Portrait des Autors Nicky Singer

Nicky Singer

Nicky Singer, 1956 geboren, arbeitete in Verlagen, in der Kunstförderung und beim Fernsehen. Sie war Mitbegründerin und stellvertretende Leiterin eines Vereins zur Förderung junger Autoren für Theater, Oper und Film. Nachdem sie zuvor schon für Erwachsene geschrieben hat, veröffentlichte sie ihren ersten Jugendroman: 'Feather Boy', dt. unter dem Titel 'Norbert Nobody'. Das Buch wurde in England mit dem Blue Peter Book Award 2002 sowie dem Bronze Children's Award ausgezeichnet und war für den Angus Book Award nominiert. Die Verfilmung erhielt 2004 von der British Film and Television Association (BAFTA) den Big Banana Award. Die Autorin lebt mit ihrem Mann, ihren beiden Söhnen und ihrer Tochter in Brighton.

Interview

»Du kannst alles, was du willst. Du kannst sogar fliegen.«
Interview mit Nicky Singer



Eigentlich wollte sie einen Erwachsenen-Roman über das Gedächtnis schreiben: Nicky Singer, 1956 geboren, Schriftstellerin seit sie 15 ist, außerdem in der Kunstförderung und fürs Fernsehen tätig. Doch dann sagte ihr Sohn: „Schreib doch mal was für mein Alter.“ Herausgekommen ist Norbert Nobody oder Das Versprechen – ein ungeheurer Roman. Spannend, gefühlvoll, (aber-)witzig, poetisch. Der lässt euch nicht mehr los. Weil er zeigt, wie es sein kann, zu fliegen. Frei zu sein. Ihr selbst zu sein. Ein Interview mit einer leidenschaftlichen Erzählerin.

Nach vier Romanen für Erwachsene und Fernsehdokumentationen für den Sender BBC ist Norbert Nobody Ihr erstes Jugendbuch – war es anders, für Jugendliche zu schreiben?

Überraschenderweise nein. Ich hatte meinen Sohn als Vertrauensperson, aber ansonsten habe ich es so gemacht, wie ich eben Geschichten erzähle, und da spielt es offenbar keine Rolle, ob ich für Erwachsene oder Kinder schreibe. Ich achte auf Spannung und Leidenschaft. Zwei der meist verwendeten Worte, mit denen Rezensenten meine belletristischen Bücher beurteilt haben, lauten: fesselnd und bewegend. Und genau diese Worte sind auch über Norbert Nobody geschrieben worden.

Ihr Buch ist Ihrem Sohn gewidmet – hat er sie zu der Geschichte angeregt?

Es begann damit, dass mein ältester Sohn Roland (damals 11) in der Schule eine Rezension über ein Buch, das er in den Ferien gelesen hatte, schreiben sollte – danach kauften sich fünf Kinder aus seiner Klasse das Buch. Ich sagte zu ihm: "Du machst das besser als mein Agent und mein Verleger zusammen, werde doch mein Agent." Und er antwortete: "Klar, wenn du was für mein Alter schreibst!" Da klingelten bei mir alle Alarmglocken – und ich dachte, dass ich das wirklich sehr gerne probieren würde. Roland war auch mein erster Lektor. Sobald ich ein Kapitel geschrieben hatte, las ich es ihm vor und er kritisierte gnadenlos. Er sagte mir, wenn ich die falsche Sprache benutzte ("Kein Junge meines Alters würde so reden, Mum!“ – höhnisches Gelächter), war mein „Scriptgirl“ („Müsste seine Brille nicht runtergefallen sein, wenn er über einen Grabstein stolpert?“). Ich bedankte mich mit der Widmung und mit einem Haarschnitt. Für 10 Pfund.

In Ihrer Danksagung erwähnen Sie andere Kinder, die den Entstehungsprozess Ihres Romans kritisch begleitet haben. Wie sah die Zusammenarbeit aus?

Obwohl mein Sohn das Buch liebte, hatte ich Sorge, den Nerv der Kinder nicht zu treffen. Schließlich kennt er mich genau so gut wie ich ihn. Wir haben denselben Humor. Also wollte ich mein Publikum erweitern. Ich schickte „Test“-Lesern die ersten 80 Seiten und einen Fragenkatalog. Eine der Fragen lautete: "Findest du das Buch lustig?" Und ein junger Mann antwortete schlicht: "Nein." Doch ich bekam auch positivere Antworten, alle meine Leser wollten weiterlesen (gutes Zeichen – puh!) und einige machten ganz brauchbare Vorschläge, wie es weitergehen könnte. Eines der Kinder, Matilda, hat sogar Bilder von meinen Figuren gemalt, so gestochen scharf, dass ich wusste: Sie sind lebendig.

Gab es so was wie eine Initialzündung?

Da ich in Brighton lebe, gehe ich immer ans Meer, wenn ich nachdenken muss – gleich am Tag nach dem Gespräch mit meinem Sohn ging ich also raus und nachdem ich eine Stunde am Strand entlanggelaufen bin, entdeckte ich auf dem Heimweg ein heruntergekommenes Haus. Ich dachte: Da solltest du mal reingehen. Nicht immer eine brillante Idee, vor allem in Brighton nicht, wo wir ein großes Drogenproblem haben. Aber ich wusste: Ich muss hinein. Das Haus sah genauso aus, wie ich es in Norbert Nobody beschrieben habe – umgeben von Maschendraht, lose herabhängender Leitungen, der Flur übersät mit Papier und zerbrochenen Steinen. In der dritten Etage stieß ich auf eine Feuertür – geschlossen. Ich hatte noch nie im Leben solche Angst. Aber ich ging weiter, kletterte die letzten 12 Stufen hinauf. Ganz oben war noch ein Raum mit einer geschlossenen Tür. Und ich musste einfach diese letzte Tür öffnen. Also tat ich es, mein Herz klopfte zum Zerspringen. Darin war ... nichts. Nichts außer einer Tapete mit Entenmuster und einer zerbrochenen Fensterscheibe. Und da geschah es – die Initialzündung der Autorin, wenn man so will. Ich dachte: Ich kann doch nicht wegen nichts Todesängste ausgestanden haben. Also begann ich mit dem Was-wäre-wenn-Spiel. Was wäre, wenn es etwas in diesem Raum gibt und ich es nur nicht sehen kann? Was wäre, wenn vor vielen Jahren hier in diesem Zimmer etwas passiert ist, was noch heute von Bedeutung ist?

Um Edith Sorell zu retten, sammelt Norbert Hunderte Vogelfedern, näht daraus einen Federmantel – starke Bilder, die sich fast wie ein Ritus lesen. Ein Ritus wofür?

Für einen Übergang. Auf Ediths Seite: von der Dunkelheit ins Licht, vom Zorn in Gelassenheit, vom Leben in den Tod – aber auch vom Tod ins Leben. Für Robert: vom Depp zum Macher, von einem, der Geschichten über sich erzählt, zu einem, der seine eigene Geschichte gestaltet. Solche Bilder sind für mich Wege, eine vielschichtige Geschichte zu erzählen, Geschichten, die alle Lebewesen hören und verstehen können, genau so wie wir das Pochen unseres Blutes verstehen. Aber im Buch kommt das hoffentlich viel weniger offensichtlich, viel interessanter rüber.

Trotzdem ist Norbert Nobody nicht unbedingt der klassische Held: Nach außen hin eher schwach – aber innen ein Riese. Ist Ihr Roman auch ein Mutmach-Buch?

Für mich ist es eher eine Art Wiederfinden. Schließlich fühlen wir uns alle innen ein bisschen majestätischer als es unser tollpatschiges Äußeres vermuten lässt. Ich freue mich, wenn sich Kinder durch meinen Roman ermutigt fühlen – aber genauso glücklich bin ich, wenn sie die Geschichte einfach nur gut finden.

Die Presse überschlägt sich mit Lob für ihren Roman – haben Sie auch schon Reaktionen von jugendlichen Lesern? Welche hat sie am meisten gefreut?

Ein Kind schrieb: "Die Geschichte ist ganz traurig, aber auch ganz befreiend. Ich war am Ende völlig gerührt." Das hat mir sehr gut gefallen: die Verwendung des Wortes „befreiend“ und die emotionale Antwort. Das Kind hatte offensichtlich das Gefühl, sich mit dem Buch auf eine Reise zu begeben, und das ist das Beste, was sich eine Autorin wünschen kann.

Auf der Suche nach Wahrheit lernt Robert, was fliegen sein kann. Was heißt es für Sie persönlich, zu fliegen?

Die Frage treibt mir Tränen in die Augen. Ich nehme an: das Beste aus mir rauszuholen, die ganzen irdischen Belanglosigkeiten hinter mir zu lassen und mutiger und freundlicher und großzügiger und ehrlicher zu sein, als ich es normalerweise bin.

Alle Bücher von Nicky Singer

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Nicky Singer

Norbert Nobody oder Das Versprechen

Roman

Ein Außenseiter, der auf einmal im Mittelpunkt steht; ein Versprechen, das gehalten werden muss, und ein Federmantel, der Leben retten kann. Dieses Buch ist viel mehr als nur eine Geschichte!
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