenn in Indien Menschen wegen ihrer Herkunft – Verbot des Kastensystems hin oder her – diskriminiert werden, wenn korrupte Beamte in allen südasiatischen Staaten einem das Leben schwer machen.

Vermissen Sie etwas aus Deutschland?

Ich mag es gar nicht sagen, aber ja: Alkohol. Mal ein gutes Glas Wein oder ein kühles Bier. Prohibition, wie sie in Pakistan seit Mitte der siebziger Jahre gilt, ist keine gute Sache. Denn die Leute trinken trotzdem, eben heimlich. Alkohol bekommt man nur auf Umwegen und es profitieren die Schmuggler. Der direkte Weg wäre mir lieber.

Alle Bücher von Hasnain Kazim

2 Titel
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Hasnain Kazim

Plötzlich Pakistan

Mein Leben im gefährlichsten Land der Welt

Ein faszinierender Bericht über das Leben in einer Gesellschaft, die selbst nicht weiß, was sie sein will.

Erhältlich als: Premium, E-Book

Hasnain Kazim

Grünkohl und Curry

Die Geschichte einer Einwanderung

Kazim erzählt, wie seine Eltern nach Deutschland kamen und in einem Dorf bei Hamburg heimisch wurden. Die Geschichte einer geglückten Integration.

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