Portrait des Autors Liz Jensen

Liz Jensen

Liz Jensen studierte Englisch am Somerville College in Oxford, arbeitete als Journalistin in Hongkong und Taiwan, danach als Produzentin für die BBC sowie als Journalistin und Bildhauerin in Frankreich. Heute lebt sie in London und Kopenhagen. Sie war mehrmals für den Orange Prize und den Guardian First Book Award nominiert.

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Buchtrailer: Endzeit

Interview

Liz Jensen: ›Endzeit‹

1) ›Endzeit‹ ist aus der Perspektive von Gabrielle Fox geschrieben, einer querschnittsgelähmten Psychotherapeutin. Wie sah Ihre Recherche aus, um aus dieser Perspektive schreiben zu können?

Ich war immer stolz auf meine gute Vorstellungskraft. Aber mit diesem Buch bin ich an meine Grenzen gestoßen. Die einzige Person, die sich wirklich vorstellen kann, wie es ist, plötzlich gelähmt zu sein, ist eine Person, die plötzlich gelähmt ist. Nachdem ich beschlossen hatte, dass Gabrielle querschnittsgelähmt sein soll, habe ich mich daran gemacht, jemanden zu finden, von dem ich lernen könnte. Anne Luttman-Johnson und ich hatten sofort einen guten Draht zueinander. Wir haben uns mehrere Male getroffen: Ich habe sie mit Fragen bombardiert und sie hat mir sehr großzügig ganz offene Antworten gegeben, sowohl was die praktischen als auch was die emotionalen Aspekte eines Lebens mit dem Rollstuhl betrifft. Anne hat den Lauf der Geschichte verändert, indem sie vorgeschlagen hat, Gabrielle ein Liebesleben zu geben: Dafür und für die Tatsache, dass sie mich bei dem ganzen Projekt so ermutigt hat, bin ich ihr sehr dankbar.

2) Welche Beziehung haben Sie zu den Figuren in ›Endzeit‹ – speziell zu Bethany?

Die Figuren, die Autoren erfinden, basieren oftmals auf ihrer eigenen Person oder Menschen, die sie persönlich kennen, kurz kennengelernt haben oder von denen sie gehört oder gelesen haben. Im Bezug auf Gabrielle ist das sicherlich zutreffend: Sie ist eine Mischung aus mehreren Personen, einschließlich meiner selbst. Aber so jemanden wie Bethany kenne ich eigentlich nicht. Vielleicht ist das der Grund, warum es mir so viel Spaß gemacht hat, ihren Charakter so zu schreiben. Ich habe ihr einfach freien Lauf gelassen. Die meisten Charaktere wandeln sich im Verlauf der Geschichte, da die sich entwickelnden Ereignisse einen Einfluss auf sie haben. Bethany ist da eine Ausnahme: Sie bleibt beständig und trotzig sie selbst. Es hat großen Spaß gemacht, einen monströsen Charakter zu schaffen, bei dem man sich einer gewissen Sympathie nicht erwehren kann.

3) In ›Endzeit‹ beschreiben Sie Katastrophen wie Hurrikans und die Gefahr von defekten Ölplattformen. Wie haben Sie sich gefühlt, als solche Szenarien, wie bspw. im Golf von Mexiko, wirklich eingetroffen sind?

Mir war ziemlich schlecht. Die Versuche von BP, das Ausmaß der Katastrophe im Golf von Mexiko besonders in der ersten Zeit nach der Explosion zu verschleiern, haben meine schlimmsten Befürchtungen, wie zynisch internationale Energiekonzerne im Falle eines Unfalls zu handeln bereit sind, bestätigt. Selbstverständlich habe ich frappierende Parallelen zwischen der Katastrophe vom Golf in Mexiko und dem Desaster, das sich in ›Endzeit‹ abspielt, gesehen. Später konnte ich es kaum ertragen, die Bilder des japanischen Erdbebens und des Tsunamis zu sehen. Nicht nur, dass es eine schreckliche Tragödie war und wir es, praktisch während es geschah, auf unseren Bildschirmen mitverfolgen konnten – es war dem, was ich geschrieben hatte, einfach zu ähnlich.

4) ›In Endzeit‹ spielt auch christlicher Fanatismus eine Rolle. Sehen Sie Religion als eine von Menschen gemachte Gefahr für unsere Gesellschaft?

Ich habe Freunde, die sehr religiös sind, und obwohl ich ihre Gefühle nicht teile, beneide ich sie um ihre Überzeugung. Der Glaube kann eine Quelle tiefen Trosts sein, und manche Propheten haben große Weisheiten hervorgebracht. Aber religiöser Dogmatismus, gemeinsam mit der weitverbreiteten Heuchelei und Korruption derer, die ihn praktizieren, hat großes Elend für viele Menschen bedeutet: Wir sollten nicht so tun, als sei das nicht so. Ich persönlich glaube, man muss nicht religiös sein, um sich anständig zu verhalten.

5) Haben Sie ›Endzeit‹ geschrieben, um die Menschen auf die Gefahren, die wir selbst verursachen, aufmerksam zu machen?

Man braucht keine Romane wie meine, um darauf aufmerksam gemacht zu werden, welche Bedrohung wir für unsere Umwelt und unseren Planeten darstellen. Wir werden jeden Tag in den Nachrichten darauf aufmerksam gemacht. Ich denke, dass hier die Wissenschaft und ein investigativer Journalismus mehr bewirken als die Fiktion. Ich wollte einfach ein Buch mit einem Umweltthema schreiben, da mich das Klima ebenso fasziniert wie beunruhigt. Ich hatte nicht das Ziel, einen »politischen« Roman zu schreiben. Aber wenn er die Leser dazu anregt, Fragen zu stellen, freue ich mich.

6) Wird es eine Fortsetzung von ›Endzeit‹ geben und wenn ja, können Sie uns hierzu schon etwas verraten?

Ich habe gerade ein neues Buch beendet, das zwar keine Fortsetzung darstellt, aber dasselbe imaginäre Territorium betritt und teils ähnliche Themen, aber von einer ganz anderen Perspektive aus, erkundet. Es ist eine Geistergeschichte.

7) Wie sieht Ihr persönlicher schlimmster Albtraum aus?

Ein wirklicher Albtraum ist das, was gerade mit unserem Klima passiert, und wie die Regierungen die Augen davor verschließen, weil für sie die Wirtschaft an erster Stelle steht.

8) Sie haben unter anderem eine ganze Weile als Journalistin in Hongkong und Taiwan gearbeitet und später als Bildhauerin in Frankreich, bevor Sie begannen, Romane zu schreiben. Eine ziemlich ungewöhnliche Karriere – wie haben Sie Ihren Weg gefunden?

Ich wollte schon immer Schriftstellerin werden, aber irgendwie musste ich im Zick-Zack-Kurs dorthin gelangen. Journalismus hat mich berufliche Disziplin gelehrt, und das Künstlerdasein hat mich das Alleinsein gelehrt. Erst dann war ich bereit zu schreiben.

9) Inwiefern hat das journalistische Schreiben Sie beim Romanschreiben beeinflusst?

Die meiste Zeit meiner Karriere bei der BBC habe ich als Radioproduzentin verbracht. Das war enorm hilfreich, als es darum ging, zu strukturieren, zu redigieren und Dialoge zu schreiben.

10) Inwiefern haben Ihr Leben und Sie selbst sich verändert, seit Sie Schriftstellerin sind?

Seit dem Tag vor 18 Jahren, an dem mein erster Roman zur Veröffentlichung angenommen wurde, bin ich – über Nacht – ein sehr viel glücklicherer und zufriedenerer Mensch geworden. Die Veröffentlichung bedeutet für mich Anerkennung in dem, was ich am besten kann und was mir mehr Freude – und zuweilen auch Frustration – bringt als alles andere.

11) Sie sagten einmal: »Als Schriftsteller ist man kein normaler Mensch, aber man möchte sich manchmal wie einer fühlen.« Was meinen Sie damit?

Habe ich das wirklich gesagt? Wahrscheinlich meinte ich damit, dass Schriftsteller eine Art Doppelleben führen: das alltägliche Leben und das Leben des Buches, an dem sie gerade arbeiten. Dann und wann wird die imaginäre Welt wichtiger und eindringlicher als die reale. Das ist Teil des Prozesses. Man sagt ja, es sei schwierig, mit einem Schriftsteller zusammenzuleben. Ich kann das durchaus nachvollziehen, denn wir können sehr von Charakteren in Anspruch genommen sein, die eigentlich gar nicht existieren, was ein bisschen eigenartig und auch unfair erscheinen mag. Mario Vargas Llosa hat einmal das Innenleben eines Schriftstellers mit einem Parasiten verglichen: Alles was ein Schriftsteller tut, so meint er, ist von einer ewig fordernden Kreatur in ihm bestimmt. Das ist eine hässliche, aber treffende Metapher. Aber eigentlich fühle ich mich die meiste Zeit wie ein ganz normaler Mensch, auch deshalb, weil ich über die Jahre besser darin geworden bin, den Schalter umzulegen, wenn ich mit dem Arbeiten aufhöre, und das wirkliche Leben zu genießen. Aber es hilft auch, dass ich selbst mit einem Schriftsteller verheiratet bin. Wir respektieren beide die Parasiten des anderen!

Das Interview führte Marianne Bohl, dtv

Bücher des Autors

3 Titel
Ansicht
Liz Jensen

Das neunte Leben des Louis Drax

»Es heißt, Katzen haben neun Leben, weil sich ihre Seelen an den Körper klammern und nicht loslassen.«

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Die da kommen

»Ein kühner Roman, der Momente des eiskalten Horrors mit solchen voll trockenem Humor verbindet, temporeich und absolut packend.« The Daily Mail

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»Ein Endzeit-Blockbuster, der Sie bis in Ihre Albträume verfolgen wird.« The Times

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