Portrait des Autors Laurence Gonzales

Laurence Gonzales

Laurence Gonzales wurde in St. Louis, Missouri, geboren und wuchs in Texas auf. Er wurde für seine journalistische Arbeit mehrfach ausgezeichnet und hat bereits eine Reihe von preisgekrönten Büchern veröffentlicht.

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Interview

Laurence Gonzales: ›Lucy‹

Laurence Gonzales erzählt in ›Lucy‹ die atemberaubende Geschichte eines jungen Mädchens, das so ganz anders ist als alle anderen Menschen. Im Interview gibt der amerikanische Autor Einblicke in seine umfangreichen Recherchen zu ›Lucy‹, die ihn tief in die Vergangenheit der Menschheit führten, und erklärt, wie der moderne Mensch wieder zur Natur zurückfinden kann.

Können Sie in wenigen Sätzen erzählen, worum es in ›Lucy‹ geht?

›Lucy‹ ist die Geschichte vom Erwachsenwerden einer Jugendlichen. Was diese Geschichte so besonders macht, ist die Tatsache, dass Lucy halb Mensch und halb Bonobo ist. Der Bonobo ist einer unserer engsten Verwandten unter den Menschenaffen. Lucy wurde im Dschungel im Kongo von ihrem Vater, dem Wissenschaftler, der sie erschuf, großgezogen. Als ihr Vater im Bürgerkrieg umkommt, nimmt die hilfsbereite Wissenschaftlerin Jenny Lowe, die keine Ahnung von Lucys Abstammung hat, sie kurzerhand mit in die USA. Sie lassen sich in einem angenehmen Vorort von Chicago nieder. Dort liest Jenny die Notizbücher, die Lucys Vater hinterließ, und findet so heraus, dass Lucy ein Hybridmensch ist. Jenny begreift, dass das unter allen Umständen ein Geheimnis bleiben muss, sonst wäre Lucy, ein sensibles junges Mädchen, in großer Gefahr. Jenny meldet Lucy an der örtlichen High School an und ab da nimmt die Geschichte ihren Lauf. Schlimme Dinge passieren …

Wie kamen Sie auf die Idee, über ein Wesen zu schreiben, das wie Lucy halb Mensch und halb Tier ist?

Ich war wandern in New Mexico und sah die Felszeichnungen, die die Pueblo-Indianer dort vor 1000 Jahren oder mehr hinterlassen haben. Ich dachte daran, wie Neandertaler und Homo Sapiens vor ungefähr 30.000 Jahren aufeinandertrafen und gemischte Nachkommen zeugten. Und ich fragte mich: Kann man Menschen und Schimpansen kreuzen? Nach und nach kam ich dann auf eine Kreuzung zwischen einem Bonobo und einem Menschen. Ich glaube, dass Bonobos friedvollere Tiere sind. Schimpansen machen mir Angst. Bonobos sind einfach liebevoller.

Das Thema, über das Sie schreiben, hat menschliche und wissenschaftliche Aspekte. Wie sind Sie bei der Recherche für das Buch vorgegangen?

Vor ›Lucy‹ betrieb ich mehrere Jahre wissenschaftlicher Recherche für meine Sachbücher ›Deep Survival‹ und ›Everyday Survival‹. Ich fing an, mich für die Entstehung der Menschheit zu interessieren. Ich wollte wissen, wie es war, vor einer Million Jahre als Mensch zu leben. Diese Forschungen halfen mir dabei, mir vorzustellen, wie es ist, Lucy zu sein und wie es in ihr aussieht. Ich besuchte das Skelett eines Australopithecus, eines frühen Menschen, das unter dem Namen »Lucy« bekannt ist, um mich inspirieren zu lassen und sie besser kennen zu lernen. Es war eine sehr bewegende Erfahrung. Ich verbrachte außerdem viel Zeit im Milwaukee Zoo und beobachtete die Bonobos dort, die weltgrößte Bonobo-Population in Gefangenschaft.

Neben anderen stellt das Buch die Frage, was es eigentlich heißt, ein Mensch zu sein. Was bedeutet es für Sie?

Das ist eine sehr tiefgründige Frage. Vor kurzem war ich auf einer Konferenz am Santa Fe Institute in New Mexico in den USA und einer der Redner dort hatte einen Turing-Test gewonnen. Dabei sitzt eine Person vor dem Computer und unterhält sich über die Tastatur mit einem weiteren Teilnehmer. Aus den Antworten schließt die Person dann, ob ihr Gesprächsteilnehmer ein Mensch ist oder ein Computer, der einen Menschen zu imitieren versucht. Es gibt Programme, die ziemlich gut darin sind, menschliche Unterhaltung zu simulieren und es manchmal schaffen, Personen in die Irre zu führen. Aber macht das eine Maschine zu einem Menschen? Ich denke nicht. Eine Maschine besteht aus leblosem Material und auch wenn dieses Material menschliches Verhalten imitieren kann, kann man das nicht Leben nennen. Darüber hinaus kann eine Maschine sich nicht fortpflanzen. Es steht jedoch außer Frage, dass Lucy aus Fleisch und Blut ist und lebt. Der Unterschied liegt nur in ihren Genen. Also behaupte ich, dass die Frage, ob Lucy menschlich ist oder nicht, nebensächlich ist. Sie ist ein lebendes Wesen und aus dem gleichen Stoff gemacht wie wir auch. Sie verfügt über Fähigkeiten, wie Sprache, außergewöhnliche Intelligenz und den gleichen Humor und Feinsinn wie jeder Mensch und muss deshalb respektiert werden, wie wir auch jemanden respektieren würden, der von einem anderen Planeten auf die Erde käme. Sie verdient unseren Respekt als Besucher von einem Ort, den wir noch nicht verstehen. Und deshalb ist die Definition von »menschlich« eine rein akademische Diskussion.

Lucy hat eine starke Verbindung zur Natur und den Tieren um sie herum. Sie nennt es den »Großen Strom«. Fühlen Sie manchmal diesen Großen Strom?

Ich bin schon immer im Strom gewesen. Das ist keine Einbildung. Jedes Tier hat Zugang zum Großen Strom. Das Problem mit den modernen Menschen ist, dass sie ihre Wahrnehmung abgestumpft haben. Sie haben die Verbindung zum Strom verloren in dieser Welt voller Lärm und Ablenkung. Darüber hinaus denken die Leute in den modernen Städten, dass sie den Großen Strom nicht brauchen. Da liegen sie falsch. Die meisten Menschen können ihren Zugang dazu wiederfinden, indem sie einfach raus in den Wald gehen und für eine Weile still dort sitzen. Aber auch in der Stadt kann man in den Strom eintauchen. Hör, was die Vögel sagen. Vögel sind das Alarmsystem des Waldes. Und wir leben in einem Wald, auch wenn wir die meisten Bäume abgeholzt haben. Sei still. Lausche. Achte auf den Ausdruck auf den Gesichtern der Menschen um dich herum. Und du bist im Großen Strom.

Gibt es eine bestimmte Botschaft, die Sie mit diesem Roman übermitteln wollen?

Wenn man Lucy lieben kann, wie kann man dann jemanden hassen, dessen Hautfarbe eine andere ist als die eigene? Oder der an einen anderen Gott glaubt? Wenn jemand anders ist, andere Gedanken und Gewohnheiten, andere Bräuche hat, ist das kein Grund für Hass. Wenn wir Lucy akzeptieren können, können wir alle Leute, die uns begegnen, akzeptieren. Intoleranz tötet. Lucy trägt eine Friedensbotschaft in sich. Liebe deine Nachbarn. Liebe deinen Feind.

Lucy muss erst lernen, sich wie ein normaler amerikanischer Teenager zu verhalten und wird von ihrer besten Freundin Amanda darin unterrichtet. War es schwierig für Sie als erwachsener Mann, diese Passagen zu schreiben?

Ich habe zwei Töchter großgezogen, da kam das wie von selbst. Ich habe mich allerdings ziemlich oft mit meinen Töchtern und ihren Freundinnen beraten, während ich an ›Lucy‹ schrieb.

Das Interview führte Marianne Bohl, dtv

Bücher des Autors

1 Titel
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Laurence Gonzales

Lucy

»Ein wunderbares Buch, eine Geschichte über Evolution, moralischen Zwiespalt, Bioethik, Toleranz, die menschliche Natur – und Liebe.« Chicago Sun-Times

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