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Jurga Ivanauskaite

Jurga Ivanauskaitë wurde 1961 in Vilnius geboren. Sie studierte Grafik und hat bisher sechs Romane, darunter drei über Reisen in Tibet, sowie zwei Erzählungsbände veröffentlicht. Seit der Buchmesse 2002 ist sie auch in Deutschland sehr bekannt.
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Interview

»Geistig und spirituell waren wir immer Europäer«
Ein eMail-Interview mit Jurga Ivanauskaite

Was hat Sie bewogen ›Die Regenhexe‹ zu schreiben? Wie kamen Sie auf diese drei Frauen, die in unterschiedlichen Zeiten leben und doch in ganz ähnlicher Weise leiden?

Wenn ich einen neuen Roman schreibe, sind für mich die wichtigsten »Instrumente« Intuition und Unterbewusstsein, nicht etwa Verstand oder Vernunft. Manchmal scheint es mir, dass ein neues Thema wie eine exotische Pflanzen aus mir heraus wächst und ich einfach beobachte, was passiert, auch wenn ich nicht weiß, wer das Samenkorn dafür gelegt hat. Heute, fast zehn Jahre nach Erscheinen des Romans in Litauen, kann ich vielleicht leichter die Gründe erkennen, die mich dazu bewogen haben, den Roman zu schreiben. 1992/93 waren für Litauen die Jahre der umwälzender Veränderungen. Wir hatten inzwischen unsere Unabhängigkeit erreicht, die katholische Kirche wurde wieder aktiv und es war möglich, all die Bücher zu kaufen und zu lesen, die unter sowjetischer Herrschaft unerreichbar für uns waren. Für mich waren in dieser Zeit feministische Literatur und die gnostischen Evangelien des sogenannten »Nag Hammadi« - insbesondere das »Evangelium der Maria Magdalena« und andere apokryphe Texte, die geradezu feministisch schienen - Quellen, die mich am meisten inspirierten. Für den »mittelalterlichen« Teil des Romans wurde ich von der Malerei des Mittelalters und den Gregorianischen Gesängen inspiriert. Der Gegenwartsteil gründet in einigen Abschnitten auf persönlichen Erfahrungen, vieles entsprang aber auch der Phantasie. Für mich war es interessant, durch die Jahrhunderte zu gehen, Veränderungen und Konstanten im weiblichen Schicksal, im Glauben und in der Liebe zu studieren.

Was möchten Sie bei Ihren Lesern auslösen, welche Gefühle und welche Reaktionen bewirken?

Ich versuche immer sehr offen, ehrlich und aufrichtig in meinen Romanen zu sein. Ich versuche meinen Lesern zu zeigen, dass sie keine Angst vor den Abgründen ihrer Seele haben sollten und dass sie sich sogar mit den dunkelsten Ecken der menschlichen Psyche konfrontieren sollten. Diese Konfrontation mit den Schatten des menschlichen Seins ist nicht immer angenehm, aber meiner Meinung nach für jedes Individuum absolut notwendig. Nach diesem Ziel trachte ich immer in jedem meiner Bücher - nicht nur in der »Regenhexe«.

Wie kam es zu dem großen Erfolg der ›Regenhexe‹? War es irgendwie der richtige Roman zur richtigen Zeit oder war es der Tabubruch, der ihn so interessant für viele Menschen gemacht hat? Seine Publikation hat ja einen Skandal ausgelöst, haben Sie das in irgendeiner Weise vorhersehen können?

Von meinem ersten Buch an, welches ziemlich neuartig für das litauische Publikum war, hatte ich eine beständige und treue Leserschaft. Zunächst waren es hauptsächlich Leser aus der jüngeren Generation, später aber wurden einige meine Bücher, insbesondere die »tibetische Trilogie«, auch bei Geschäftsleuten, Großmüttern und sogar Gefangenen beliebt. Für »Die Regenhexe« war die beste Werbung die Tatsache, dass das Buch von einer staatlichen »Ethikkommission« als pornographisch eingestuft wurde und deshalb in normalen Buchhandlungen nicht verkauft werden durfte; nur in einigen, ganz speziellen Buchhandlungen, in denen erotische Zeitschriften und Ähnliches verkauft wurden. Es war das erste Buch in Litauen, das mit einem derartigen Verbot belegt wurde, und sicherlich wurden dadurch viele Menschen neugierig darauf. Tabubrüche und Tabubrecher sind in allen Gesellschaften interessant. Dieser Skandal war für mich persönlich eine große Überraschung und ein echter Schock. Ich war mir sicher, ein Buch über die Liebe und den Glauben geschrieben zu haben, über die Liebe, die nicht immer süß und schön ist und über den Glauben, der manchmal schmerzhaft und negativ ist. Nach dem Skandal wurde ich zur »Hexe« abgestempelt und dieses Image haftet mir auch jetzt noch, nach fast zehn Jahren, an - dem Schatten des »Hexenbuchs« zu entfliehen ist gar nicht so einfach.

Wie wichtig war der Katholizismus in der Zeit als der Roman veröffentlicht wurde und wie wichtig ist er jetzt in Litauen? Was bedeutet er heute für Sie?

Als der Roman veröffentlicht wurde, war der Katholizismus sehr wichtig für die Litauer. Nach 50 Jahren Verfolgung jeglicher Religion, Unterdrückung und Verbot des christlichen Glaubens waren die Menschen sehr offen, sehr hungrig und durstig nach dem wahren Glauben und nach tiefen spirituellen Erfahrungen. Aber leider wurde die litauische katholische Kirche in einer sehr konservativen, überalterten und rückwärtsgewandten Art und Weise wiedergeboren und verlor somit sehr schnell alle ihre möglichen Anhänger. Das ist eine traurige Tatsache, weil Menschen in Zeiten großer sozialer, wirtschaftlicher und psychologischer Veränderungen spirituelle Unterstützung und innerliche Hilfe benötigen. Die litauische katholische Kirche verpasste ihre Chanche, die Rolle der Helferin, der Verbündeten, Trösterin und Retterin einzunehmen. Und die entstandene Leere wurde von anderen gefüllt. Zurzeit hat Litauen Rekordzahlen an unterschiedlichen östlichen und westlichen Sekten und an Selbstmorden vorzuweisen. Ich versuche immer zu unterscheiden zwischen der katholischen Kirche als einer sozialen und ideologischen Institution und andererseits als einer metaphysischen Einheit, als einer spirituellen Lehre und dem persönlichen Weg der Perfektion eines jeden Individuums. Die erste Form der katholischen Kirche ist für mich nicht interessant, sie ist enttäuschend und manchmal ärgerlich. Die zweite mystische Kirche wirkt inspirativ und begeisternd. Vor einiger Zeit hatte ich große Zweifel, was den Katholizismus anbetrifft, aber nach fünf Jahren buddhistischer Studien im Himalaya begann ich die starke litauische Religion tiefer und vollständiger zu verstehen. Auch wenn das vielleicht paradox klingt.

Die Frauen leiden sehr an ihren Beziehungen im Roman. Man könnte meinen, sie wollen und müssen leiden. Haben Sie einfach eine extreme Art zu lieben beschrieben oder steht dieses Leiden repräsentativ für die Rolle der Frau in der Gesellschaft?

Ich glaube, dass diese »extreme Art zu lieben« manchmal repräsentativ für die Rolle der Frau in der Gesellschaft ist. Und in Litauen, das immer noch sehr patriarchalisch ist, ist der Weg der extremen Liebe üblich und sogar angesehen. Für die Frau ist es immer noch normal, mit einem Mann zusammen zu leben, der sie schlägt, der sie demütigt oder betrügt. Es ist besser, einen schlechten Mann zu haben als gar keinen. Alleinstehende Frauen sind immer noch Außenseiter in der heutigen litauischen Gesellschaft und Frauen werden in die Rolle des Anhangs, der Sklavin und Dienerin des Mannes gezwungen. Sogar die modernen Frauenzeitschriften fördern dieses Rollenverständnis. Der Wunsch nach Leiden ist typisch für die gesamte litauische Nation, für beide Geschlechter. Es ist sehr schwer, das verständlich zu machen, man muss es fühlen und erleben. Sogar unsere Volkslieder werden »Raudos« genannt, das bedeutet »Weinen«. Optimistisch, glücklich und ausgelassen sein ist für viele von uns, insbesondere unter den Künstlern, immer noch verpönt und der falsche Trend.

Ist Feminismus ein wichtiges Thema für Sie? Oder halten Sie ihn heute nicht mehr für notwendig?

Als die ersten feministischen Bücher in Litauen erschienen (ungefähr 1990), kamen sie mir vor wie ein Hauch frischer Luft. Der Feminismus hat sehr großen Einfluß auf meine Persönlichkeit ausgeübt, er ist aber nicht das Wichtigste in meiner Weltsicht. Ich habe fünf Jahre im Osten - im Himalaya - verbracht, dort habe ich den Buddhismus und die tibetische Religion und Kultur studiert. Mit einer feministischen Einstellung wäre es unmöglich gewesen, mit Lehrern, Gelehrten und Lamas richtig umzugehen, obwohl in der tibetischen Gemeinschaft Männer sehr offen sind. Ich will aber auch in jeder Hinsicht unabhängig sein; das Label »Feminismus« wirkt auf mich manchmal beengend. Ich glaube, dass der menschliche Geist, die Seele, kein Geschlecht hat und das Allerwichtigste für mich ist die Suche nach Ruhe und innerem Gleichgewicht. Der Feminismus ist für diesen Zweck nicht wichtig.

Offensichtlich haben Sie sehr viel Recherche für Ihr Buch betrieben - war es Ihre Absicht innerhalb des Romans einen historischen Roman zu schreiben?

Ich liebe es, die Geschichte der Mystik, Metaphysik, der Magie, der Esoterik zu untersuchen. Mich interessiert die Geschichte der unterschiedlichen Religionen, aber die Geschichte der Kriege und der Revolutionen, der Regenten und Sklaven mag ich nicht. Ich glaube nicht, dass man meinen Roman (innerhalb des Romans) historisch nennen kann. Ich habe zu viel Phantasie und Fiktion in meinem Kopf und und finde es ziemlich schwierig, mit reinen historischen Fakten zu arbeiten. Aber es macht mir Spaß, meine eigene Historie zu erfinden und mit dieser zu spielen.

Wie wichtig ist für Sie die litauische Literatur? Sehen Sie Ihre Rolle als Schriftstellerin darin, einer literarischen Tradition zu folgen oder ganz im Gegenteil, mit dieser Tradition zu brechen? Oder spielt beides eine Rolle für Sie?

Literaturkritiker beschimpfen mich gern als Zerstörerin litauischer Tradition, das begann bereits mit meinem ersten Buch aus dem Jahr 1985, einem Erzählungsband. Am Anfang habe ich auch in der Tat versucht, Tabus und Dogmen der Literatur zu durchbrechen - nicht im besonderen litauische, aber sozialistische, den sogenannten »Sozialistischen Realismus«. In meinen ersten Erzählungen und Romanen wurde ich von surrealistischer Malerei inspiriert, von Filmen von Bergman, Fellini und Tarkovsky, von Popmusik, den Beatles oder Pink Floyd, von orientalischer Philosophie und Religion - das alles hat eigentlich nichts zu tun mit traditionellen litauischen Werten. Wenn ich auf eine einsame Insel nur ein einziges Buch mitnehmen dürfte, würde ich niemals einen litauischen Autor auswählen.

Wie denken Sie über die heutige politische Situation Litauens? Es strebt die Mitgliedschaft in der EU an. Wird das intellektuelle und literarische Leben Litauens dadurch dem restlichen Europa näherrücken? Und gibt es noch Nachwirkungen der sowjetischen Herrschaft im Land?

Ich denke, dass wir immer noch in einer Zeit der Veränderung leben, es ist für viele Menschen sehr schwer, sich all diesen Veränderungen anzupassen. Manchmal scheint es, als könnten wir nicht mit der Unabhängigkeit und der Freiheit umgehen oder dass wir nicht fähig sind, von der Illusion in die Realität überzugehen, die nicht so romantisch ist, wie wir sie uns vor einigen Jahren erträumt hatten. Viele Menschen erwarten alles (Gutes wie Schlechtes) von der Regierung, sie versuchen nicht auf eigenen Beinen zu stehen. Ich denke, dass gerade diese Unfähigkeit zur Selbstständigkeit das Erbe aus der sowjetischen Zeit ist. Und ich hoffe, dass uns der europäische Geist dazu verhelfen wird, zu lernen, als unabhängige Individuen zu existieren, die für ihr Schicksal Verantwortung übernehmen und für das Schicksal der Nation, des Landes und des gesamten Planeten. Was das intellektuelle oder literarische Leben betrifft, so denke ich, dass es auch während der sowjetischen Zeit keine große Kluft zwischen Litauern und Europäern gab. Und nun sind unser Geist, unsere Herzen und Seelen nicht anders als die der Menschen in Frankreich, Großbritannien und Deutschland. Ein Weg des inneren Widerstands gegen das Regime in sowjetischer Zeit war, nach den westlichen, europäischen Idealen zu leben; diese tragen wir immer noch in uns. Geistig und spirituell waren wir immer Europäer, nun müssen wir diesnur noch physisch nachvollziehen.

Was sind Ihre (literarischen) Pläne für die Zukunft?

Ich fühle, dass der neue Roman »bald kommen wird« - es ist ein seltsames Gefühl, als würde man auf einen Sturm warten oder den Wechsel der Jahreszeiten. Den Titel habe ich bereits, das Thema ebenso wie einige Charaktere. Nun brauche ich nur die Zeit - ungefähr ein halbes Jahr - um alles zu vollenden. Und nach Weihnachten habe ich vor, eine Auswahl von Essays zu veröffentlichen.

Wir danken Ihnen herzlich für das Interview.

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