Portrait des Autors Laura Brodie

Laura Brodie

Laura Brodie studierte Englisch in Harvard und lebt mit ihrem Mann und ihren drei Töchtern in Lexington, Virginia. Sie ist Professorin für Englisch an der Washington and Lee University.

Interview

Die Bestsellerautorin von ›Ich weiß, Du bist hier‹

Laura Brodie: ›Stimmen in der Nacht‹

Nach dem großen Erfolg ihres Debütromans ›Ich weiß, Du bist hier‹, erscheint mit ›Stimmen in der Nacht‹ jetzt der zweite Roman von Bestsellerautorin Laura Brodie.
Den Leser erwartet wieder ein spannender, psychologischer Roman mit unerwarteten Wendungen. Im Interview spricht Laura Brodie über Erfolgsdruck, autobiografische Elemente in ihren Romanen und wie sie sich beim Schreiben manchmal selbst überrascht.


1) Ihr Debütroman, ›Ich weiß, du bist hier‹, war ein enormer Erfolg. Wie war es, nach einem so erfolgreichen Debüt den zweiten Roman ›Stimmen in der Nacht‹ zu schreiben?

Ich habe fünf Jahre »Teilzeit-Schreiben« gebraucht, um ›Ich weiß, du bist hier‹ fertigzustellen. Aufgrund seines großen Erfolges fragte man mich, ob ich einen weiteren Roman innerhalb von zwei Jahren vollenden könnte. Ich bin eine eher langsame, methodische Autorin und war ein wenig besorgt, ob es mir gelingen würde, den Roman in so kurzer Zeit zu entwickeln und lebendig auszugestalten. Aber ich hatte bereits eine Geschichte geschrieben, die jetzt den Prolog zu ›Stimmen in der Nacht‹ bildet, und als ich über die Figuren in dieser Geschichte nachdachte und darüber, was in ihrem Leben neun Jahre später passieren könnte, hat sich der Roman ganz von selbst entfaltet.

2) Können Sie in ein paar Worten beschreiben, worum es in ›Stimmen in der Nacht‹ geht?

›Stimmen in der Nacht‹ untersucht die Auswirkungen einer gewalttätigen Konfrontation zwischen einer Professorin und einigen Studenten. Ich lebe eine Stunde von der Virgina Tech entfernt, dem U.S.-amerikanischen College, in dem vor einigen Jahren ein junger Mann ein Massaker verübte und dabei über dreißig Kommilitonen und mehrere Professoren tötete. Die Idee zu ›Stimmen in der Nacht‹ hatte ich nach einem Seminar an meiner Universität, bei dem die Dozenten gebeten wurden, ihre Studenten auf Zeichen von psychischer Krankheit oder Depression hin zu beobachten, die womöglich zu Gewalt führen könnten. Ich nahm dies als Ausgangspunkt und habe die Geschichte dann in unerwartete Richtungen gelenkt.

3) Ihre Bücher enthalten Elemente verschiedener Genres. Wie würden Sie selbst Ihre Bücher einordnen?

Meine ersten beiden Romane waren psychologische Dramen, in denen es darum geht, wie Menschen auf schockierende Ereignisse reagieren. In ›Ich weiß, du bist hier‹ glaubt eine junge Witwe, dass sie vom Geist ihres Ehemanns verfolgt wird. Dieser Roman beginnt mit dem Schock, der der Witwe widerfährt, als sie ihren Mann in einem Supermarkt sieht, und folgt dann ihren Gedanken und Handlungen durch die Auseinandersetzung mit Trauer und Liebe und beim Wiedererwachen ihrer eigenen Seele. ›Stimmen in der Nacht‹ beginnt damit, wie ein fünfjähriges Mädchen Zeuge eines traumatischen Ereignisses wird, und springt dann in ihre Jahre als Teenager, um zu sehen, wie dieses Ereignis ihre Persönlichkeit und ihre ganze Lebenssituation beeinflusst hat. In meinen Büchern gibt es spannende und geheimnisvolle Passagen, aber sie sind keine Thriller oder Kriminalromane.

4) Wie eine der Hauptfiguren sind auch Sie selbst Professorin für Englisch – haben Sie noch andere autobiografische Elemente in den Roman eingebaut?

Einige meiner Figuren sind Professorinnen für Englisch, weil dass das Berufsfeld ist, das ich am besten kenne. In ›Stimmen in der Nacht‹ gibt es bei ungefähr einem Drittel von Emma Greens Verhalten Anklänge an mein eigenes Leben, aber der Rest kommt von den Beobachtungen, die ich bei Kolleginnen und anderen Frauen gemacht habe, und von reinem Gedankenspiel. Holford College basiert grob auf dem College, an dem ich unterrichte – der Washington and Lee University –, und die Stadt Jackson in Virginia, in der meine beiden Romane spielen, basiert auf Lexington in Virginia, wo ich lebe. Und Emmas Garten, mit dem Bach, der Wiese und den Bergen in der Ferne, ist eine genaue Beschreibung meines Gartens. Die Leser können ein Bild dieses Stückchen Lands, aufgenommen von meiner Veranda, auf meiner Webseite unter www.laurabrodieauthor.com sehen.

5) Wie bei ›Ich weiß, du bist hier‹ wird der Leser auch bei ›Stimmen in der Nacht‹ durch unvorhersehbare Wendungen überrascht. Macht das für Sie den besonderen Reiz des Schreibens aus?

Ich halte manchmal bestimmte Informationen zurück, da es dabei hilft, die Spannung des Lesers aufrechtzuerhalten. Aber ich möchte nicht als eine Autorin bekannt werden, die immer mit Überraschungen arbeitet. Irgendwann würde es jeder erwarten und damit wäre gewissermaßen nichts mehr überraschend. Momentan arbeite ich an einem Roman, der Spannung und Konflikte hat, aber ich beabsichtige keine großen Überraschungen.

6) Gibt es Momente, in denen Sie sich selbst beim Schreiben überraschen?

Das Schreiben macht am meisten Spaß, wenn die Figuren etwas Unerwartetes sagen oder tun. Ich setze mich oft hin, um eine bestimmte Szene zu schreiben, ohne zu wissen, wie die Szene enden wird. Es ist großartig, wenn sich die Möglichkeiten spontan entfalten und man mit was auch immer unter diesen Umständen passieren mag, spielt. Es ist wie eine Jazz-Improvisation, wie ein Schauspieler, der auf der Bühne improvisiert – mit dem Unterschied, dass ich meine Arbeit wegwerfen und noch einmal von vorn beginnen kann und niemand meine schwächsten Ergebnisse jemals zu Gesicht bekommt.

7) Als Professorin für Englisch, was war Ihre Motivation, selbst ein Buch zu schreiben?

Ich schreibe immer irgendetwas – Erinnerungen, Belletristik, Sachbücher. Ich habe auch wissenschaftliche Artikel und Gedichte geschrieben. Für ›Ich weiß, du bist hier‹ habe ich einiges von der Recherche zu meiner Dissertation verwendet, und anstelle daraus einen Artikel zu machen, habe ich es in einen Roman verwandelt – einfach zum Spaß. Ich habe mich einer Gruppe von Schriftstellern angeschlossen, die sich zweimal im Monat in einer Bar getroffen haben, um über ihre Arbeiten und die der anderen zu diskutieren, und das hat mich inspiriert weiterzumachen.

8) Was ist für Sie das Schwierigste am Bücherschreiben?

Die Zeit zu finden, ist eine echte Herausforderung, da ich Vollzeit als Dozentin arbeite und drei Töchter im Teenageralter habe. Aber die größten Probleme hat man oft mitten im Schreibprozess, wenn einen Zweifel überkommen, ob es sich überhaupt lohnt, das Projekt fertigzustellen. Zu Beginn hat man fast immer einen Ausbruch von Enthusiasmus, die anfänglichen Ideen scheinen einem brillant. Dann schreibt man die ersten 100 Seiten und sie werden nie ganz so, wie man es sich vorgestellt hat, und auf einmal erscheint einem die ganze Voraussetzung für die Story lächerlich. Bei allen schwierigen Unternehmungen gibt es Momente, in denen man denkt, man sollte aufgeben, dass es falsch war, es überhaupt zu versuchen. Aber wenn man weitermacht und zum Schluss das Ergebnis in der Hand hält, ist man glücklich über das, was man geschaffen hat.

9) In welchen Situationen können Sie am besten schreiben?

Ich schreibe gerne in den frühen Morgenstunden, bevor der Rest der Welt um mich herumstresst und Krach macht. Mein Laptop befindet sich gewöhnlich auf meinem Nachttisch und sobald ich aufwache, setze ich mich auf und fange an zu schreiben. Nach etwa einer Stunde mache ich mir eine Tasse Tee und versuche, noch ein wenig zu schreiben. Meist wache ich mit klarem Kopf auf, der im Verlauf des Tages immer unkonzentrierter wird.

10) Welche Art von Büchern lesen Sie selbst gerne?

Dieses Jahr habe ich ein Seminar über die Belletristik-Pulitzer-Preisträger gegeben und es war ein geradezu schwelgerisches Gefühl, in das hochklassige Werk zeitgenössischer amerikanischer Schriftstellern einzutauchen, als hätte ich ein Jahrzehnt des Lesens auf einen Schlag nachgeholt. Ich mag auch moderne Lyrik sehr – Yeats, Bishop, Frost, Larkin –, es ist wunderschön, wie einen ein gutes Gedicht unmittelbar anspricht.

Das Interview führte Marianne Bohl, dtv

Alle Bücher von Laura Brodie

2 Titel
Ansicht
Laura Brodie

Ich weiß, du bist hier

Roman

»Brodies Roman ist nicht nur spannend, sondern er behandelt auch Tod, Trauer, Verlust und Hoffnung mit großer Einfühlsamkeit und sehr genauer Beobachtungsgabe für die vielen Zwischentöne.« Margarete von Schwarzkopf im NDR

Erhältlich als: Taschenbuch, E-Book
Taschenbuch
x 8,95 €

Laura Brodie

Stimmen in der Nacht

Roman

Ein dichter, intensiver Roman, aus den Stimmen der Protagonistinnen wunderbar komponiert, der ein Geflecht aus Schuld, Reue und dem Wunsch nach Sühne und Vergebung freilegt.

Erhältlich als: Taschenbuch, E-Book
Taschenbuch
x 9,95 €

merkzettel (0)

Es befinden sich keine Artikel in Ihrem Merkzettel


zum Merkzettel
warenkorb (0)

Es befinden sich keine Artikel in Ihrem Warenkorb


Gesamtbetrag:
0,00 €
inkl. MwSt. zzgl. Versand
My dtv

Jetzt registrieren