Portrait des Autors Susanne Hornfeck

Susanne Hornfeck

Susanne Hornfeck, Dr. phil, ist Germanistin und Sinologin, Autorin und Übersetzerin. Fünf Jahre lebte und lehrte sie in Taipei. 2007 wurde sie mit dem renommierten C.H. Beck Übersetzerpreis ausgezeichnet.

Preise und Auszeichnungen

Jury der jungen Leser
2013 - Jugendbuchpreis

Interview

»An Ina konnte ich beides zeigen, die Fremdheit im fremden Land und später die Fremdheit unter den eigenen Landsleuten.«

Susanne Hornfeck ist Germanistin und Sinologin, Autorin von Sachbüchern und Übersetzerin. Fünf Jahre lebte und lehrte sie in Taipeh, heute lebt sie in der Nähe von München. In ›Ina aus China‹ hat sie die Geschichte der Chinesin Chen Yinna aufgeschrieben, die als Siebenjährige 1937 aus dem von den Japanern besetzten Shanghai nach Deutschland kam. Im Gespräch mit Susanne Krones/dtv erzählt die Übersetzerin und Autorin Susanne Hornfeck von ihren eigenen China-Erfahrungen und davon, wie es war, Inas Geschichte zu recherchieren und zu schreiben.

Sie haben in Deutschland Sinologie studiert und sind dann für den Deutschen Akademischen Auslandsdienst als Dozentin für Deutsche Sprache und Literatur an die Nationale Universität Taiwan gegangen. Wenn Sie sich an Ihren ersten China-Aufenthalt erinnern: Was hat Sie besonders beeindruckt?

Interesse, Neugier, Hilfsbereitschaft, Fürsorglichkeit‚ Gastfreundschaft, einfach die Offenheit, mit der einem die Menschen entgegenkommen, besonders dann, wenn man ihre Sprache spricht. Und dann die ungeheure Energie und Dynamik, die dort herrscht.

Hat Sie manches auch verstört? Gab es eine Art ›Kulturschock‹?

Die oben genannten Qualitäten können auch verstörend sein, nämlich dann wenn einem zu viel Interesse, zu viel Neugier zu viel Fürsorglichkeit entgegengebracht wird und kein Freiraum, keine Privatsphäre mehr bleibt. Das kann recht anstrengend werden. Es gibt da das chinesische Adjektiv "renao" - wörtlich übersetzt: "heiß und laut", es wird in China grundsätzlich positiv verwendet, für Restaurants, in denen etwas los ist, oder Veranstaltungen, die einem gefallen haben. Wir Langnasen verbinden mit dieser Kombination nicht immer ein angenehmes Gefühl. Aber einen Kulturschock hat es nicht gegeben. Man stürzt sich ja mit großer Begeisterung in ein solches Unternehmen, zumal wenn man sich vorher so lange Zeit mit der Sprache und Kultur des Landes befasst hat. Da sind die Toleranzschwellen abgesenkt. Eher einen Praxisschock: Für einen Sinologen, der sich ja wissenschaftlich mit der Sprache befasst und viel liest, bleibt diese Schrift, die ja keine phonetische ist, vielfach stumm. Da kommt die lebendige Sprache mit ihren vier bedeutungsunterscheidenden Tönen wie ein Schock und bietet jede Menge Anlass zu Missverständnissen und Fettnäpfchen. Auch das Vokabular, was man für den Alltag braucht, lernt man nicht an der Uni. Der eigentliche Kulturschock hat mich erst nach der Rückkehr erfasst. Da sieht man seine Landsleute aus kritischer Distanz, und dabei schneiden sie nicht immer gut ab.

War diese eigene Erfahrung des Fremdseins eine Voraussetzung dafür, dass Sie Inas Geschichte auf diese Weise schreiben und verstehen konnten?

Ja, ganz sicher. Ich habe die ›richtige‹ Ina ja schon während meines Lehraufenthalts kennengelernt, aber die Ungeheuerlichkeit dieses Lebenswegs und sein erzählerischen Möglichkeiten sind mir erst so richtig klargeworden, nachdem ich meine eigene - im Vergleich dazu geregelte - Fremdheitserfahrung verdaut hatte. Ich hatte ja selbst miterlebt, wo es Irritationen zwischen diesen beiden Kulturen gibt. An Ina konnte ich beides zeigen, die Fremdheit im fremden Land und später die Fremdheit unter den eigenen Landsleuten. Ich glaube, so richtig angebissen hatte ich, als sie mir erzählte, dass sie in dem Schweizer Internat, in das sie nach den acht Jahren in Brandenburg kam, den Spitznamen "die Preussin" hatte. Das muss man sich vorstellen: eine chinesische Preussin! Dass subtile Unterschiede in Sprache und Verhalten so viel deutlichere Fremdheitssignale sein können als das offensichtlich andere Aussehen, das hat mich sehr beeindruckt.

Ihre Geschichte basiert auf einer realen Biographie, löst sich aber an vielen Stellen davon. Wie würden Sie das Verhältnis von Wirklichkeit und Fiktion, Wahrem und Erfundenem beschreiben? Haben Sie sich eher als Archäologin gefühlt, die Inas Leben rekonstruiert, oder als Architektin, die einen Entwurf macht, wie es gewesen sein könnte?

Weniger Rekonstruktion, als vielmehr Entwurf, der dann seine eigene Dynamik entwickelt hat. Die biographische Vorlage war - um im Bild zu bleiben - mehr ein Bebauungsplan; auf dem ist dann etwas gewachsen, ein Romangebäude und eine Figur mit Eigenleben. Die Dame, die heute Ende siebzig ist, war nicht meine Ina, aber sie betrachtet dieses fremde und zugleich vertraute Kind mit Rührung und Wohlwollen. Was ich mir im Sinne von Rekonstruktion erarbeiten musste, das waren die historischen Fakten und Zusammenhänge, und das Alltagsleben in der Nazi-Zeit. Dazu habe ich viele grimmige Tage mit dem Völkischen Beobachter und anderen Quellen in der Bibliothek verbracht. Zum Glück hatte ich zu Beginn der Recherchen auch noch eine Mutter, die ich befragen konnte, was sie damals erlebt hat, wie man lebte, kochte, Eisenbahn fuhr, den Alltag in Kriegs- und Vorkriegszeiten meisterte. Die Zeitzeugen aus dieser Epoche werden immer weniger. Wir sollten mit ihnen reden. Ich bin froh, dass dieses Buchprojekt uns Gelegenheit dazu gab.

Wie hat die ›wirkliche‹ Ina reagiert, als Sie von Ihrem Plan erzählten, ihre Geschichte aufzuschreiben?

Eigentlich hat die ›wirkliche‹ Ina den Stein ins Rollen gebracht. Sie war jemand, der mir in der ersten Zeit in Taiwan sofort ihre Hilfe anbot, als ich, noch etwas ratlos und ob des subtropischen Klimas schwitzend in meinem neuen Leben stand: Wo bekommt man das Netzteil, das unsere Elektrogeräte für die dort üblichen 110 Volt tauglich macht? Wo gibt es etwas, was unserem Schwarzbrot ähnelt? Wie gebietet man der Mäuse- und Kakerlakenplage Einhalt? Und was tun im Fall von plötzlich auftretenden Zahnschmerzen? Alles konnte man sie fragen. Irgendwann später traute ich mich dann auch zu fragen, wo sie ihr hervorragendes Deutsch gelernt hatte, das so akzentfrei war, wie man es eigentlich nur als Kind lernen kann. Nachdem wir uns näher kennengelernt hatten, hat sie mir ihre Geschichte erzählt und eine Keksdose mit termitenzerfressenen Photos hervorgeholt, von denen nun eines den Umschlag ziert. Da fiel dann auch der Satz: "Eigentlich sollte man das aufschreiben, aber ich selbst kann das nicht." Der Stein musste lange rollen, bevor er bei mir ankam. Nach meiner Rückkehr habe ich ihr per Brief meinen Plan unterbreitet, daraus ein Jugendbuch zu machen, und sie war sofort einverstanden. Bei meinem nächsten Besuch in Taiwan haben wir uns viele Nachmittage lang unterhalten. Da entstand der Bebauungsplan.

›Ina aus China‹ ist, nach einigen Sachbüchern und vielen Übersetzungen, Ihr erster Roman. Welche Erfahrungen haben Sie beim Schreiben gemacht? Und ist es Ihnen schwergefallen, die Figur am Ende loszulassen?

In jedem Übersetzer steckt wohl letztlich der Wunsch, auch Autor zu sein, einmal nicht den Sätzen anderer hinterherzuschreiben. Und natürlich ist es verblüffend, wenn man merkt, wie sich die Figuren plötzlich verselbständigen, ein Eigenleben bekommen. Man denkt sich eine Szene aus und muss sich dann sagen: "Nein, so hätte meine Ina nicht reagiert." Woher weiß ich das? In diesem Moment hat die Figur so viel an Kontur gewonnen, dass ich die fiktionale Realität - zu der sie ja selbst auch gehört - an ihr überprüfen kann. Das macht Spaß.

Inas Geschichte zeigt, dass es Berührungspunkte in der Geschichte zweier einander so ferner Länder wie China und Deutschland gibt.

Ich glaube, ein interessanter Aspekt an Inas Geschichte ist, wie Kriege immer wieder in ihr Leben hineingespielt haben. Plötzlich merkt man, dass das letztlich ein und derselbe Krieg war. Es ist hierzulande wenig bekannt, wie der Pazifische Krieg in den Zweiten Weltkrieg überging, ja im wörtlichen Sinn seinen Startschuss gab. Für Ina bedeutete das, dass sie sich immer wieder fragen musste, wer von den Kriegsparteien nun Freund oder Feind ist. Auch die bis in den Boxerkrieg zurückreichende Freundschaft der Familien Chen und von Steinitz, zeigt historische Berührungspunkte beider Länder. Aus einer kriegerischen Begegnung der beiden Völker ist eine individuelle Freundschaft entstanden, die es dem kleinen Mädchen zwei Generationen später ermöglichte, sich während eines weiteren Krieges in Sicherheit zu bringen. Da konnte ja noch niemand wissen, dass sie praktisch vom Regen in die Traufe kam.

Sie übersetzen aus dem Englischen und dem Chinesischen und sind für Ihre Arbeit 2007 mit dem renommierten C.H. Beck Übersetzerpreis ausgezeichnet worden. Was ist für Sie das Besondere am Übersetzen?

Dass diese Arbeit nie langweilig wird, da jeder Auftrag, jedes übersetzte Buch eine neue Herausforderung ist. Meist entwickelt man schon beim ersten Lesen im Kopf einen Tonfall für den literarischen Text, hört, wie er später im Deutschen klingen könnte. Ihn dann stimmig Satz für Satz und vorbei an allen Fallgruben und Fußangeln ins Deutsche zu bringen, dazu braucht man viel handwerkliches Können, Geduld und Sitzfleisch. Wie oben gesagt, ein Ausflug in die Welt eigener literarischer Fiktion ist zwischendurch eine schöne Abwechslung. Da kann man mal selbst die Puppen tanzen lassen.


Interview: Susanne Krones/dtv

Alle Bücher von Susanne Hornfeck

6 Titel
Ansicht
Susanne Hornfeck, Nelly Ma

China in kleinen Geschichten

Texte für Einsteiger *

Ein buntes chinesisches Kaleidoskop von chinesischer Küche über Pekingoper bis zur Großen Mauer.

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Taschenbuch
x 9,90 €

Susanne Hornfeck, Nelly Ma

Chinesische Hausmittel

Heilwissen aus dem Reich der Mitte

Chinesische Medizin für den Alltag: bewährte Rezepte und Tipps für jede Lebenslage, um das ganze Jahr über gesund zu bleiben.

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Susanne Hornfeck, Nelly Ma

Die acht Schätze der chinesischen Heilküche

»Dieses Buch ist ein echtes Schatzkästchen an Tipps und Rezepten für Gesundheit, Schönheit und Wohlbefinden.« Die Aktuelle

Erhältlich als: Taschenbuch, E-Book
Taschenbuch
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Susanne Hornfeck

Ina aus China

oder: Was hat schon Platz in einem Koffer
Roman

1937 kommt die 7-jährige Chinesin Yinna aus Shanghai nach Brandenburg, um bei der Offizierswitwe Frau von Steinitz in Sicherheit zu leben. Doch der Krieg holt Yinna auch in Europa ein.

Erhältlich als: Taschenbuch
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Susanne Hornfeck

Mulan
Verliebt in Shanghai

Roman

Mulan soll ihre chinesische Verwandtschaft besuchen - aber als Tochter eines Deutschen und einer Chinesin tut sich die Münchnerin mit ihrem fernöstlichen Erbe schwer.

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Susanne Hornfeck

Torte mit Stäbchen

Eine Jugend in Schanghai
Roman

Die abenteuerliche Geschichte eines jungen Mädchens im Schanghai der 30er- und 40er-Jahre.

Erhältlich als: E-Book, Klappenbroschur, Taschenbuch
Taschenbuch
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Susanne Hornfeck (Hrsg.), Nelly Ma (Hrsg.)

Erste chinesische Lesestücke

Texte für Einsteiger *

Eine Auswahl an kleinen populären, klassischen sowie modernen Texten und zugleich ein Einblick in eine ferne Kultur.

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Taschenbuch
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Salzwasser

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Meer, Sand, Wind, ein Haus in den Dünen. Feinfühlig und klar erzählt Charles Simmons in Anlehnung an Turgenjews Novelle "Erste Liebe" vom Verlist der Unschuld.
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Schakale in Shanghai

Oberinspektor Chens achter Fall
Kriminalroman

Der achte Fall für Oberinspektor Chen Cao vom Sonderdezernat Shanghai wird zur gefährlichsten Untersuchung seines Lebens.

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x 10,95 €

99 Särge

Oberinspektor Chens siebter Fall
Kriminalroman

Der siebte Fall für Oberinspektor Chen. Ein fesselnder Krimi mit hochbrisanter Thematik, der tief in Chinas Abgründe blickt.

Erhältlich als: Taschenbuch
Taschenbuch
Bandnummer: 7
x 11,95 €

Tödliches Wasser

Oberinspektor Chens sechster Fall
Kriminalroman

Der sechste Fall für Oberinspektor Chen: Während seines Urlaubs am Taihu-See kommt es zu einem Mord und einer Undercoverermittlung.

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Taschenbuch
Bandnummer: 6
x 11,95 €

Blut und rote Seide

Oberinspektor Chens fünfter Fall
Kriminalroman

»Die Fähigkeit von Qiu Xiaolong, Kulturgeschichte mit Spannungsplots zu verzahnen, hat im Krimi-Genre Seltenheitswert. Auch deshalb: Mach’s noch einmal, Chen Cao!« Hendrik Werner in ›Die Welt

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Taschenbuch
Bandnummer: 5
x 8,95 €

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