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Herbert Günther

Herbert Günther ist 1947 in Göttingen geboren. Kindheit und Jugend auf dem Land. Durch Umwege zum Büchermenschen geworden. Buchhandelslehre, sieben Jahre Lektor im Otto Maier Verlag in Ravensburg, sieben Jahre Leiter einer Kinderbuchhandlung in Göttingen. Drehbücher für Kinderfilme im ZDF. 1986-1988 Lektor im Boje-Verlag in Erlangen. Seit 1988 freier Schriftsteller. Seitdem auch zahlreiche Übersetzungen von Kinder- und Jugendbücher zusammen mit Ulli Günther.

Lebt mit Familie, Hund und vielen Büchern in Friedland Reckershausen. Friedrich-Bödecker-Preis 1996 Sonderpreis für Übersetzung beim Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2006

Interview

»Ich glaube an die Kraft von Geschichten, weil sie mir selber Wesentliches für mein Leben gegeben haben.« - Herbert Günther im Interview mit Susanne Krones (dtv)

Kinder ohne Kindheit, die in Thailand, Indien, Brasilien, Uganda, Deutschland und Russland unter schwierigsten Bedingungen leben, sind das Thema Ihres Geschichtenbuches. Die Geschichten sind erfunden, die Kinder aber gibt es - sie sind Ihnen in Zeitungen und Zeitschriften in Interviews und Reportagen begegnet. Was war der Auslöser für Sie, mit der Arbeit an diesem Buch zu beginnen?

Ein einzelnes Schlüsselerlebnis als Auslöser für die Geschichten kann ich nicht benennen. Beunruhigung - das war es wohl. Ich lese die Jahresberichte von Terre des hommes, die Unicef-Informationen, ich lese täglich die ›Süddeutsche Zeitung‹, ich sehe und höre die Nachrichten der Auslandskorrespondenten. Da ist es kaum möglich, über die Schieflage der Lebensbedingungen von Kindern auf dieser Welt nicht informiert zu sein. Ich habe lange überlegt, ob ich mir das erlauben darf: Geschichten über Kinder in Ländern zu schreiben, in denen ich nicht gewesen bin. Schließlich bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass es feige wäre, es nicht zu tun. Ich habe über eine Kindsmörderin im 18. Jahrhundert geschrieben, über die ich ungleich weniger erfahren konnte, als z.B. über heute lebende Kinder in den Favelas in Rio de Janeiro. Entscheidend ist in jedem Fall, ob das Vorgefundene den Funken zu einer Geschichte in mir auslöst. Ich glaube an die Kraft von Geschichten, weil sie mir selber nach buchferner Kindheit Wesentliches für mein Leben gegeben haben. Geschichten können Brücken sein über Zeiten, über Grenzen und über soziale Verhältnisse hinweg.

Warum ist ein Buch für Kinder daraus geworden - und keines für Erwachsene?

Kinder sind - falls nicht frühzeitig in gleichgültiges Verhalten eingeübt - offen, neugierig, sie wollen alles erfahren, was es auf der Welt gibt und ihren eigenen Weg darin finden. Den Kindern in unserer mitteleuropäischen, von Ordnung und vorwiegend von Wohlstand geprägten Welt davon zu erzählen, dass ihre Altersgenossen anderswo unter ganz anderen Bedingungen leben, halte ich aus vielerlei Gründen für wichtig. Kinder werden älter, und es wird nicht egal sein, was sie als Erwachsene dann in der global verzahnten Welt voneinander halten, mit welchem Wissen und mit welchen Gefühlen sie einander begegnen. Es könnte ja auch sein, dass die Globalisierung nicht allein nach Maßgabe der ökonomischen Zwänge verläuft ...
Im Übrigen: Jede gute Kindergeschichte ist auch gut für Erwachsene. Für mich als Autor ist es ganz wunderbar zu erfahren, dass die Geschichten oft Anlass zu Gesprächen zwischen Kindern und Erwachsenen sind, zwischen Lehrern und Schülern ebenso wie zwischen Eltern und ihren Kindern.

Sie erzählen realistisch, sparen nichts aus. Wie viel Gewalt kann man den kindlichen Lesern zumuten - wie viel müssen sie wissen?

Kindern kann und sollte man alles sagen, die Frage ist nur wie. Die Literatur hat viele Möglichkeiten, das realistische Erzählen ist eine. Gewaltdarstellungen um ihrer selbst willen finde ich ganz fürchterlich. Die Welt, in der wir leben, ist in vielem oft anders als wir sie uns wünschen. Davon können auch Kindergeschichten nicht unberührt bleiben. Durch häufigen, ich finde unverantwortlichen, Umgang mit dem Thema Gewalt in allen Medien hat sich in den Vorstellungswelten nicht nur von Kindern eine gefährliche Ablösung vollzogen: Gewalt wird nicht mehr in Verbindung mit Realität gesehen, sondern ist nur noch reine Fiktion, Spektakel, das durch noch mehr Spektakel überboten werden muss, um Interesse zu wecken. - In der russischen Geschichte in »Mach's gut, Lucia!« passiert das Gegenteil: Boris' Faszination für die coolen Gewalttäter bricht im Augenblick des Erlebens von wirklicher Gewalt in sich zusammen, es öffnen sich ihm andere, neue Perspektiven auf die Realität. Wie viel Gewalt man kindlichen Lesern zumutet, muss sich auch daran orientieren, wie viel Gewalt es in der Realität gibt. Kinder wollen für alles eine Erklärung. Die Literatur hat viele Möglichkeiten, kindgemäße Erklärungen zu geben. Oder zuzugeben, dass es keine Erklärungen gibt.

Schreibt man für Kinder anders als für Erwachsene?

»Für Kinder muss man schreiben wie für Erwachsene, nur besser.« Diesem Satz von Maxim Gorki ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Alle Kriterien der Literatur gelten auch für die Kinderliteratur. Zusätzlich ist es eine herausfordernde Aufgabe für Kinderbuchautoren, sich verständlich zu machen, was nicht heißt, in die Knie zu gehen oder sich anzubiedern. Es geht auch nicht darum, die Erfahrungen und das Mehr-Wissen des Erwachsenen Kindern auftrumpfend um die Ohren zu hauen, sondern es ihnen zur Verfügung zu stellen, Öffnungen zu schaffen, Einblicke in Außen- und Innenwelten, die es den kindlichen Lesern möglich machen, Eigenes zu erkennen und es allmählich für sich zu gewinnen. Zu den richtigen Fragen anregen ist dabei allemal wichtiger, als Gewissheiten vorzugaukeln, wo keine sind.

Einer Ihrer Sätze bleibt lange im Gedächtnis: »Diese Kinder sind die Mehrheit, wir hier in Mitteleuropa sind die Minderheit.« Ein Satz, der gleichermaßen wütend und hilflos macht. Welche Ratschläge würden Sie den Politikern dieser Welt geben, um an diesen Verhältnissen etwas zu ändern?

1. Zuhören, genau hinsehen, sich das Schicksal der Kinder dieser Welt etwas angehen lassen, sich von den internationalen Kinderhilfsorganisationen beraten lassen.
2. Über die ökonomischen Zwänge hinaus denken und begreifen, dass die Zukunft der Kinder wichtiger ist als der Börsenkurs.
3. Globalisierung als Chance für eine gerechtere Welt begreifen, auf dieses Ziel hin handeln und entscheiden auch mit dem Risiko, nicht wieder gewählt zu werden.

Haben Sie während der Arbeit an Ihrem Geschichtenbuch etwas von den Figuren Ihrer Geschichten und ihren realen Vorbildern gelernt?

Das Sich-hineinversetzen in andere Lebenswelten, in konkrete Figuren, die Vorstellung »Wie wäre das, wenn ...«, geht nicht ohne die Bereitschaft, eigene Denkweisen zu überprüfen, zu verändern, oder zu erweitern. Von den Kindern, die ich für »Mach's gut, Lucia!« durch meine Recherchen kennengelernt habe, habe ich vor allem gelernt, dass sie nicht leben würden ohne die Kraft, die aus den ganz einfachen Dingen kommt, die Kraft der Solidarität, die Kraft der Hoffnung, die Kraft der Liebe zum Leben, etwas, das uns in gesicherten Verhältnissen verloren zu gehen droht. Es wäre zynisch, Menschen wegen ihrer existenziellen Gefährdung zu beneiden, aber lernen könnten wir sehr wohl voneinander, nicht nur in einer Richtung.

Alle Bücher von Herbert Günther

1 Titel
Ansicht
Herbert Günther, Karl-Heinz Mai

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