Portrait des Autors Madlen Ottenschläger

Madlen Ottenschläger

Madlen Ottenschläger, geboren 1979, studierte an der Ludwig-Maximilians-Universität Kommunikationswissenschaft, Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Politikwissenschaft und besuchte die Deutsche Journalistenschule. Nach Praktika u.a. bei dtv, der taz, beim Stern und der Stuttgarter Zeitung arbeitete sie als freie Journalistin mit Schwerpunkt Bildung, in erster Linie und regelmäßig für die ZEIT. Sie war Redakteurin des jährlichen ZEIT-Studienführers und ist heute Redakteurin im Dossier der Brigitte.

Interview

»An einer Universität muss jeder seinen Platz neu finden, sich selbst neu (er)finden. Das ist nicht immer einfach, aber schön, denn endlich darf man der sein, der man wirklich ist und sich mit dem beschäftigen, was einem wirklich liegt.«

Madlen Ottenschläger, 1979 geboren, studierte Kommunikationswissenschaft, Neuere deutsche Literaturwissenschaft und Politikwissenschaft und besuchte die Deutsche Journalistenschule. Nach ihrem Studienabschluss hat sie das Buch geschrieben, das sie während ihres Studiums immer vermisst hat: ›Das Uni-Einmaleins. Studieren – alles, was man wissen muss‹, einen Wegweiser durch den Uni-Dschungel. Susanne Krones sprach mit ihr über das, was Abiturienten auf dem Weg vom Abitur zum Hochschulabschluss erwartet: die Qual der Wahl, die großen Zweifel und die beste Zeit des Lebens …

Abiturienten haben die Qual der Wahl: Ausbildung oder Studium, Uni oder FH, erst einmal Weltenbummeln oder gleich Durchstarten. Eigentlich perfekt: endlich den eigenen Interessen nachgehen zu können. Warum fällt es trotzdem so schwer, die erste Entscheidung des Lebens zu treffen?
Wir kennen das doch alle: Am Samstagabend überlegen wir ewig, ob wir mehr Lust auf Kino oder auf Theater haben, ob wir den schwarzen oder den roten Pulli anziehen sollen. Schon alltägliche Entscheidungen fallen uns schwer – kein Wunder also, dass uns die wirklich wichtigen auch mal schlaflose Nächte kosten. Und die Frage, wie es nach dem Abitur weitergehen soll, ist so eine wichtige Entscheidung, denn sie wird unser Leben bestimmen. Natürlich kann man Entscheidungen revidieren, nach der Ausbildung noch ein Studium draufsatteln oder das Studienfach wechseln. Erst einmal aber gibt unsere Entscheidung eine bestimmte Richtung vor – eine Richtung, für die wir allein und niemand sonst verantwortlich sind. Das macht natürlich Angst. Was, wenn man ein Studienfach aussucht, das einem keinen Spaß macht – oder noch schlimmer: dem man nicht gewachsen ist? Schülerinnen und Schülern fehlt es schlicht an Erfahrung. Wie sollen sie wissen, ob ihnen ein Studium Freude macht, wenn sie keine Ahnung haben, was sie an einer Universität erwartet? Wie sollen sie wissen, ob sie später lieber als Anwalt oder als Polizist arbeiten möchten, wenn sie diese Berufe doch nur aus dem Fernsehen, aus Büchern oder aus Gesprächen kennen? Deshalb ist es wichtig, dass sie sich gut informieren, genau recherchieren, was sie beispielsweise an einer Universität erwartet – um dann daraus den Mut zu schöpfen, das zu machen, was ihren ganz eigenen Stärken und Fähigkeiten entspricht.

Die Suche nach dem passenden Studienfach gleicht einem Detektivspiel in eigener Sache: Hunderte von Studiengängen und –fächern stehen zur Auswahl. Wie geht man das am besten an: herausfinden, was das Richtige für einen sein könnte?
Im Buch beschreibe ich diesen Schritt an einem Beispiel: Ich begleite die Hauptfigur Nina von der Schule ins Studium. Nina weiß, dass sie gern studieren möchte – nur das Was bereitet ihr Probleme. Da geht es ihr wie den meisten Abiturienten: Viele haben zwar eine vage Idee, in welche Studienrichtung die Reise gehen könnte, wissen also, dass sie »etwas mit Tourismus« oder »etwas mit Medien« studieren wollen, was genau das aber sein könnte, wissen sie nicht. Nina erforscht im Buch erst einmal ihre Stärken und Schwächen, versucht also anhand ihrer ganz eigenen Fähigkeiten und Interessen herauszufinden, was zu ihr passen könnte.

Und wenn man dabei an Grenzen stößt?
Dann wird es Zeit für weitere Ermittler, die Studienberater der Arbeitsagenturen und der Hochschulen etwa, und für eine tief gehende Recherche. Da ist das Internet eine wahre Goldgrube: Es gibt richtig gute Portale, die bei der Fahndung nach dem passenden Studienfach helfen, wer beispielsweise »etwas mit Tourismus« studieren will, gibt im Kursnet der Arbeitsagentur (www.kursnet.arbeitsagentur.de) den Suchbegriff »Tourismus« ein und erhält eine Liste mit möglichen Studienfächern. Schüler werden also mit der Was-will-ich-Frage nicht allein gelassen, es gibt viele unterschiedliche und sehr gute Hilfen. Das eigene Nachdenken, das An-sich-Arbeiten und Sich-auch-einen-Studiengang-Erarbeiten, daran aber kommt keiner vorbei.

Viele machen die Erfahrung, dass nach dem Abitur die Karten noch einmal neu gemischt werden. Nicht jeder, der sich in der Schule leicht getan hat, meistert auch die Uni spielend, und umgekehrt starten andere erst nach dem Abitur richtig durch. Was unterscheidet die Universität so grundsätzlich von der Schule?
Zunächst und ganz grundsätzlich: die Freiwilligkeit. In einer Schule herrscht Anwesenheitspflicht, im Seminar an der Uni interessiert niemanden, ob man an seinem Platz sitzt. An der Universität sind also Eigeninitiative und Selbstmotivation gefragt, es gibt keine Lehrer mehr, die jeden Termin und jedes Fitzelchen Stoff für die nächste Klausur an die Tafel schreiben oder ins Heft diktieren. Das ist anstrengend, daran muss man sich gewöhnen und ohne Durchbeißen geht es nicht, denn jeder Student wird auf Hürden stoßen, die er überwinden muss – Hürden, die sich je nach Person stark unterscheiden. Für die Physikstudentin Ines etwa, die im ›Uni-Einmaleins‹ von ihrem ersten Semester erzählt, ist der Wechsel von der Schule zur Uni hart, der Arbeitsaufwand ist sehr viel höher und der Stoff viel schwerer als sie erwartet hat. Katrin, eine Nordistik-Studentin, hat ihren Stundenplan zu voll gepackt – ihr bleibt keine Zeit mehr für die wichtige Vor- und Nachbereitung. Und der Soziologie-Student Marian hat Probleme sich zu disziplinieren. An einer Universität muss jeder seinen Platz neu finden, sich vielleicht auch selbst neu (er)finden. Das ist nicht immer einfach, es ist aber auch schön, denn endlich darf man der sein, der man wirklich ist oder sein will und sich mit dem beschäftigen, was einem wirklich liegt.

Das klingt nach einer großen Herausforderung. Wie können Lehrerinnen und Lehrer ihren Schülern diesen Übergang erleichtern?
Indem sie auf die Fragen ihrer Schüler eingehen, sich mit ihren Hoffnungen und Ängsten beschäftigen. Das geht aber nur, wenn sie die Wirklichkeit kennen, also wissen, wie das Studium an einer Universität heute funktioniert. In den vergangenen Jahren hat sich ja ganz schön viel getan und ein Ende der Neuerungen ist nicht in Sicht: die Abschlüsse werden derzeit auf Bachelor und Master umgestellt, an vielen Hochschulen müssen Studiengebühren bezahlt werden, immer mehr Fachbereiche veranstalten Aufnahmetests. Die meisten Schüler fühlen sich davon überfordert, das habe ich in Gesprächen immer wieder erfahren, – sie hoffen auf Lehrerinnen und Lehrer, die beim Schritt von der Schule zur Universität helfen. Für ›Das Uni-Einmaleins‹ habe ich Links und Informationsmöglichkeiten recherchiert und in einer Empfehlungsliste gesammelt, die Lehrer ihren Schülern zur Recherche an die Hand geben könnten. Ich würde mich freuen, wenn sie darüber mit ihren Schülerinnen und Schülern in ein Gespräch über die individuellen Zukunftspläne kämen – ich glaube das würde vielen helfen, sich selbst die richtigen Fragen zu stellen.

Die Zahl der Studienabbrecher ist in einigen Disziplinen erschreckend hoch. Aus der akademischen Freiheit entsteht Verantwortung für den eigenen Studienweg und -erfolg. Wie gehen Studenten damit am besten um?
Da fällt mir ein Beispiel aus dem ›Uni-Einmaleins‹ ein, die Geschichte von Maike Sippel. Maike wollte schon immer Architektin werden. Aber nicht, weil sie so gern gezeichnet hat. Maike interessierte etwas anderes an diesem Studienfach: Sie wollte lernen, wie man die Lebensumwelt des Menschen positiv gestalten kann, wie man intelligente Häuser und Stadtteile baut, die energiesparend sind und eine hohe Lebensqualität bieten. Die Realität des Architekturstudiums war jedoch eine andere. Bei der Königsdisziplin der Architekten, dem Entwerfen, wurde fast nur auf gestalterische Aspekte Wert gelegt, ökologische und soziale Aspekte wurden kaum honoriert. Der nahe liegende Schluss wäre gewesen, das Studium abzubrechen. Gleichzeitig hatte Maike in vielen Kursen Spaß. Was also tun? Maike hat gemerkt, dass es an einem selbst liegt, seinem Studium einen Sinn zu geben. Sie hat sich dem Arbeitskreis »Ökobau« angeschlossen. Dort traf sie Studenten, die sich wie sie mit nachhaltiger Entwicklung beschäftigt haben – einem Thema, dem sie auch nach der Universität treu geblieben ist: Sie arbeitet heute für die Stiftung Weltvertrag. Ich finde das Beispiel macht Mut, denn es zeigt: Auch wenn mir manche Aspekte meines Studiums nicht so sehr liegen, kann ich doch mit Spaß und vor allem auch mit Erfolg studieren – wenn ich eine Nische gefunden habe, die zu mir passt, und mein Fach bewusst gestalte.
Natürlich gibt es auch andere, die sich vielleicht tatsächlich verwählt haben oder mit den Anforderungen ihres Faches nicht zurechtkommen. Ihnen bleibt meist nur der Studienabbruch – der aber noch lange kein Weltuntergang ist. Zumindest dann, wenn man sich gründlich überlegt, warum ein bestimmtes Fach nicht passt und was die Alternativen sein könnten. Die fiktive Hauptfigur Nina etwa studiert Germanistik und Geschichte, mit Germanistik kommt sie wunderbar klar, Geschichte aber ist für sie eine einzige Qual. Sie gibt deshalb Geschichte auf und fängt mit Betriebswirtschaftslehre an, einem Fach, das sie auch gut für ihren späteren Traumjob gebrauchen kann, sie wünscht sich eine Anstellung in einem Verlag. Wenn es Probleme an der Uni gibt, sollte man nicht gleich aufgeben, sondern in aller Ruhe überlegen, wie der eigene Lebensweg weitergehen könnte.

Studieren an einer Universität bedeutet wissenschaftlich arbeiten: erste eigene Arbeiten schreiben und von Professoren und wissenschaftlichen Assistenten lernen, die selbst in Forschung und Lehre tätig sind. In Ihrem Buch werfen Sie einen Blick hinter die Kulissen. Haben Sie spannende Berufsfelder entdeckt oder den sprichwörtlichen Elfenbeinturm?
Zwei Dozenten schildern im ›Uni-Einmaleins‹ sehr genau einen Tag aus ihrem Leben als Wissenschaftler: Gerd Meyer ist Professor für Anorganische Chemie, Nathalie Huber Doktorandin der Kommunikationswissenschaft. Beide verbringen viel Zeit mit der Lehre, sprechen mit Studierenden, halten Seminare, korrigieren Arbeiten, nehmen Prüfungen ab. Sie sind also nah dran am Menschen, müssen sich auch mal mit persönlichen Problemen »ihrer« Studenten beschäftigen. Dazu kommt die Forschung. Und auch noch jede Menge Bürokratie: Anträge müssen gestellt, E-Mails beantwortet werden. Weltfremd ist kaum einer der heutigen Dozenten – einfach nur im Elfenbeinturm zu sitzen, das können sie sich nicht mehr leisten. Ich habe gemerkt: An einer Universität zu arbeiten, ist kein leichter Job, man muss richtig was tun, um Erfolg zu haben. Dafür winkt aber die Befriedigung, sich mit »seinem« Fach beschäftigen zu dürfen – und richtig viel Abwechslung.

Und selbst? Würden Sie wieder studieren? Und wieder genauso studieren?
Ich würde auf jeden Fall wieder studieren. Ob ich es genauso machen würde? Schwierige Frage. Ich glaube, dass jeder im Nachhinein ein paar Dinge anders machen würde. Ich war beispielsweise nie im Ausland, habe immer nur in Deutschland studiert. Und mit manchen Seminaren war ich unglücklich: Die hätte ich besser nicht beenden, sondern lieber im nächsten Semester ein anderes besuchen sollen. Wunderbar aber fand ich die Freiheit, die an einer Universität herrscht: Endlich konnte ich mich mit dem beschäftigen, was mich interessierte. Endlich war ich nicht mehr »unter Kontrolle«, wie ich das von der Schule her kannte, sondern konnte eigene Entscheidungen treffen. Ich kann mich ganz gut selbst motivieren und disziplinieren, deshalb habe ich diese Eigenständigkeit sehr genossen. Und ich habe an der Universität ganz wunderbare Menschen getroffen, es sind tiefe und gute Freundschaften entstanden, weil die Wellenlänge einfach gepasst hat – kein Wunder, schließlich interessierten wir uns für dasselbe Fachgebiet. Schön fand ich auch, dass ich mich wirklich tief in Themen eingraben konnte – da beschäftigt man sich ein Semester lang nur mit Erich Kästner oder dem Politischen System der USA. Diese umfassende Auseinandersetzung mit Themenbereichen, die fehlt mir heute manchmal.

Ihre beste Entscheidung während des Studiums?
Bezogen auf die Zeit nach dem Studium: Meine Entscheidung, während des Studiums ein Urlaubssemester einzulegen, in dem ich verschiedene Praktika gemacht habe. Ich habe so ganz unterschiedliche Jobs kennen gelernt – vor allem aber habe ich Kontakte geknüpft, die mir nach Abschluss der Universität den Start ins Berufsleben erleichtert haben.
Bezogen auf die Zeit des Studiums: Meine Entscheidung für mein Diplomarbeitsthema und die Wahl meines Betreuers. Die Zeit der Abschlussarbeit ist hart, vielen Studenten kommen da an ihre Grenzen, immer mal wieder dachte auch ich: ich schaff das nicht. Da war es gut einen Professor zu haben, der mich sehr gut betreute und ein Thema zu bearbeiten, für das ich mich wirklich interessierte.
Und bezogen auf die Zeit des Studiums ganz allgemein: Dass ich nicht alles so ernst genommen habe und auch noch Zeit für Dinge außerhalb der Universität hatte.

© Interview: Susanne Krones / dtv

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