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Ingmar Gregorzewski

Ingmar Gregorzewski, geboren 1952, lebt, unterbrochen von einigen Auslandsaufenthalten, seit 1975 in seiner Wahlheimat München. Er ist Publizist, Lehrbeauftragter an verschiedenen Medieninstituten und Drehbuchautor, u. a. für den Münchner ›Tatort‹. Als langjähriger Freund und Berater von Ali Mitgutsch hat er dessen Erinnerungen aufgezeichnet.

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Interview

Ingmar Gregozewski

Auf dem Münchner Türkenstraßenfest Anfang der 70er-Jahre ist Ingmar Gregorzewski das erste Mal auf Ali Mitgutsch aufmerksam geworden. Ali Mitgutsch war damals als Aktivist ein lokaler Held, der Wahlmünchner Ingmar Gregorzewski beeindruckt von der Offenheit der Gäste. Inzwischen haben die beiden unzählige Stunden an Ali Mitgutschs Küchentisch verbracht – herausgekommen ist das Buch ›Herzanzünder‹. Wir haben uns mit Ingmar Gregorzewski über die Geschichte hinter dem Buch unterhalten.


Herr Gregorzewski, München ist ihre Wahlheimat. Wie hat Sie denn Ihr Weg nach München geführt? Und erkennen Sie die Stadt aus Ali Mitgutschs Erzählungen wieder?

Ich bin als ostpreußisches Flüchtlingskind in Gütersloh geboren. Schon mit 14 Jahren kam ich 1966 das erste Mal nach München. Ein paar Jahre später zog ich dann endgültig an die Isar. Es gab Mitte der 60er-Jahre noch keine U-Bahn und auch keine Olympiade, viele Kriegsschäden waren in der Stadt noch gegenwärtig. Der Wiederaufbau noch nicht abgeschlossen – die meisten Hausfassaden grauer als heute, ganz andere Geschäfte: Schuster, Besenbinder, kleine Werkzeugläden. Aber die Stadt pulsierte ungeheuer. Das Wirtschaftswunder blühte. Das Leben platzte aus allen Nähten. Die Menschen wollten sorglos sein, sie wollten endlich die wirkliche Befreiung von der Nazi-Zeit. Gerade die Jugend verlangte, es solle sich endlich etwas ändern, Schluss mit der verknöcherten Moral einer sich besiegt fühlenden Generation. Die 68er lagen in der Luft, schon vor ihrer Zeit. Bei der Arbeit an dem Buch war es immer wieder ein Thema zwischen Ali Mitgutsch und mir, wie die und die Ecke der Stadt bis wann so aussah und dass sie heute längst nicht mehr so aussieht. Das brachte auch seine Erinnerung in Gang.

Wie hat sich die Idee entwickelt, gemeinsam mit Ali Mitgutsch eine Biografie über seine Kindheit zu schreiben?

Ali Mitgutsch war mir ein Begriff seit dem ersten Türkenstraßenfest Anfang der 70er-Jahre. Seine Freunde und er waren großartige Aktivisten, sie waren lokale Helden. Für mich jungen Spund war es unfassbar, dass Bierbänke und Tische mitten auf der Straße standen, Fremde und Freunde beieinander hockten, Musik spielte, wo sonst der Autoverkehr gnadenlos Vorrang hatte. So etwas hatte die Welt noch nicht gesehen. Jahre später hat uns dann eine gemeinsame Bekannte miteinander bekannt gemacht. Ich war mittlerweile ein erfolgreicher Drehbuchautor. Sie fragte, ob ich nicht Lust hätte, mich um seine Medienanfragen zu kümmern. So lernte ich ihn in seiner Küche kennen und wir haben uns auf Anhieb gut verstanden. Seit dieser Zeit begleitete ich ihn auch auf alle seine Veranstaltungen. Immer wieder sprach er vor Publikum auch über seine Kindheit. Dabei saß ich stets in der letzen Reihe und hatte vor mir die Köpfe der Zuhörer. Es war unglaublich, wie diese bei seinen Kindheitsgeschichten mitgingen. Und nicht nur einmal habe ich unter manchem Lachen auch ein leises Schluchzen unter ihnen vernommen. Ein Freund sagte dann mal so nebenbei zu mir, ob es mir nicht langweilig sei, seine immer gleichen Geschichten zu hören. Ich sagte nein und überlegte, woran das wohl lag. Die Saat für das ›Herzanzünder‹-Buch war damit gelegt.

Wie sind Sie denn beim Verfassen des Buches vorgegangen?

Wir haben uns regelmäßig in seiner Küche in der Maxvorstadt getroffen. Da ich die meisten Geschichten schon sehr gut kannte, reisten wir also gemeinsam in seine Vergangenheit. Ich konnte auch Zusammenhänge zwischen den einzelnen Ereignissen bei ihm abrufen, was ein großer Vorteil war. Diese Gespräche zwischen uns habe ich aufgezeichnet und fing an, sie nach Geschichten zu sortieren. Vor allem ging es mir darum, Kapitel für Kapitel zu zeigen, wie das Kind Ali an Stärke gewinnt, und wie so etwas bei all seinen Lebensschwierigkeiten überhaupt möglich war. Und das wollte ich natürlich mit Handlung belegen, nicht einfach nur behaupten. So etwas gelingt im dramaturgischen Sinn z.B. auch durch Weglassungen. Damit bleibt der Tonfall lebendig und spannend. Dazu kam, dass ich auf keinen Fall seine Stimme in dem Text verlieren wollte. Das war mir ganz wichtig. Aber ihn 1:1 zu übertragen hätte keine Wirkung gehabt. Es ging ja um das gedruckte Wort, das war das Medium. Ich musste für den Leser eine Partitur entwickeln, um ihn so selbst zum Instrument zu machen, wenn nicht gar zum Orchester. Alles in allem haben wir etwa zwei Jahre an dem Buch gearbeitet. Das Loslassen fiel uns schwer.

In ›Herzanzünder‹ werden viele witzige Geschichten aus dem alten München erzählt, aber auch schwere Erinnerungen an den Krieg und an mobbende Kinder in der Schule. Welche Szene hat Sie am meisten beeindruckt?

Viele Ereignisse im Kinderleben von Ali Mitgutsch sind hart und auch grausam. Das hat auch bei mir Eindruck hinterlassen. Dennoch: Mich berührt am meisten der Schluss, wie der Ali seine Kindheit verlässt, wie er sie hinter sich lässt, es gibt keinen Weg mehr zurück. Als Referenz dazu dienten mir unter anderem die beiden Nachbarinnen, die, ein bisschen wie der Chor im griechischen Drama, diese Entwicklung im Hausflur giftig kommentieren. Nach und nach erkennen sie den Mann in ihm, längst bevor er das selber begreift. Er ist am Ende dann froh, kein Kind mehr zu sein, hat aber den Kontakt zu diesem Kind Ali sein ganzes Leben lang niemals verloren: all die Träume, all die Ängste, die kleinen Triumphe und die großen Ungerechtigkeiten wirken bis heute in seinen Arbeiten, in seinen Wimmelbildern weiter.

Ist eine Fortsetzung der Biografie über Ali Mitgutschs Leben als Erwachsener geplant?

Das wäre schön und sicher auch spannend. Lassen wir das die Leser entscheiden.

Alle Bücher von Ingmar Gregorzewski

1 Titel
Ansicht
Ali Mitgutsch, Ingmar Gregorzewski

Herzanzünder

Mein Leben als Kind

Ali Mitgutsch, Erfinder der ›Wimmelbücher‹, erinnert sich an seine Kindheit.

Erhältlich als: Hardcover, E-Book

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