Portrait des Autors Sasha Abramsky

Sasha Abramsky

Sasha Abramsky, geboren 1972 in England, wuchs in London auf und studierte Politik, Philosophie und Wirtschaftswissenschaften in Oxford. Anschließend nahm er an der New Yorker Columbia University Graduate School of Journalism ein Journalistik-Studium auf. Er arbeitet als freier Journalist und Autor. Seine Artikel erscheinen im ›Guardian‹, ›Observer‹, ›Independent‹ und ›Sunday Telegraph‹ ebenso wie im ›New Yorker‹ online. Sein jüngstes Buch, ›The American Way of Poverty: How the Other Half Still Lives‹ wurde von der ›New York Times‹ in die Liste der hundert wichtigsten Bücher des Jahres 2013 aufgenommen. Sasha Abramsky lebt mit seiner Familie in Kalifornien.

Buchspecial

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Sasha Abramsky: Das Haus der zwanzigtausend Bücher
Alle Informationen mit Leseprobe, Interview und Buchtrailer zu Abramskys Erinnerungen an seinen Großvater und dessen unvergleichliche Büchersammlung! 

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Buchtrailer Das Haus der Zwanzigtausend Bücher

Interview

Sasha Abramsky: Das Haus der zwanzigtausend Bücher

Am 23. Oktober erschien ›Das Haus der zwanzigtausend Bücher‹ von Sasha Abramsky. Dieses Buch beschreibt die unglaubliche Sammelleidenschaft seines Großvaters Chimen Abramsky. Wir haben dem Autor ein paar Fragen gestellt und interessante Antworten erhalten.

Sie erzählen in Ihrem Buch von der erstaunlichen Büchersammlung Ihres Großvaters. Existiert diese Sammlung noch?

Die Sammlung ist zersplittert, verteilt auf verschiedene Universitäten und Privatsammlungen auf der ganzen Welt – was mir, um ehrlich zu sein, angemessen erscheint. Chimen sammelte alles, was ihn faszinierte, aus vielen Ländern und Zeiträumen, in etlichen Sprachen, in einer enormen thematischen Bandbreite. Diese Sammlung war für ihn ein lebenslanges und sehr persönliches Projekt. Aber diese eigenwillige Sammlung einzufrieren und gewissermaßen einbalsamiert irgendwo in ein Archiv zu verfrachten, hätte dem Geist dieses Projekts widersprochen. Chimen war es wichtig, dass seine Bücher, Briefe und Manuskripte zum Nachdenken und zur Diskussion anregten, und er liebte das Geheimnisvolle, das die Dokumente umgab – warum und unter welchen Umständen sie wo entstanden waren und welche Bedeutung sie für den jeweiligen Besitzer hatten. Die Sammlung war als Arbeitsbibliothek gedacht. Mir gefällt der Gedanke, dass diese Bücher nun wieder verstreut sind und andere Besitzer und Leser sie auf ihre Weise entdecken, als Teil einer neuen Sammlung, in der sich Ideen auf neue Weise verbinden. Vielleicht lesen sie mein Buch und stellen fest, dass ein Teil dieser erstaunlichen Sammlung nun ihnen gehört.

In Ihrem Buchtrailer erwähnen Sie, dass das Haus Ihres Großvaters einer der wichtigsten Orte Ihres Lebens ist. Welche Bedeutung haben Bücher für Sie?

Bücher helfen mir sehr dabei, mich in meiner Umwelt zu verorten. Jedes Buch regt meine Fantasie dazu an, Verbindungen herzustellen, meine eigene Ideen-Architektur zu erschaffen, Brücken zu ersinnen, die verschiedene Zeiten, Autoren, Theorien und Weltanschauungen verbinden. Ein Buch anzufassen ist für mich ein intensives Erlebnis – aus diesem Grund besitze ich noch immer keinen E-Book-Reader. Ich liebe die Haptik und den Geruch von Büchern – besonders von alten Büchern, die womöglich jahrzehntelang niemand aufgeschlagen hat. Sie sind wie Zeitkapseln: Wenn man ihren Geruch tief einatmet, bekommt man ein Gespür für Menschen und Orte, die längst der Vergangenheit angehören. Eine Welt ohne Bücher kann ich mir nicht vorstellen – und ebenso wenig kann ich mir vorstellen, in einem Haus ohne Bücher zu leben.
Von Büchern umgeben zu sein vermittelt mir ein Gefühl der Sicherheit und Stabilität. Ich befürchte sehr, dass in unserem digitalen Zeitalter die kulturelle Bedeutung von Büchern abnimmt. Noch basiert unsere vielfältige Kultur auf Ideen, was auch auf die einzigartige Stellung von Büchern in unserer Geschichte zurückzuführen ist. Ohne eine allgemeine Kultur des Buches laufen wir Gefahr, passiv zu werden und unsere Kritikfähigkeit einzubüßen.

Hat Ihr Großvater Sie mit seiner Leidenschaft des Büchersammelns angesteckt und besitzen Sie inzwischen selbst eine Sammlung?

Was Bücher betrifft, bin ich viel nüchterner und nutzenorientierter als mein Großvater. Chimen war in gewisser Weise ein Künstler: Er sammelte, weil er ein Buch schön fand, weil eine Ausgabe besonders selten war, weil sie bestimmte Dinge enthielt oder auch gerade nicht, wegen ihrer Druckfehler oder gerade wegen eines einwandfreien Drucks. Wenn er ein Buch kaufte, war ihm wichtig zu wissen, wo diese Bücher geschrieben und veröffentlicht worden waren, wer an ihrer Herstellung beteiligt war, welche Drucktechniken angewandt wurden und so weiter. Ich kaufe Bücher wegen der Ideen und Geschichten, die sie enthalten, aber, um ehrlich zu sein, habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, wie viel diese oder jene Ausgabe wert ist. Ich habe offenbar keinen Sammeltrieb.

Was hat Sie dazu gebracht, die Erinnerungen an Ihren Großvater in einem Buch festzuhalten?

Dieses Buch handelt ebenso von meiner Großmutter Mimi wie von meinem Großvater Chimen. Ich wollte über die beiden schreiben, weil ihr Leben so außergewöhnlich war. Sie durchlebten stürmische Zeiten und waren Jahrzehnte hindurch mit den großen politischen, moralischen, ethischen und philosophischen Konflikten ihrer Epoche beschäftigt. Sie lebten in einem eigenartigen Spannungsfeld von Tradition und Moderne. Beide wuchsen in sehr orthodoxen Haushalten auf und Chimens Vater war einer der bedeutendsten Rabbiner des vergangenen Jahrhunderts; dennoch lehnten beide die Religion ab und begeisterten sich, zumindest in ihrer Jugend, für den Kommunismus. Nachdem ihre Illusionen bezüglich der Sowjetunion zerstört waren, kehrten sie allerdings nicht zur Religion zurück. Stattdessen wandten sie sich dem Liberalismus zu und in mancher Hinsicht auch einer linksgerichteten Variante des Zionismus.
Als Kind faszinierten mich sowohl die Bücher in diesem Haus als auch die Menschen – ich kann mir keinen wunderbareren Ort vorstellen, um etwas über Familienliebe und große Ideen zu lernen. Aber Hillway 5 kam mir auch gerade deshalb zerbrechlich vor, beinah wie ein Traum. Noch während ich mittendrin steckte, wurde mir klar, dass dieser Ort im Nebel der Zeit unterzugehen drohte. Chimen wurde sehr alt. Sein Tod liegt erst fünf Jahre zurück, und er hat viele seiner Zeitgenossen überlebt. Wenn ich die Geschichte meiner Großeltern nicht erzählen würde, würden sie einfach verschwinden – ein unerträglicher Gedanke. Ein Motiv, dieses Buch zu schreiben, war sicherlich, dass ich die Geister am Leben halten wollte.

In dem Haus Ihres Großvaters gingen bedeutende Persönlichkeiten wie Eric Hobsbawm oder Christopher Hill ein und aus und diskutierten bis spät in die Nacht. Wie haben Sie diese Begegnungen geprägt?

Naja, als ich klein war, habe ich Hobsbawm nicht getroffen. Schließlich hatte er sich mit meinen Großeltern wegen unterschiedlicher Ansichten zum Kommunismus überworfen; während meine Großeltern aus der Partei austraten, blieb Hobsbawm Mitglied. Tatsächlich traf ich Hobsbawm erst kurz vor seinem Tod, als ich ihn für dieses Buch interviewte. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Es hat mich sehr geprägt, dass Intellektuelle mich schon als Kind ernst genommen haben. Es hat meine Liebe zu Ideen befördert, mir aber auch Selbstwertgefühl vermittelt: Wenn man etwas zu sagen hat, spielt das Alter keine Rolle. Wenn man von seiner Meinung überzeugt ist, kann man etwas bewirken. Zu dieser Zeit war mir nicht bewusst, wie berühmt oder einflussreich einige dieser Männer und Frauen waren. Ich wusste nur, dass es äußerst interessant war, sich mit ihnen zu unterhalten. Vor langer Zeit habe ich ›Meine Kindheit‹ von Maxim Gorki gelesen, der ähnliche Erfahrungen machte. Auch ihm war nicht bewusst, wie sehr ihn seine Umwelt für den Rest seines Lebens prägen sollte.

Zunächst hatte sich Ihr Großvater auf das Sammeln sozialistischer Literatur spezialisiert, später interessierte er sich für Judaica. Wie kam es zu diesem grundsätzlichen Wechsel seines Sammlerinteresses?

Das hat mehrere Gründe: zunächst einmal seine Herkunft. Chimen wuchs in einem Rabbinerhaushalt auf und kannte sich hervorragend mit religiösen Texten und jüdischer Geschichte aus. Selbst in der Hochzeit seiner Begeisterung für den Kommunismus führte er mit meiner Großmutter eine jüdische Buchhandlung. Das Interesse für Judaica kam also nicht von ungefähr. Spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg graute meinem Großvater bei dem Gedanken, dass die Welt der osteuropäischen Schtetl und die intellektuelle und spirituelle jüdische Kultur in Europa nahezu ausgelöscht worden waren. Er fühlte sich verpflichtet, die Erinnerung daran wachzuhalten und so viele Bruchstücke wie möglich zu retten.
Er war also schon zeit seines Lebens von Judaica fasziniert. Als sich seine politische Einstellung änderte, verlagerte sich auch sein Sammelinteresse. Obwohl er nicht mehr zur Religion seiner Kindheit zurückfand, war er an einen Punkt gelangt, an dem ihn die Idee der Revolution mehr mit Schrecken erfüllte als mit Freude. Außerdem beobachtete er nur zu gern, in welcher Form sich Ideen im Laufe der Jahrhunderte herauskristallisierten.

Ihr Urgroßvater war ein bekannter Rabbiner, Ihr Großvater ein Atheist. Kam es dadurch zu familiären Spannungen?

Das wäre gelinde gesagt eine Untertreibung. Mir gefällt die Vorstellung, wie die beiden sich umkreist haben müssen: der Rabbiner Yehezkel Abramsky, Oberhaupt des Londoner Beth Din, des jüdisch-religiösen Gerichts, und Chimen, Mitglied der Kommunistischen Partei. Chimen bewunderte seinen Vater sehr – und ich glaube, dass sie sich liebten und respektierten. Aber in ihrer Weltanschauung unterschieden sie sich grundsätzlich. Damit es trotzdem funktionierte, war ein gewisser Grad an Heuchelei notwendig: Chimen und Mimi führten ein koscheres Haus, sie luden am Pessachfest zu ausgiebigen Seder-Mahlzeiten, fuhren samstags nicht mit dem Auto zu gläubigen Bekannten und so weiter. Yehezkel wusste sicherlich, dass Chimen nicht gläubig war, aber ich bezweifle, dass er mit Chimens Kommunismus in den 1940ern und 1950ern wirklich zurechtkam. Vermutlich mieden beide dieses Thema. Dennoch hat Yehezkel Chimen in erheblichem Maße beeinflusst: Yehezkels Art zu lesen, sein außerordentliches Gedächtnis, seine Wertschätzung von Ideen und Auseinandersetzung – all das fand sich, wenn auch in anderer Form, bei Chimen wieder.

Das Haus Ihres Großvaters ist eine Welt des gedruckten Buches, das man anfassen und in dem man blättern kann. Wie stehen Sie zur Digitalisierung und zu E-Books?

Für mich sind Bücher weit mehr als nur Ideen. Sie sind eine Erfahrung, die man anfassen und teilen kann. Wenn man ein Haus voller Bücher betritt, erhält man einen sehr intimen Einblick in die Seele des Menschen, der hier lebt und diese Bücher liest. Ähnlich ist es bei einem Regal voller Schallplatten und CDs. Wenn man weiß, welche Musik ein Mensch mag, kann man den Rhythmus seines Lebens hören. Aber wenn man alles digitalisiert und Musik und Bücher in sehr kleine elektronische Einheiten umwandelt, macht man etwas, das zuvor offen sichtbar war, zu etwas sehr Privatem. Schließlich schmökert man nicht in dem elektronischen Gerät eines anderen. Ich empfinde dies als eine der größten Tragödien unseres Kulturkreises: Auf der einen Seite haben wir per Mausklick Zugang zu mehr Informationen als jemals zuvor. Doch in dem Maße, in dem diese Geräte die Informationsbeschaffung erleichtern, schwächen sie die Vorstellung von einer Bibliothek als einer grundlegenden, geteilten Erfahrung, wie dies auch bei einem Salon der Fall ist. Hillway 5 lässt sich nicht digital erleben. Diese Erfahrung muss man anfassen können und mit anderen teilen.

Das Interview führte und übersetzte Christina Schindler

Bücher des Autors

1 Titel
Ansicht
Sasha Abramsky

Das Haus der zwanzigtausend Bücher

Voller Zärtlichkeit erinnert sich Abramsky an seinen Großvater und dessen unvergleichliche Büchersammlung – ein einzigartiges Vermächtnis.

Erhältlich als: Taschenbuch, Hardcover, E-Book
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