Portrait des Autors Julie Mebes

Julie Mebes

Julie Mebes wurde 1966 in Deutschland geboren. Aufgewachsen ist sie in den Niederlanden, mit achtzehn wechselte sie die Staatsangehörigkeit. Sie studierte Politologie und Jura in Amsterdam. Nach Stationen im Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft war sie Diplomatin in Brüssel, Botschaftsrätin bei der EU, und in Paris stellvertretende Botschafterin bei der UNESCO. 2010 quittierte sie den Dienst, um in Paris zu bleiben, und regrettet rien.

Interview

Julie Mebes: Der Himmel neben dem Louvre

Ein Interview mit Julie Mebes über Paris, das Schreiben und Diplomatie

Julie Mebes zeigt uns in in ihrem neuen Buch ›Der Himmel neben dem Louvre‹ in 38 kurzen Kapiteln ihr ganz persönliches Paris. Wir stehen an der Kasse ihres Supermarktes an, sind eingeladen auf ein Dichterseminar, sitzen mit an ihrem Schreibtisch vor dem Fenster ihrer kleinen Wohnung, lernen ihre Nachbarn kennen. Im Interview verrät sie uns, wieso es sich als Frau so gut in Paris leben lässt und wie sie als Diplomatin zum Schreiben gekommen ist.

Beschreiben Sie uns Ihr Paris.


Ach, das klingt so anmaßend. Als ehemalige Diplomatin habe ich mich schwer mit territorialen Besitzansprüchen. Das müsste man schon anders formulieren.

Wie denn?


Wenn überhaupt, dann ist es die Stadt, die von einem Besitz ergreift, nicht andersrum.

Weil sie Sie leichter leben gelehrt hat, wie Sie in Ihrem Buch schreiben?
Ja. Savoir faire, joie de vivre – all das wurde schon hier erfunden. Und als Frau allein lebt es sich hier wirklich leichter.

Wieso?


Weil ein Leben allein hier kein liebloses Leben ist. Weil eine Frau nicht automatisch den Tisch neben den Toiletten zugewiesen kriegt, wenn sie ohne Begleitung ins Restaurant geht. Weil der Tag schön anfängt, wenn die Müllmänner im Vorbeifahren Ihnen statt einer Schweinerei »Vous êtes ravissante!«, Sie sind hinreißend!, zurufen.

Sehen Sie die Stadt nicht durch die rosarote Brille?


Das halten mir vor allem Pariser Freunde auch oft vor. Die Stadt ist nicht mehr wie früher, behaupten sie, das Miteinander sei viel härter geworden. Ich frage mich immer: wie höflich sollen die denn hier gewesen sein? Natürlich stößt man hier auch auf unverschämte Leute, aber im Großen und Ganzen haben die Pariser Umgangsformen und gebrauchen sie Redewendungen und Ausdrücke, die mich jeden Tag aufs Neue erstaunen und buchstäblich mein Herz hüpfen lassen. Man kauft ein bifteck beim Fleischer und wird beim Zahlen verabschiedet auf eine Art, die wir uns im Ministerium für wichtige ausländische Delegationen aufhoben.

Was bringt eigentlich eine Diplomatin zum Schreiben?


Viele Diplomaten sind Autor. Die Diplomatie ist eine gute Schule. Diplomaten hängen nicht nur auf Empfängen rum, sondern arbeiten vor allem an Texten – den ganzen Tag, und manchmal auch die halbe Nacht. Das ist nicht jedem klar. Aber jeder Konflikt, jede Lösung, jede Regelung muss irgendwie formuliert und festgelegt werden, und wenn die Arbeit getan ist, muss in Windeseile ein Bericht an die Hauptstadt verfasst werden, um Weisungen einzuholen für die nächste Verhandlungsrunde.

Macht das Diplomaten zu guten Schreibern?


Thomas Mann soll ja mal gesagt haben, er schreibe am liebsten für Bankiers. Die wüssten zu schätzen, dass das Komma an der richtigen Stelle steht. Das gilt auch für Diplomaten. Ich habe mal die Sitzung eines Ausschusses in Brüssel, in dem ich den Vorsitz hatte, unterbrechen müssen, sodass man sich hinter den Kulissen einigen konnte, ob an einer bestimmten Stelle ein Komma oder doch ein Semikolon stehen solle. Das hat mehrere Stunden gedauert, bis wir die Sitzung endlich fortsetzen und den Text verabschieden konnten. Mit Komma übrigens.

Aber diplomatische Texte sind doch keine Belletristik.


Nein, aber so einfach aneinandergereihte Standardphrasen sind es auch nicht. Es wird gefeilt und gefeilt, jedes Wort zehnmal ausgetauscht, bis endlich jeder den Text so auslegen kann, wie er es gerne möchte. Denn darin liegt ja der Hauptunterschied zur schriftstellerischen Tätigkeit: diplomatische Texte sind Kompromisstexte, denen alle zustimmen müssen. Sie werden in Konferenzsälen erarbeitet, manchmal von nur ein paar und manchmal von Hunderten von Regierungsvertretern, jeder mit Kopfhörer auf und mit Mikrophon, für die Simultanübersetzung, denn es geschieht ja immer in mehreren Sprachen gleichzeitig. Wie wunderbar, an einem Buch ganz alleine arbeiten zu können und jedes Wort gehört nur einem selbst! Aber das diplomatische Wiegen jedes Wortes bleibt eine gute Schule.

In Ihren Geschichten messen Sie den Parisern ja auch großes diplomatisches Geschick zu.


Haben sie auch.

Also, wenn man liest, wie Sie das alles so beschreiben, Ihre Nachbarn, das Haus, das Viertel, in dem Sie wohnen…


Ja?

… na, da fragt man sich schon, ob Sie da nicht doch irgendwie etwas verschönern.


Wenn man etwas unbeschreiblich Schönes beschreibt, ist das gar nicht nötig. Nein, ich beschreibe Paris wirklich genauso, wie ich es eben erlebe, die Frauen, die Männer…

… von denen manche so schön sind, dass sie nicht laufen können, schreiben Sie.


Das stimmt! Und ich schreibe ja auch über die weniger hübschen Seiten von Paris, die es natürlich gibt.

Die schlechte Luft, der Verkehr, der Moderummel…


Moderummel !?!

Kann man das nicht so nennen?


Mann schon. Frau nicht. Nein, ich meine die Armut, die Bettler. Ich probiere wirklich, Paris von allen Seiten zu beschreiben, aber von den meisten Seiten besehen bleibt Paris eben einfach sehr schön. Es ist eine unglaubliche Herausforderung, das unbeschreiblich Schöne zu beschreiben. Damit fängt man am besten gar nicht erst an, oder man wird nicht mehr damit aufhören können. Fürs Erste ist es bei mir zu spät, es wird wohl das Zweite werden.

Vielen Dank für dieses Gespräch.
Je vous en prie.

Alle Bücher von Julie Mebes

1 Titel
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Julie Mebes

Der Himmel neben dem Louvre

Zum Glück in Paris

Wer dieses Buch liest, möchte nach Paris. Tout de suite. Für immer.

Erhältlich als: Premium, E-Book

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