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Richard Friebe

Richard Friebe ist Evolutionsbiologe und Journalist. Als Wissenschaftsautor schreibt er u. a. für FAZ, FAS, SZ, Stern und Time Magazine. Er war in leitender Funktion als Redakteur u. a. beim Süddeutschen Verlag tätig und war Research Fellow am Massachusetts Institute of Technology. Mehrfach wurde seine Arbeit prämiert, unter anderem mit dem Georg von Holtzbrinck Preis, der renommiertesten Auszeichnung für Wissenschaftsjournalismus im deutschsprachigen Raum. Seine gemeinsam mit Kollegen verfassten Bücher ›Biohacking‹ und ›Bund fürs Leben‹ wurden mehrfach für Preise nominiert und ausgezeichnet.
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Interview

Richard Friebe im Gespräch über ›Das Prinzip der Widerstandskraft‹

Es wird immer wieder gesagt, Stress sei ungesund für uns. Doch schon Nietzsche schrieb: »Was mich nicht umbringt, macht mich stärker«. Was ist jetzt wahr? Der Evolutionsbiologe und preisgekrönte Wissenschaftsautor Richard Friebe erklärt in seinem neuen Buch ›Das Prinzip der Widerstandskraft‹ wie wir durch ›Hormesis‹ stärker werden.

Herr Friebe, sind Sie grad im Stress?

Grad vor 5 Minuten hat mich ein Parkautomat wahnsinnig gemacht, abgebucht, aber kein Ticket hergegeben, zweimal das Ganze. Der Mann von der Störungsstelle, die ich dann angerufen habe, hat mich dann noch höher auf die Palme gebracht.

Klingt ungesund.

Na ja, jetzt, fünf Minuten später, kann ich ja etwas machen, was mich nicht stresst, sondern sogar Freude bereitet, über mein Buch sprechen. Und der Stress, den ich grad hatte, der hilft mir dabei vielleicht sogar.

Wie denn das?

All unsere geistigen Fähigkeiten sind stressgeboren. Diesem Interview kann ich mich nur mit voller Aufmerksamkeit widmen, weil mein Gehirn es grad jetzt mit Gift- und Stressmolekülen zu tun bekommt. Auch Lernen funktioniert nur dann, wenn die Nervenzellen Stress ausgesetzt sind. Nicht zu viel, und nicht dauerhaft, sondern in der richtigen Dosis. Deshalb ist übrigens auch Sport gut fürs Gehirn, denn Sport ist Stress. Alles, was man Training nennen kann, geistig wie körperlich, ist zunächst Gift und Stress.

Sport, wenn man es nicht übertreibt, gilt doch als gesund und nicht als stressig?

Wenn wir auch nur ansatzweise intensiv Sport machen, passiert in Wahrheit erst einmal eines: Im Körper werden Unmengen extrem giftiger Substanzen produziert, zum Beispiel die so genannten freien Radikale. Sport ist nicht per se gesund, im Gegenteil. Die Reaktion des Körpers ist das „Gesunde“. Der produziert in einer wahren Abwehrschlacht Anti-Stress-Moleküle. Die beheben die aktuellen Schäden. Aber es kommt noch etwas hinzu, und das ist sehr wichtig, lebenswichtig.

Was kommt hinzu?

Diese Reaktion ist fast immer überschießend. Denn nach dem Sicher-ist-Sicher-Prinzip macht der Körper lieber ein paar zu viele Abwehr- und Reparatursubstanzen als zu wenige. Die bleiben aber nicht ungenutzt, sondern können dann zum Beispiel Schäden, die schon vorher bestanden, reparieren.

Ein Stress-Bonus?

Könnte man so sagen. Es kommt aber noch besser, denn noch einmal zusätzlich wird dann auch noch ein Vorrat an Anti-Stress-Molekülen und aktivierten Genen geschaffen, durch den der Körper auf den nächsten Stress, die nächste Giftattacke besser vorbereitet, abwehrbereiter, ist. Das ist zum Beispiel der Grund dafür, dass man beim ersten Sport nach langer Faulheit Muskelkater bekommt, wenn man regelmäßig Sport macht aber gar nicht mehr.

Es ist das Prinzip der Hormesis, um das es in Ihrem Buch geht.

Richtig, das „Prinzip der Widerstandskraft“. Es ist ein allumfassendes Prinzip des Lebens überhaupt. Tatsächlich ist fast alles, was wir als „gesund“ bezeichnen, eigentlich erst einmal ungesund, löst körperlichen und geistigen Stress aus: Sport, Denksport, Sauna, Liebe und Sex, Fasten, ja sogar so genanntes „gesundes Essen“.

Moment, Sie sagen, gesundes Essen ist eigentlich ungesund?

Ja, paradoxerweise kann es nur gesund wirken, wenn es erst einmal giftig ist. Blaubeeren, Brokkoli, Knoblauch etwa – das ist alles erst einmal voller Gift. Die Substanzen, die in diesen Lebensmitteln als „gesund“ gelten – Busch, Kohlpflanze und Zwiebel machen die ja nicht, um Menschen etwas Gutes zu tun, sondern um Fressfeinde und Umwelteinflüsse wie etwa Kälte und UV-Strahlung abzuwehren. Wenn wir sie essen, wirken sie auch erst einmal giftig, und der Körper muss eine Abwehrschlacht beginnen. Das funktioniert normalerweise aber – wie beim Sport – sehr gut, und man ist danach auch gegen andere Stressfaktoren und Gifte besser gewappnet. Nur das ist der Grund, warum das Zeug „gesund“ ist. Nehmen wir aber zu viel davon zu uns, dann vergiften wir uns wirklich. Das kann man mal probieren, indem man zwei Kilo rohen Brokkoli auf einmal isst.

Lieber nicht.

Macht ja auch niemand. Bei natürlichen Substanzen wie etwa den Inhaltsstoffen von Kohl, oder bei natürlichen Verhaltensweisen wie etwa Bewegung oder geistiger Anstrengung, wissen Körper und Gehirn instinktiv, wann es zu viel wird und hören damit auf, wenn sie irgend können. Aber sie fordern auch eine Mindestdosis ein. Sie wollen in die Sonne, wollen sich austoben, physisch und mental, sie konsumieren gerne gewisse Mengen eigentlich giftiger Reizstoffe. Das ist so, weil wir Hormesis schon seit Jahrmilliarden machen, über unsere ganze Evolution von der ersten Urzelle an.

Woher sollte dieser Instinkt, sich freiwillig zu stressen und zu vergiften, kommen?

Instinkt ist ja nichts anderes als etwas evolutionär „Gelerntes“. Die Geschichte des Lebens ist eine Geschichte von Stress, Gift, Strahlung, Hungerperioden. Und wir und die Vorfahren waren mittendrin und gezwungen, sich dem ständig anzupassen, es auszuhalten. Wer das gut konnte überlebte und pflanzte sich fort. Wer es sogar für sich nutzen konnte, um in Zukunft Gift und Stress noch besser zu widerstehen, umso mehr. Und am evolutionär „fittesten“ waren die, die das nicht dem Zufall überließen, sondern instinktiv regelmäßig die Widerstandskräfte trainierten.

Sie sehen hier auch einen Zusammenhang mit den so genannten Zivilisationskrankheiten …

Ja, die bekommen eher diejenigen, die rundum gepampert, beheizt, vollgegessen, an Sofa und Fernseher gefesselt sind. Und was gegen diese Leiden hilft, ist Sport, Sauna, traditionelle Ernährung, Fasten und so weiter – also eine Art „Zurück zur Natur“, so abgedroschen das klingen mag. Sogar viele der Medikamente gegen diese Krankheiten imitieren diese Stress- und Giftwirkungen – Metformin zum Beispiel, das wirksamste aller Diabetesmittel.

Sie liefern deshalb in ihrem Buch eine Definition von Gesundheit, die sogar der der Weltgesundheitsorganisation WHO widerspricht.

Ja, Gesundheit, sagt die WHO, ist ein Zustand geistigen und körperlichen Wohlbefindens. Das ist absurd, nicht nur, weil man dann auf einem LSD-Trip oder nach einer ordentlichen Dosis Heroin als besonders gesund gelten müsste. Sondern weil Gesundheit, genau wie das Leben an sich, ein Prozess ist, und eben kein Zustand. Gesundheit ist kein Sein, sondern ein ständiges Werden, aktiv und dynamisch. Gesundheit bedeutet, dauernd und immer wieder neu die Fähigkeit zu erwerben, sich Störfaktoren – also Krankheitsauslösern etwa – anzupassen, auf sie zu reagieren, sich auf mögliche zukünftige vorzubereiten. Gesundheit heißt, eben jene Widerstandskraft aufzubauen und zu erhalten! Und das passiert über solche hormetischen Prozesse.

Sie sagen, Hormesis bedeutet, dass Dinge, die als gesund gelten, erst einmal ungesund sind. Gilt auch der Umkehrschluss: Was als ungesund gilt, kann auch gesund sein?

So ist es. Radioaktive oder andere hochenergetische Strahlung etwa, da gilt allgemein, dass schon ein bisschen davon schädlich sein muss. Das stimmt aber ganz offensichtlich nicht. Leicht erhöhte, oder ab und zu leicht erhöhte Strahlenwerte scheinen Menschen sogar gesünder zu machen, sogar Krebs scheint dann seltener zu entstehen. Die Studiendaten dazu sind ziemlich klar, auch wenn gerne versucht wird, sie zu diskreditieren, und natürlich mehr vorbehaltlose Forschung dazu nötig wäre. Die Erklärung ist die gleiche, die wir schon hatten: Diese Strahlung ist wirklich schädlich erst einmal. Sie greift zum Beispiel die Erbsubstanz oder wichtige Eiweißstoffe an. Bis zu einer gewissen Dosis können körpereigene Systeme, die ja aus der Erdgeschichte sogar an deutlich höhere Strahlenwerte gewöhnt sind, die Schäden aber reparieren, Kaputtes entsorgen – und die Abwehrbereitschaft für zukünftige Strahlenattacken und nebenbei auch andere Stressoren nach oben fahren.

Was ist mit Rauchen?

Wer viel und über Jahre raucht, riskiert Krebs, Lungenleiden, Infarkt. Paradoxerweise aber ist etwa ein Herzinfarkt, wenn ein Raucher ihn erleidet, weit seltener folgenschwer oder tödlich als bei einem Nichtraucher. Mediziner nennen das das „Raucherparadox“. Erklärt wird es damit, dass das Nikotin und auch ein paar andere Stoffe im Rauch ständig Stressreize setzen und der Körper dann auf den Megastress eines Infarktes besser vorbereitet ist. Weil Nikotin die Gefäße verengt, bilden sich bei Rauchern auch Ersatzgefäße im Herzen, die bei einem Infarkt dann einspringen und die Blutversorgung übernehmen können. Und deshalb stirbt dann weit weniger Herzmuskel ab.

All das klingt vollkommen unerwartet, fast revolutionär.

Es ist aber, wenn man sich darauf einlässt, vollkommen logisch. Aber fast niemand weiß davon. Deshalb habe ich dieses Buch geschrieben. Für mich war die Beschäftigung mit diesem Thema, die ja schon Jahre, bevor ich an ein Buch darüber überhaupt zu denken gewagt habe, begonnen hat, ein Prozess wie ein Puzzle: Am Anfang ist es schwer, hier ein Einzelteil, da ein anderes. Doch dann beginnt es plötzlich zu klicken, alles passt zusammen, es geht immer schneller und es ergibt sich ein absolut stimmiges Bild. Für mich ist Hormesis ein Grundprinzip des Lebens, eins der wichtigsten überhaupt. Es hilft auch, so ziemlich alles zu verstehen. Es kann auch ganz einfach die hilflosen Versuche, manche Gesundheitseffekte zu erklären, durch stimmige ersetzen: Kurzzeit-Fasten zum Beispiel, da hört man noch heute: Das ist gut, weil es dem Stoffwechsel eine Pause verschafft. Der Stoffwechsel, der macht aber keine Pause. Wenn er das täte, wären wir ganz schnell tot. Fasten ist vielmehr vor allem deshalb hilfreich, weil es einen der ernsthaftesten Stressreize überhaupt setzt: keine Nahrung. Das wird nur noch getoppt vom Luftanhalten: kein Sauerstoff. Dies beides wiederum erklärt dann aber auch, warum zu viel von solchem Stress dann doch ungesund ist. Denn wer konsequent und lange „fastet“, der stirbt, wer länger als ein paar Minuten nicht atmet, auch. Wer zu viel Brokkoli isst, muss erbrechen, wer ein zu heißes japanisches Onsen-Bad nimmt, riskiert Thrombosen. Und wer als Leistungssportler meint, noch mehr Training sei die Lösung, bei dem fällt die Leistung weiter ab, Verletzungen häufen sich. Und so weiter.

Was leiten Sie für das tägliche Leben aus den Erkenntnissen über dieses Prinzip der Widerstandskraft ab.

Dass sie stimmen, die alten Weisheiten: Die Dosis macht das Gift. Was zu viel, ist ungesund. Aber was uns nicht umbringt, das macht uns wirklich stärker. All das kann man, wenn man mag, im Alltag nutzen, in der Ernährung, in Beruf und Freizeit. Wenn man Stress hat natürlich auch. Denn auch psychischer Stress ist nur dann ungesund, wenn die Dosis zu hoch ist und wenn wir uns von ihm wirklich nachhaltig stressen lassen. Mein Parkautomaten-Stress etwa ist längst abgebaut, seine Spuren an meinen Neuronen aber sind noch da, und sie sind gut, sie helfen mir beim Denken, Lernen, Interviews geben. Man muss also Wege suchen, auch dem mentalen Stress Pausen aufzuzwingen, und ihn, so wie etwa viele so genannte Workaholics es schon von sich aus tun, positiv wahrzunehmen. Wie ein Lebensmittel, wie ein Kollege von mir es nennt. Dann dreht man die Vorzeichen um, dann wird er hilfreich. Das Hormesis-Prinzip zu kennen, kann dabei helfen. Ich selbst zum Beispiel habe heute weit weniger Angst vor den Folgen von Alltagsstress als früher. Und die frühmorgendliche Stunde in einer verrauchten Bar liefert ja vielleicht auch genau die richtige Dosis und verkürzt nicht gleich das Leben. Auch die Strahlen, wenn mal eine Röntgenaufnahme nötig ist, oder der Asbest auf Nachbars Garagendach, das schreckt mich alles nicht mehr. Und wenn ich mal nichts zu essen da habe, dann nenne ich das dann einfach Mini-Fastenkur. Und freue mich erstens, wie gesund das ist. Und zweitens daran, dass ich auch weiß, warum.

Alle Bücher von Richard Friebe

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Richard Friebe

Das Prinzip der Widerstandskraft

Hormesis: Wie Stress und Gift uns stärker machen

Stress ist gut und Gift ist gesund - es kommt nur auf die Dosis an. Hormesis: Ein wichtiges Prinzip der Natur, unterhaltsam erklärt.

Erhältlich als: Taschenbuch
Taschenbuch
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Hanno Charisius, Richard Friebe

Bund fürs Leben

Warum Bakterien unsere Freunde sind

Die Autoren zeigen auf, wie wir gesund und im Einklang mit den 100 Billionen Bakterien auf und in uns leben können.
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