Portrait des Autors Robert Pragst

Robert Pragst

Robert Pragst studierte Sport, arbeitete als Croupier, Bankkaufmann und Immobilienmakler, um dann an der Humboldt-Uni das Jurastudium als Zweitbester seines Jahrgangs abzuschließen. Nach seiner Ernennung zum Richter war er während der Probezeit bei der Staatsanwaltschaft Berlin tätig. Heute arbeitet er am Amtsgericht Lichtenberg.

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Trailer: Rober Pragst - Auf Bewährung

Interview

Jurist und Autor Robert Pragst im Interview

Robert Pragst: Verurteilt. Mein Jahr als Strafrichter

»Das Bild einer Justiz vermitteln zu wollen, bei der immer alles funktioniert, ist realitätsfremd und unglaubwürdig.«

Robert Pragst, inzwischen Richter am Amtsgericht Lichtenberg, spricht im Interview über den Entscheidungsdruck auf der Richterbank, über das Verhältnis von Paragraphen und dem eigenen Gerechtigkeitsempfinden und über den Wirbel, den sein erstes Buch ›Auf Bewährung‹ ausgelöst hat.

Herr Pragst, in ›Auf Bewährung‹ haben Sie Ihr Jahr als junger Staatsanwalt geschildert. In ›Verurteilt‹geht es nun um Ihre Zeit als Proberichter. Was ändert sich, wenn man vom Ankläger plötzlich zum Richter wird?

Das Tätigkeitsgebiet eines Richters erstreckt sich im Gegensatz zu dem eines Staatsanwalts auf alle möglichen Rechtsgebiete, ist also viel weiter gefasst. Anders als als Staatsanwalt kann man als Richter außerdem selbst die Entscheidungen treffen, was es oft erleichtert, damit umzugehen, weil man mit sich selbst eher im Reinen ist. Auf der anderen Seite hat man aber natürlich auch die Verantwortung, die mit diesen Entscheidungen einhergeht.

In ›Verurteilt‹ beschreiben Sie sehr offen, dass diese Verantwortung auch eine Bürde sein kann. Sie erzählen unter anderem von einem Richter, der einfach nicht mehr fähig war, Entscheidungen zu treffen. Wie gehen Sie mit dem Druck um, durch Ihr Urteil letztlich über ein Schicksal zu bestimmen?

Unangenehme Entscheidungen trifft niemand gerne und als Richter muss man sich darauf einstellen, dass das einen erheblichen Teil der Arbeit ausmacht … diesem Entscheidungsdruck kann sich niemand entziehen. Der Richter muss die Entscheidung allein treffen und in eigener Verantwortung oder als Teil eines Kollegialgerichts, wenn es sich um eine Kammer handelt. Über die Folgen des eigenen Handelns nachzudenken kann da schon auch mal deprimierend sein, aber dieses Nachdenken muss nicht alleine im stillen Kämmerlein passieren. Die Justiz bietet zum Beispiel auch Supervisionsrunden an, bei denen im Gespräch mit Kollegen oder auch Psychologen eine Reflexion stattfinden kann.

Sie schreiben auch über Mitleid und Verständnis gegenüber manchen Angeklagten. Passen das Urteil, das Sie verkünden, und Ihr persönliches Gerechtigkeitsgefühl manchmal nicht zusammen?

Ich denke, ich wäre ein schlechter Richter, wenn ich nicht alles versuchen würde, um das zu vermeiden. Manchmal taucht ein solches Gefühl auf, dann muss man die rechtliche Würdigung des Sachverhalts noch mal genau überprüfen – vielleicht hat man einen wichtigen Paragraphen oder Tatsachenvortrag der Parteien übersehen. Und im Übrigen muss sich jeder Richter auch immer bewusst sein, dass ihm mit der Verfassung eine erhebliche Macht gegeben ist, die er auch durchaus nutzen soll, um die aus seiner Sicht gerechten Entscheidungen zu treffen: Er kann gesetzliche Vorschriften in einer bestimmten Art und Weise auslegen. Er kann sogar das Recht fortbilden, indem er nicht geschriebene Ausnahmen zu Paragraphen bildet. Unter Umständen kann er ein Gesetz auch dem Bundesverfassungsgericht vorlegen, wenn er es als verfassungswidrig ansieht. Insofern hat er eigentlich alle Möglichkeiten, um einen Widerspruch zwischen seiner Entscheidung und seinem Gerechtigkeitsempfinden zu verhindern.

Sie haben keine Scheu davor, auch zweifelhafte Vorgehensweisen in Behörden und Medien anzusprechen. ›Auf Bewährung‹ nannte man eine »Justizschelte« und nicht jeder zeigte sich von so viel Offenheit begeistert. Gerade jetzt zum Fall Mollath dürfte das Erscheinen von ›Verurteilt‹ von einigen sehr streng beäugt werden. Was denken Sie darüber?

Wenn ein Buch geschrieben ist, hat der Autor keinen Einfluss mehr darauf, was andere darüber denken. Bei meinem ersten Buch war von einer »Justizschelte« (tagesspiegel.de, Anm. d. Red.), aber zum Beispiel auch von einer »Liebeserklärung« (zeit.de, Anm. d. Red.) an die Justiz die Rede. Ich finde, bevor man die Justiz bewerten kann, hilft es, erst einmal einen Eindruck davon zu bekommen, wie der Alltag bei Gericht aussieht und in welchem Umfang und Kontext die richterlichen Entscheidungen ergehen. Da sollte man den zweiten Schritt nicht vor dem ersten tun. Im Rahmen dieses ersten Schrittes sehe ich auch die Bedeutung meines Buches: Es soll einen spannenden und abwechslungsreichen Einblick in die Arbeit des Richters geben.

Und was die Offenheit angeht: Ich denke, je transparenter die Arbeitsweise der Justiz für die Öffentlichkeit ist, desto größer ist auch die Akzeptanz in der Bevölkerung. Die Fehlbarkeit bei richterlichen Entscheidungen liegt auf der Hand. Das Bild einer Justiz vermitteln zu wollen, bei der immer alles funktioniert, ist realitätsfremd und unglaubwürdig. Es geht mir deshalb darum, auch die Schwierigkeiten für den Richter darzustellen, wie zum Beispiel, dass er ohne eigenes Fachwissen darauf angewiesen ist, einen kompetenten Sachverständigen zu haben. Wenn das deutlicher wird, dann wird auch die Akzeptanz dafür steigen, dass wir mit Fehlentscheidungen in der Justiz leben müssen. Die hat es in der Vergangenheit gegeben und die wird es auch in der Zukunft geben.

Die Wahrscheinlichkeit von extremen Fehlurteilen ist meiner Meinung nach aber äußerst gering. Bis zu einer Lebenszeiternennung hat ein Richter eine sehr komplizierte Ausbildung hinter sich, die etwa zehn Jahre dauert und in dieser Zeit sammelt er eine Menge Erfahrung. Ich habe eine sehr hohe Meinung von der Justiz … auch weil ich sehe, dass sich meine Kollegen sehr engagieren und dafür einsetzen, zu den richtigen Ergebnissen zu kommen.

Das Interview führte Veronika Pfleger, dtv Internet-Redaktion

Bücher des Autors

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Justizalltag zwischen Asservatenkammer und Raubdezernat

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