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Peter Zolling

Peter Zolling, 1955 in Berlin geboren, studierte Mittlere und Neuere Geschichte, Soziologie und Öffentliches Recht in Hamburg und London. Er war Hörfunk- und Fernsehjournalist, dann verantwortlicher Redakteur für Zeitgeschichte beim Spiegel und lebt heute als Buchautor, Publizist und Kommunikationsberater in Hamburg.

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Interview

»Geschichte steckt immer wieder voller Überraschungen.« - Peter Zolling im Interview mit Susanne Krones / dtv

Wie wurde Deutschland, was es ist?

Da dies der Untertitel meines Buches über ›Deutsche Geschichte von 1871 bis zur Gegenwart‹ ist, müsste ich weit ausholen, um diese Frage erschöpfend zu beantworten. Ich habe das Wagnis nicht gescheut, die Wege und Irrwege Deutschlands, dessen Suchbewegungen nach Freiheit und Einheit von der Reichsgründung bis in unsere Gegenwart auf rund 360 Seiten zu erzählen. Eine lange Reise voll von Abenteuern, Erfolgen, Niederlagen, Katastrophen und Glücksmomenten. Letztlich ging es immer darum, ein inneres und äußeres Gleichgewicht zu finden.

Gibt es Wendungen in der Deutschen Geschichte, die die Zeitgenossen so sicher nicht vorausgesehen hätten?

Wer vermag schon in die Zukunft zu schauen? Nehmen wir das Beispiel des Falls der Mauer, zugleich ja das Ende einer Weltordnung, die das 20. Jahrhundert maßgeblich bestimmt hat. Selbstverständlich gab es seit Mitte der achtziger Jahre erste Signale für eine positive Veränderung der Ost-West-Beziehungen. Aber dass knapp ein halbes Jahrzehnt später der Kommunismus und das Sowjetimperium zusammenbrachen – übrigens ohne gewaltsam zu explodieren – und der Kalte Krieg und die DDR der Vergangenheit angehörten, hat im Ernst wohl niemand ahnen oder gar voraussagen können. Auch wenn im Nachhinein einige Besserwisser behaupteten, sie hätten das alles kommen sehen. Geschichte ist das Gegenteil von Prophezeiung. Sie steckt immer wieder voller Überraschungen, weil Menschen in ihr als Motor wirken.

Sie waren fünfzehn Jahre lang Journalist, davon viele Jahre politischer Redakteur beim Spiegel. Was unterscheidet den Blick des Historikers von dem des Journalisten?

Der tagesaktuell tätige Journalist sollte historisch gebildet sein, um die Gegenwart angemessen beurteilen zu können. Bedauerlicherweise fehlt vielen Journalisten heute dieser Hintergrund, wenn sie – oft unter großem Zeitdruck und notgedrungen oberflächlich – ihrem Publikum die Welt zu beschreiben oder gelegentlich gar zu erklären versuchen. Als ich in den neunziger Jahren beim Spiegel zeitgeschichtliche Themen zu verantworten hatte, fühlte sich dieses einst tonangebende Magazin noch den Maßstäben historischer Aufklärung in spannender Aufmachung verpflichtet. Langwierige, sorgfältige Recherche und fesselnde Darstellung auch solcher Themen, die keinen vordergründigen Erregungswert hatten, schlossen sich nicht aus. Das war, wenn man so will, forschungsorientierter Journalismus für ein breites Publikum. Generell ist es natürlich so, dass der Historiker erst dann mit seiner Arbeit beginnen kann, wenn das, worüber der Journalist heute schreibt, Schnee von gestern ist, also Vergangenheit. Die unterschiedlichen Zeitachsen verändern die jeweiligen Blickwinkel – und mithin die Urteilsbildung. Vereinfacht könnte man auch sagen: Der Journalist hält fest, was er heute an Neuigkeiten hört, sieht und liest. Der Historiker versucht sich im Rückblick am Puzzle, wie es dazu kam und was daraus wurde.

Bilder sind für die Geschichte von großer Bedeutung: Herrscher inszenieren mit ihrer Hilfe oder setzen sie zur Propagandazwecken ein, Bilder dokumentieren oder fangen historische Momente ein. Ihr Buch ist reich bebildert. Welche Bilder haben Sie besonders berührt oder beeindruckt?

Da gibt es das erschütternde Foto von dem kleinen Jungen mit erhobenen Händen, ein Opfer unter vielen, die nach der Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto 1943 von Hitlers SS-Schergen in ein Vernichtungslager transportiert wurden. Ein Dokument der barbarischen Seiten deutscher Geschichte. Und dann dagegen das Bild, als in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 Menschen aus Ost und West die Berliner Mauer überwanden, indem sie einfach darüber kletterten. Welche Welten liegen zwischen diesen beiden Szenen: Triumph der Gewalt und Triumph einer friedlichen Revolution!

Fast 140 Jahre deutscher Geschichte erzählen Sie in ›Deutsche Geschichte von 1871 bis zur Gegenwart‹. Ist es Ihnen schwergefallen, auszuwählen und wegzulassen? Was war Ihr roter Faden?

Ich habe in Deutschland und Großbritannien studiert. Von angelsächsischen Historikern habe ich die Kunst des Weglassens abgeschaut und außerdem, dass man Geschichte erzählen kann, ohne auf wissenschaftliche Genauigkeit verzichten zu müssen. Viele deutsche Professoren halten das ja noch immer für unvereinbar. Was das betrifft, bin ich auch dem Spiegel dankbar, namentlich meinem journalistischen Lehrer, dem Historiker Wolfgang Malanowski. In dieser Werkstatt lernte man Texte zu modellieren und zu schleifen, bis sie funkelten. Verbunden mit einer These, die aus dem Stoff destilliert werden musste. Freiheit und Einheit, ein Zwillings-paar, das lange in Zwietracht lebte und durch Polarisierung spaltete, ziehen sich wie eine heimliche Sehnsucht durch die deutsche Geschichte. Es hat – gerechnet seit der Revolution von 1848 – letztlich rund 140 Jahre gedauert, bis sie sich 1989/90 endlich trauten, ihren künftigen Weg gemeinsam zu gehen. Und gestolpert wird gelegentlich noch immer. Das ist doch ein schönes Leitthema.

Manche Jugendliche sind von Geschichte eher genervt als fasziniert. Warum lohnt es sich für Jugendliche, die Geschichte ihres Landes zu kennen?

Das kann jeder an sich selbst beobachten. Wüssten wir nicht woher wir kommen, aus welcher Familie, aus welchem Landstrich, hätten wir keine Erinnerung daran, was gestern oder vor einigen Jahren war, lebten wir also ohne Bewusstsein unserer eigenen individuellen Vergangenheit, wüssten wir auch nicht, wer wir sind. Wer aber nicht weiß, wer er ist, wie sollte so jemand in der Gegenwart verantwortungsvoll handeln können und Zukunftspläne schmieden können – für sich und andere? Ohne Kenntnis der Geschichte verlieren Gegenwart und Zukunft ihre Bedeutung. Dieses unterscheidende Zeitgefühl trennt den Menschen vom Tier.

Wie ging es Ihnen selbst als Jugendlicher: Hat Geschichte Sie immer schon fasziniert?

Ja, weil das Eintauchen in andere Welten und Menschen, die wirklich existiert haben, spannender ist als jeder Fantasy-Roman.

Alle Bücher von Peter Zolling

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Peter Zolling

Deutsche Geschichte von 1848 bis zur Gegenwart

Macht in der Mitte Europas

Das preisgekrönte Standardwerk über die deutsche Geschichte – aktualisiert bis in die Gegenwart

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