Portrait des Autors Kveta Legátová

Kveta Legátová

Kvìta Legátová ist das Pseudonym einer in Brno lebenden Autorin (geboren 1919), die während des kommunistischen Regimes als politisch unzuverlässig galt und deshalb nach dem Studium als Lehrerin von einer Dorfschule zur anderen versetzt wurde. Aus den Bergregionen in der Nähe der slowakischen Grenze schöpft sie die Themen für ihre balladenhaften, naturalistischen Geschichten.

Interview

Kvìta Legátová – Interview mit Pavel Mandys in der Wochenzeitschrift Týden vom 29. 10. 2002

Noch vor zwei Jahren kannten sie nur ein paar Freunde. Nach der Veröffentlichung der Bücher Želary und Jozova Hanule ist die zweiundachtzigjährige Vìra Hofmanová, bekannter unter dem Pseudonym Kvìta Legátová, eine anerkannte und viel gelesene Schriftstellerin, nach deren literarischer Vorlage ein Film gedreht wird. Letzten Donnerstag erhielt sie den Staatspreis für Literatur.

Wie wirkt sich der plötzliche Ruhm auf Sie aus?

Die Öffentlichkeit stört mich nicht, aber ich würde lieber nicht so gerne über mich reden, sondern über andere Dinge.

Über welche zum Beispiel?

Zum Beispiel darüber, daß wir Menschen unsere Verpflichtungen der Natur gegenüber nicht einhalten. Schon vor Jahren habe ich mich dem Kampf für ein Tierschutzgesetz angeschlossen, damals war das nicht sehr erfolgreich. Ich bin schon lange Jahre in einem Tierschutzverein. Tiere erkennen solche Leute übrigens, sie verhalten sich ihnen gegenüber anders. Ich habe fünf Katzen zu Hause, drei von ihnen sind von alleine zu mir gekommen. Oder ich gehe in unser Tierheim, wo es einen Haufen Hunde der verschiedensten Rassen gibt, und alle haben mich so gern, daß sie mich fast umwerfen. Ich interessiere mich eigentlich gar nicht für Rassen, ich bin weder bei Menschen noch bei Tieren Rassistin. Am liebsten sind mir die Promenadenmischungen, das sind gesunde und schlaue Hunde. Die sogenannten Reinrassigen degenerieren mit jeder Generation mehr und sind ständig beim Tierarzt.

Aber in Ihren Büchern interessieren Sie sich eher für Menschen.

Bis jetzt ja, aber über Tiere würde ich auch gerne noch etwas schreiben. Ich hatte das Glück, dort im mährisch-slowakischen Gebiet auf ganz unglaubliche Menschentypen zu treffen. Ich habe mich immer für Psychologie interessiert. Ich habe es als Fach auf der Hochschule studiert und war mit einer Reihe von Medizinstudenten befreundet, die sich damit befaßten. Daher das Interesse für die Charaktere von Menschen und auch von Tieren.

Haben die Figuren in Ihren Büchern reale Vorbilder?

Ja, fast alle.

Leben diese Menschen noch? Und haben sie Ihre Bücher gelesen?

Ich fürchte, daß einige sie gelesen haben. Ich habe noch ein anderes begonnenes Buch, Memoiren eines Schalks. Aber das kann ich nicht veröffentlichen, solange diese Menschen leben. Ich werd mich doch nicht öffentlich über sie lustig machen.

Ihr Leben lang waren Sie Lehrerin, und Sie haben ein enges Verhältnis zum Unterrichten, während Sie zum Beispiel die Kirche nicht mögen. Trotzdem ist in Želary der Lehrer eine der am wenigsten sympathischen Figuren und der Pfarrer das Gegenteil. Weshalb?

Den Pfarrer habe ich als Ideal dargestellt, so einen gibt es natürlich nicht. Obwohl ich eine Menge hervorragender Lehrer kennengelernt habe, habe ich hier einen eher schlechten, unglücklichen gewählt. Auf dem Land gab es solche, die sich täglich besoffen, und trotzdem liebten die Dörfler sie, sie holten sie dann aus dem Straßengraben und trugen sie zur Schule hinüber.

Wie sind Sie an diese Orte gekommen?

Gleich nach dem Krieg nahm ich eine Stelle im Gymnasium von Uherský Brod an, und dann wechselte ich nach und nach von einer Dorfschule auf die andere. Die Schönheit der mährischen Slowakei und der dortigen Leute hat mich schon damals fasziniert. Am besten hat es mir in Starý Hrozenkov gefallen, auch wenn es eine Strafstation war, so wie sie einen während der 1. Republik in die Karpatenukraine geschickt haben. Auch die Folklorekunst dort, die nie richtig gewürdigt worden ist, aber zum Glück immer noch erhalten ist.

Haben Sie schon damals über diese Orte und Menschen geschrieben?

Ein paar Charaktere sind in meinem ersten Büchlein Postavièky (Kleine Figuren) aufgetaucht, das irgendwann kurz vor 1948 erschien. Die Novelle Korda Dabrová habe ich dann während des Kommunistenregimes veröffentlicht, in einer Zeit, als sie jeden Debütanten sofort in den Schriftstellerverband aufnahmen. Ich hatte das Glück oder Pech, daß sie mich nicht aufnahmen, weil ich im Bezirks-Nationalausschuß eine zu schlechte kaderpolitische Beurteilung bekam.

Wie kam das? Haben Sie sich offen gegen das Regime ausgesprochen?

Ich mußte ständig zu irgendeinem Disziplinarverfahren. Dabei war ich in allem unschuldig! Zum Beispiel bin ich von der Totenfeier für Gottwald weggegangen. Aber nur deshalb, weil mir so kalt war! Durch einen reinen Zufall verließ auch die Religionslehrerin die Feier. Sie hat es stärker zu spüren gekriegt: Sie wurde aus dem Schuldienst entfernt, während ich nur versetzt wurde. Allerdings gebe ich zu, daß mir unsere alleinseligmachende Partei auch nicht gerade ans Herz gewachsen war.

Haben Sie deshalb in der sozialistischen Tschechoslowakei nicht publiziert?

Ich habe es gar nicht probiert, nur 1968, da habe ich so eine Allegorie auf die sowjetische Besatzung geschrieben. Der Gefangene hieß es, aber es spielte im alten Rom. Erst nach der Samtenen Revolution habe ich Želary fertiggeschrieben und es ein paar Brünner Verlagen angeboten. Sie hatten allerdings kein Interesse. Da dachte ich mir, daß es keinen besonderen Wert hat, und habe es nicht weiterprobiert, nur hin und wieder an einem Rundfunkwettbewerb teilgenommen. Einen gewann ich, und als sie dann den Drehbuchwettbewerb ausgeschrieben haben, habe ich Jozova Hanule geschrieben. Ich sagte mir, das ist ein wenig spannender als Želary und könnte ihnen zusagen.

Sie haben sich also einfach hingesetzt und eine Novelle geschrieben, für die Sie dann den Staatspreis bekommen haben?

Ich schreibe furchtbar schnell. Jozova Hanule hatte ich in kurzer Zeit fertig. Das macht mir keine Probleme, ich habe Material noch und noch. Wenn jemand das alles zusammensammeln wollte, könnte ich ihm drauflos erzählen, damit er es aufnimmt und niederschreibt. Ich selbst werde nicht mehr viel Zeit haben. Mir tut es um alle Figuren leid, die ich kenne und nicht mehr beschreiben kann, denn da müßte ich den Rest meines Lebens von morgens bis abends nur sitzen und schreiben und schreiben.

Wieder über die Leute von Želary?

An Želary schreibe ich eigentlich immer. Ich bin überzeugt, daß jeder Autor ein paar Gedanken hat, die er mitteilen möchte, meist recht drängende. Mancher schreibt einen Tausendseitenroman, und in dem gibt es einen einzigen Satz, wegen dem er ihn geschrieben hat. So ein paar Gedanken habe ich auch, die in mein Schreiben einfließen.

Welche sind es in Želary?

Dort geht es eher um das Porträt von Menschen und einer Landschaft.

Aber ein bißchen davon, daß Männer sich gegenüber Frauen besser verhalten sollten, scheint dort durch.

So würde ich es nicht formulieren, ich belehre nicht so gerne. Aber natürlich gebe ich zu, daß etwas Wahres daran ist. Wir leben immer noch in einer Männerwelt. Die Frauen holen die Männer zwar ein, aber leider nur beim Lungenkrebs. Was allerdings nicht bedeutet, daß ich etwas gegen Männer hätte; bei der Arbeit habe ich mich immer eher besser mit Kollegen verstanden als mit Kolleginnen. Vielleicht auch deshalb, weil ich entschieden den Druck der Mode ablehne, so wie die meisten Männer. Wenn wir in einer weiblichen Welt lebten, würden sich eben die Männer anmalen und Tabletten oder Silikon in sich hineinstopfen, um größere Muskeln zu bekommen. In der Natur ist das Männchen auch immer schöner. In der menschlichen Gesellschaft gilt das nicht, denn um schön zu sein, sind die Männer zu faul. Die Frau hat ihren Ehrgeiz darein gelegt, dem Herrn der Schöpfung zu gefallen, sie verwendet schrecklich viel Energie und Zeit auf die Veredelung ihres Äußeren, so kommt sie nicht zu anderen Dingen. Aber gefallen muß, verflixt noch mal, der Herr der Schöpfung! Das ist die natürliche Auslese.

Was für einen Mann haben Sie gewählt?

Ich habe nie geheiratet. Vielleicht hätte ich geheiratet, wenn derjenige Mann Hausarbeit gemacht hätte, aber das war zu meiner Zeit quasi undenkbar. Und dann war ich von klein auf so ein Hänfling. Es gibt wohl keine Krankheit, die ich nicht gehabt habe, Scharlach und Diphterie hatte ich beinahe gleichzeitig. Meine Klassenlehrerin wollte mich gar nicht zum Abitur vorlassen, weil ich so mager war, daß es nach Tuberkulose aussah, was damals recht verbreitet war. Wenn ich mit meinem Bruder einen Ausflug machte, schnitt er mir sogar manchmal einen starken Ast ab, an den ich mich hängen sollte, wenn es bergauf ging, so daß er mich ziehen konnte. Aber für all solche Hänflinge habe ich eine gute Nachricht: Ich habe alle gesünderen Freundinnen überlebt.

Warum publizieren Sie unter dem Namen Legátová?

Ich habe mir schon auf dem Gymnasium Pseudonyme gegeben. Meistens waren es die Namen von Freundinnen. Auch Kvìta Legátová ist eine gute Freundin von mir. Zuerst habe ich unter ihrem Namen ein Hörspiel eingeschickt, und als es angenommen wurde, bin ich bei dem Namen geblieben.

Jozova Hanule wurde nach Jahren von Filmemachern entdeckt. Petr Jarchovský schrieb ein Drehbuch nach dem Stoff, und Ondøej Trojan dreht nun den Film Želary. Verfolgen Sie die Dreharbeiten?

Ich hatte viele Vorbehalte gegen das Drehbuch von Jarchovský, aber schließlich ist etwas ganz Gutes daraus geworden, denke ich. Er ist ein halbes Jahrhundert jünger, so daß er diese Zeit nicht vollständig begreifen kann, ich mußte es ihnen erklären. Zum Beispiel stellten er und der Regisseur sich Hana als moderne Frau vor, die Zigaretten raucht und Hosen trägt. Aber das war damals unmöglich: An Zigaretten kam man während des Krieges nur mit Mühe, und wenn eine Frau in der Berggegend mit Hosen herumgelaufen wäre, hätten sie sie erschlagen. Und dann haben sie zum Beispiel ein Kind einen Erwachsenen ansprechen lassen, und erst einmal grüßt das kleine Mädchen mit „Hallo“. Auch das ist wirklich Unsinn, ein kleines Mädchen konnte einen Erwachsenen nicht einfach so ansprechen, statt dessen mußte es ganz höflich grüßen, auch wenn es ihn nicht kannte. Und ganz bestimmt nicht mit „Hallo“.

Was sagen Sie zur Auswahl der Schauspieler? Ist zum Beispiel György Cserhalmi für die Rolle des Schmiedgehilfen Joza nicht zu gutaussehend?

Na ja, schon ein bißchen. Ich wollte Joza absichtlich sehr häßlich haben, und so habe ich ihn auch beschrieben. Aber das ist ihre Sache, und ein Schauspieler ist dazu da, einen Charakter zu spielen, der völlig anders ist oder aussieht als er selbst. Ich wollte ihnen da so wenig wie möglich reinreden. Wenn ich mehr hineingeredet hätte, wäre ich auch für den Film verantwortlich gewesen, und vor so etwas fürchte ich mich.

Jozova Hanule endet mit einer Tragödie: Die sowjetischen Soldaten vergewaltigen einige Frauen, die Männer stellen sich ihnen entgegen, und es entbrennt ein kleiner Krieg, in dessen Verlauf das Dorf zerstört wird. Ist auch das von einer wahren Begebenheit inspiriert?

Ich persönlich habe die Befreiung auf nahezu idyllische Weise erlebt. Doch mein Bruder kehrte zu Fuß von der totalen Besetzung des Ruhrgebiets zurück, und als er sah, wie ruhig ich blieb, war er nach den Erfahrungen seiner langen Reise völlig entsetzt und wollte, daß wir uns sofort versteckten. Das, was ich in Jozova Hanule schildere, ist noch recht zahm gegenüber dem, was manche Familien tatsächlich erlebt haben. Aber zum Beispiel die Geschichte von dem Soldaten und dem alten Weib ist ganz authentisch: Genau so drang ein junger Russe mit Maschinengewehr und Vergewaltigungsabsichten nicht in eine mährische, aber in eine Prager Wohnung ein, und als er die alte Frau erblickte, die ihn an die eigene Mutter erinnerte, fing er an zu weinen. Es ist schwer, diese Männer zu verurteilen, denn sie waren durch die Minenfelder am Dukla-Paß gegangen und hatten überhaupt schreckliche Dinge durchgemacht, die sie zeichnen mußten. Die Dörfler begrüßten sie als Freunde und betranken sich mit ihnen, aber sobald sich einer an ihrer Frau oder Tochter vergriff, hatten sie schnell eine Flinte oder ein Schnappmesser zur Hand.

Obwohl Sie selbst während des Sozialismus in dieser Gegend gelebt haben, lassen Sie Ihre Geschichten zu Zeiten vor dem Februar 1948 spielen. Warum?

Von den kommunistischen Zeiten habe ich fast nichts bewahrt. Ich habe zwar ein paar Aufzeichnungen, aber das sind eher satirische Münchhausiaden, vom damaligen Geschehen habe ich eher die komischen Seiten notiert. Und da gab es eine ganze Menge! Und dabei völlig wahrhaftig! Die Satire war mir schon in meiner Jugend lebenswichtig, da habe ich Machar gelesen, Dyk, Havlíèek. Ich gehörte zu der Generation, die den Begriff der „recese“ [der studentischen Farce, des Nonsens] geprägt hat. Wenn mir das noch gelänge niederzuschreiben …

Alle Bücher von Kveta Legátová

2 Titel
Ansicht
Kveta Legátová

Die Leute von Želary

»Große Literatur aus einer kleinen Welt.« Der Spiegel

Erhältlich als: Taschenbuch
Taschenbuch
x 9,95 €

Kveta Legátová

Der Mann aus Želary

Novelle

»Dieses Buch ist ein Juwel!« (Rheinfall-Woche) - »Eine wunderschöne Liebesgeschichte im Rahmen einer grausamen Zeitgeschichte.« (Mathilde)

Erhältlich als: Taschenbuch
Taschenbuch
x 8,95 €

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