Portrait des Autors Mirijam Günter

Mirijam Günter

Mirijam Günter ist in Köln aufgewachsen. Bis zu ihrem 16. Lebensjahr hat sie bereits in sieben verschiedenen Heimen gelebt und etliche Schulen besucht. Nach turbulenten Jahren mit mehreren abgebrochenen Ausbildungen fand sie zum Schreiben und beschloss, ihre Leidenschaft zum Beruf zu machen. Ihr Debütroman ›Heim‹ wurde mit dem Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis 2003 ausgezeichnet und rief ein breites Medienecho hervor. Der Roman ist nicht autobiographisch, aber die Autorin ist mit der Materie bestens vertraut. Ihr zweiter Roman heißt ›Ameisensiedlung‹ und ist ebenfalls bei dtv junior erschienen. Mirijam Günter lebt heute in Köln-Ehrenfeld. Sie bietet zudem Literaturwerkstätten an, u.a. in JVAs und Schulen.

Preise und Auszeichnungen

Oldenburger Kinder- und Jugendbuchpreis
2003

Interview

SCHONUNGSLOS

Über Mirijam Günter und ihren ersten Roman ›HEIM

Egal, was los war in ihrem Leben, geschrieben hat Mirijam Günter immer. Gedichte - furchtbare Gedichte, sagt sie heute und lacht, na ja, ein paar schöne waren auch dabei, und Kurzgeschichten. Über das, was passiert ist, in der Welt und bei ihr. Und als nichts klappte, die Lehre zum Automechaniker nicht, die zum Maler und Lackierer nicht, die zum Koch erst recht nicht - »Ich kann nicht mal `nen Kaffee kochen!« - und ein guter Freund sie fragte, was sie denn wirklich machen wolle, war ihre Antwort klar: Schreiben. Also hat sie angefangen, mit ihrem ersten Buch. Die ersten fünf Seiten von Hand, einfach drauflos, dann am PC, in einem durch: »Ich hatte die Geschichte im Kopf und musste sie nur noch runterschreiben.« Rausgekommen ist ein Roman wie ein Dokument. Schonungslos. Spannend. Ehrlich. Authentisch. Schließlich weiß Mirijam Günter, die selbst in Heimen groß geworden ist, wovon sie schreibt.

Zwei Jahre hat sie nach einem Verlag gesucht, ist nach Erfurt gefahren, hat dort einen Ratgeber gekauft: Wie werde ich Autor? Und als sie selbst fast nicht mehr daran geglaubt hat, klingelt es an der Tür ihrer Wohnung in Köln, Blumen für Mirijam Günter und ein Glückwunschbrief: Für ihr Manuskript ›HEIM‹ bekommt sie 2003 den Oldenburger Literaturpreis verliehen. Das war für sie wie eine bestandene Gesellenprüfung: »Jetzt bin ich Autorin.« Im November erscheint ›HEIM‹ bei dtv extra, an einem zweiten Jugendroman arbeitet Mirijam Günter gerade, und ab Herbst kann sie das Schreiben sogar noch studieren: am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, mit Diplom. Der Meister also. dtv junior hat die junge Autorin in München getroffen.


Gibt es eine Figur in deinem Roman, von der du sagst: Das bin ich?
In allen Personen ist ein wenig von mir drin - logisch, oder, wenn ich diese Personen erfunden habe!

Ist ›HEIM‹ insgesamt erfunden?
Ja, aber es kann in der Realität so sein. Die Welt, die ich beschreibe, ist eine Welt, die in dieser Welt stattfindet - auch wenn viele das nicht mitbekommen oder mitbekommen wollen. Es ist ein Leben, das Leute führen, nur, dass es nicht so offensichtlich ist. Aber was heißt es denn, seine Kindheit und Jugend im Heim zu verbringen? Die meisten denken dabei an was ganz Armseliges ...

Was du beschreibst, ist ja nun auch nicht gerade heile Welt. Es ist eine Welt, die man sich kaum vorstellen kann, wenn man sie nicht von innen heraus kennt, und mit der man auch nicht unbedingt konfrontiert wird ...
Aber wenn ich durch die Straßen gehe und die Augen mal ein bisschen offener halte, dann sehe ich doch, dass es Straßenkinder gibt, ich sehe, dass es Notschlafstellen für Jugendliche gibt. Wo kommen die denn her? Und ich lese in der Zeitung, dass sich Jugendliche umbringen. So schlimm das ist - aber das passiert in unserer einen Welt. Hier, in dieser Gesellschaft.

Hast du auch mit anderen Heimkindern gesprochen?
Klar... schon allein dadurch, dass ich selbst im Heim war. Es sind ja nicht wenige, die so aufwachsen, das darf man nicht vergessen. Was passiert mit denen, wenn sie erwachsen sind? Mit 16, 18, spätestens mit 21, sind sie raus, haben ihr Leben in Heimen verbracht - achtet jemand auf sie? Nimmt jemand auf ihre Gefühle Rücksicht? Man schleppt ja auch was mit sich rum. Und in einer Beziehung habe ich für meinen Roman auch ziemlich viel recherchiert: Ich wollte wissen, ob es aktuell Berichte oder Bücher von Heimkindern über Heimkinder gibt. Gibt es nicht! Nur das, was Sozialarbeiter, Erzieher, Psychologen geschrieben haben. Das finde ich sehr schade.

Mit HEIM nimmst du den ganz anderen Standpunkt ein, den es in dieser Form und Intensität bisher noch nicht gegeben hat, schreibst konsequent aus der Perspektive der Mädchen und Jungen aus den Heimen ...
Ja. Um die geht es mir. Um ihre Realität. Darauf will ich aufmerksam machen - und vor allem darauf, dass der so genannte Mist, den diese Jugendlichen bauen, aus deren Sicht kein Mist ist. Für sie gehört es zum Überleben dazu! Das möchte ich mit meinem Roman rüberbringen. Dass sie Autos knacken, irgendwo einbrechen, ist für sie normal.

Normal?!
Wenn man mein Buch liest, versteht man, dass die Ansprüche ganz verschiedene sind und dass man sie auf keinen Fall miteinander verwechseln darf. Wenn ich normal aufwachse, ist es natürlich komisch, in einen Kiosk einzubrechen. Aber wenn ich anders aufwachse, dann ist es vielleicht gerade normal, dass ich das mache. Oder dass Menschen an Drogen sterben. Für einige Leute ist das die Wirklichkeit!

Und denen wolltest du eine Stimme geben?
Ja. Sonst kann man ja nichts ändern.

Möchtest du das?
Ich weiß nicht, ändern ist vielleicht zu hoch. Aber aufmerksam machen - das schon.

»Irgendwie hatte diese Welt uns nicht vorgesehen, es war kein Platz für uns«, sagt die Ich-Erzählerin einmal. Gibt es trotzdem Berührungspunkte?
Die Bonzenkinder, also die, über die die verschiedenen Welten sich begegnen, sind meine Erfindung, aber ich fände es cool, wenn es das tatsächlich geben würde. Weil beide Gruppen, die Bonzen- und die Heimkinder, sich in irgendeiner Weise ähnlich sind. Es sind beides Außenseiter. Die einen, weil sie zu viel Geld haben, die anderen, weil sie kein Geld haben.

Stichwort Außenseiter - geht es in deinem Roman auch um Einsamkeit?
Ja, insofern als es die auf keinen Fall geben darf. Das Schrecklichste, was einer Person in meinem Buch passieren kann, wäre, dass sie auf einmal wirklich alleine ist. Der Rückhalt ist die Clique.

Und was ist für dich »daheim«?
Wenn Leute mir das Gefühl geben, dass sie mich mögen.

Welche Reaktionen gab es bisher auf ›HEIM‹?
Manchmal fühlen sich Leute von mir angegriffen, die es leichter hatten, eine glücklichere Kindheit als die Protagonisten in dem Buch. Dann sage ich immer: Hallo, das ist ein Roman, das bin nicht ich. Und ich behaupte auch gar nicht, dass du ein schlechter Mensch bist, weil du ein gutes Leben hinter dir hast. Also, das passiert schon. Aber die meisten sind von dem Buch ziemlich begeistert.

Wie siehst du heute dein eigenes Leben?
Ich hatte einfach verdammtes Glück.

Mehr will Mirijam Günter dazu nicht sagen. Ihre eigene Geschichte behält sie lieber für sich. Ihre Vergangenheit gehört ihr. »Mein Schreiben hat nichts mit meiner Person zu tun.« Und nur dafür will sie anerkannt werden: als Autorin.

Jetzt hat sie ihren ersten Roman geschrieben. Eine Herausforderung für ihre Leserinnen und Leser. Na, hoffentlich!, sagt Mirijam Günter da. Steht auf und geht.
Eine, die sich lohnt. Unbedingt.


Interview: Christine Knödler

Alle Bücher von Mirijam Günter

2 Titel
Ansicht
Mirijam Günter

Heim

Roman

Eine Heimkarriere in Deutschland. Authentisch, ungekünstelt und atemlos spannend erzählt.
Erhältlich als: Taschenbuch
Taschenbuch
x 7,95 €

Mirijam Günter

Die Ameisensiedlung

Roman

Sozialer Brennpunkt: Gewalt in der Schule und zu Hause. Die 15-jährige Conny wünscht sich eine bessere Zukunft.
Erhältlich als: Taschenbuch
Taschenbuch
x 7,95 €

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