Portrait des Autors Thomas Harding

Thomas Harding

Thomas Harding ist Journalist und Autor und lebt heute mit seiner Familie in Hampshire/England. Er schrieb für Zeitungen wie ›The Guardian‹, ›The Sunday Times‹, ›The Independent‹ und die ›Financial Times‹. Er ist Mitbegründer eines Fernsehsenders in Oxford und gab lange Jahre eine vielfach mit Preisen ausgezeichnete Zeitung in West Virginia heraus.

Interview

Der Autor über die Entstehung des Buches

Warum haben Sie dieses Buch geschrieben?

Ursprünglich wollte ich einfach herausfinden, ob mein Großonkel tatsächlich den Kommandanten von Auschwitz aufgespürt und festgenommen hatte. Das führte mich dann zu der Frage: Was veranlasst einen deutschen Juden zurückzukehren und seinen Nazi-Verfolgern gegenüberzutreten? Und als er ihn gefunden hatte, was tat er? Darüber wollte ich dann mehr über den Täter erfahren. Ich wollte herausfinden, wie man der Kommandant von Auschwitz wird. Was sind die Schritte? Was sind die Schlüsselmomente? Dafür musste ich seine Familie finden. Das war mehr als genug Motivation, um mich in dieses Abenteuer zu begeben.

Wie haben Sie reagiert, als Sie erfahren haben, dass Ihr Großonkel ein Nazi-Jäger war?

Ich war überrascht, schockiert und fasziniert. Der Gedanke war unglaublich, dass jemand in meiner eigenen Familie ein Nazi-Jäger gewesen war. Dass es mein Großonkel war, ein Mann, der gerne Dummejungenstreiche spielte, Geschichten erzählte und bei Familienfesten auf die Queen anstieß, war schwer zu glauben. Mein Interesse war geweckt und ich war entschlossen, die Wahrheit zu ermitteln. Im Zuge meiner Recherchen habe ich dann nicht nur erfahren, dass mein Großonkel tatsächlich der Mann war, der den Kommandanten von Auschwitz gestellt und gefangen genommen hatte, sondern auch, dass es sich dabei um eine außergewöhnliche Geschichte handelt.

Wie hat sich Ihr Bild von Ihrem Großonkel verändert?

Bevor ich die Grabrede auf meinen Großonkel hörte, war Hanns für mich ein Witzbold, ein legendärer Charakter, jemand, der uns Kindern gerne schmutzige Witze erzählte, der länger in der Synagoge blieb, um die Möbel wegzuräumen. Der die Trinksprüche bei Familienfeiern ausbrachte und der gerne bei besonderen Anlässen das Gedicht „If“ von Rudyard Kipling vorlas. Jetzt, nachdem ich sieben Jahre auf das Buch verwendet habe und er so lange mein Forschungsobjekt war, sehe ich ihn als einen komplexeren Charakter. Er war ein Mann voller Zorn und Enttäuschung, er weigerte sich, einen Fuß nach Deutschland zu setzen, und er wollte nicht über seine Kriegserlebnisse sprechen. Zugleich bin ich voller Bewunderung für einige der Entscheidungen, die er traf.

Wusste Ihre Familie, dass Ihr Großonkel ein Nazi-Jäger war?

Es gab Gerüchte in der Familie über die Kriegstaten meines Großonkels. Aber diejenigen, die „etwas“ gehört hatten, glaubten das nicht. Der Rest von uns, einschließlich Hanns‘ beider Töchter, hatte keine Ahnung, dass er mit der Aufklärung von Kriegsverbrechen befasst gewesen war, geschweige denn, dass er den Kommandanten von Auschwitz festgenommen hatte. Warum er das verschwiegen hat, ist eine der Fragen, die ich ihm gerne stellen würde. Vielleicht wollte er diese dunklen Tage nicht erneut durchleben oder er wollte uns, die nächste Generation, damit nicht belasten oder er wollte nicht den alten Hass wecken. Wahrscheinlich war es eine Kombination aus all diesen Motiven.

Warum wurde diese Geschichte nie zuvor erzählt?

Das ist eine sehr interessante Frage. Ich denke, ein Grund ist, dass er ein bescheidener Mann war, jemand, der sich nicht in den Vordergrund drängte. Es war auch typisch für diese Generation: Viele, die im Krieg gekämpft hatten, wollten über ihre Erlebnisse nicht sprechen. Ein weiterer Grund mag gewesen sein, dass er, wenn er doch von seinen Kriegserfahrungen erzählte, in Anekdoten sprach, sodass niemand seine Geschichten in einen Zusammenhang bringen konnte. Die Gefangennahme des Kommandanten wurde zuvor bereits erzählt, und zwar vom Kommandanten selbst in seinen autobiografischen Aufzeichnungen, aber diese Version ist unvollständig und einseitig.

Zu welchem Zeitpunkt in Ihrem Arbeitsprozess hatten Sie die Idee, eine Doppelbiografie zu schreiben?

Am Anfang war ich einzig und allein an meinem Großonkel Hanns interessiert. Ich wollte wissen, ob er ein Nazi-Jäger war, ob er wirklich den Kommandanten verhaftet hatte, warum er das getan hatte, was die Folgen davon waren, welche Entscheidungen er getroffen hatte usw. Dann begann ich schnell, mich für Rudolf Höss zu interessieren. Schließlich wurde mir bewusst, dass beide Deutsche waren und dass sie, obschon verschiedenen Alters (Rudolf Höss ist ca. 15 Jahre älter als Hanns Alexander), in vielem den gleichen äußeren Einflüssen ausgesetzt waren. Ihre Lebenswege divergierten dann, um sich am Ende zu treffen. Da hatte ich die Idee, eine Doppelbiografie zu schreiben. Für die Strukturierung des Buches habe ich dann noch länger gebraucht. Eine Zeit lang begann ich mit einem Kapitel, das das frühe Leben von Hanns‘ Vater beschrieb, sodass ich beide Erzählfäden um 1901 beginnen lassen konnte. Aber dann verstand ich, dass das den Leser dazu verleiten würde, zu glauben, dass die Geschichte von Alfred handeln, und ihn so irreführen würde. Außerdem musste ich mir über meine Erzählhaltung klar werden. Anfänglich schwebte mir eine Geschichte über HANNS und HÖSS vor, meinen sympathischen Onkel, den Helden, und den Kommandanten, den eindimensionalen Schurken. Heute verstehe ich, dass dieses Höss-Bild einfacher für mich war, es erlaubte mir, Distanz zu wahren und mich nicht emotional verwickeln zu lassen. Schlussendlich wurde mir klar, dass ich beide Geschichten aus einer persönlichen Perspektive erzählen musste, auf einer menschlichen Ebene, so kam es zu HANNS und RUDOLF.

Wie hat sich das Schreiben von Hanns und Rudolf auf Sie ausgewirkt?

Meine Perspektive hat sich verändert. Ich war erstaunt, dass ein Mann von seiner Familie geliebt werden und zugleich einen der größten Massenmorde der Geschichte beaufsichtigen kann. Ich war verblüfft über die Entwicklung meines Großonkels vom jugendlichen Leichtfuß zum kaltblütigen Nazi-Jäger. Ich war überrascht, dass ich diesen Menschen so gut und doch wieder überhaupt nicht kannte. Vor allem war ich überwältigt von dem Gefühl, dass Menschen sehr komplexe Wesen sind, dass es keine einfachen Erklärungen gibt und dass Hanns und Rudolf nicht als Schablonen oder eindimensionale Charaktere betrachtet werden sollten.

Wie hat Ihre Familie darauf reagiert, dass Sie dieses Buch geschrieben haben?

Am Anfang hat sich meine Familie dagegen gesträubt. Ihnen gefiel nicht, dass ich all diese alten Geschichten hervorkramte und unsere schmutzige Wäsche in die Öffentlichkeit hängen könnte. „Was soll das Ganze?“, fragten sie. Vor allem glaubten sie nicht, dass die Geschichte wahr sein könnte. Aber als ich Fortschritte erzielte und sie davon überzeugen konnte, dass Hanns tatsächlich den Kommandanten von Auschwitz verhaftet hatte, unterstützten sie mich. Ohne ihre Unterstützung hätte ich das Buch gar nicht schreiben können. Ein Cousin gab mir zwei Kisten mit Briefen von Hanns und Paul aus den 1940er Jahren. Ein anderer überließ mir Fotos aus den 1920er und 1930er Jahren. Ein dritter übergab mir Tonaufzeichnungen von Gesprächen mit Hanns und seinen Geschwistern. Jetzt sind sie natürlich sehr erfreut über das Buch und stehen voll dahinter, sonnen sich in seinem Erfolg und überzeugen alle ihre Freunde, es zu kaufen!

Es werden nicht für immer neue Bücher mit Augenzeugenberichten der Zweiter-Weltkriegs-Generation erscheinen. Wie können wir sicherstellen, dass diese Geschichte nicht vergessen wird?

Bei der Arbeit an diesem Buch wurde mir bewusst, dass gerade die letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs versterben. Das verlieh meinen Recherchen zusätzliche Dringlichkeit und ich bemühte mich, so viele Augenzeugenberichte wie möglich zu sammeln. Zudem habe ich erfahren, dass außergewöhnliche Anstrengungen unternommen worden sind, um die Erinnerungen dieser Zeitzeugen aufzuzeichnen. Die Shoah Foundation (gegründet von Steven Spielberg) hat zum Beispiel die Zeugenaussagen Tausender Menschen aufgenommen, darunter Auschwitzüberlebender, die Rudolf Höss erlebt haben. Diese Videoaufnahmen sind in Forschungszentren in den USA und der ganzen Welt zugänglich.

Wie sind Sie mit der Erforschung und dem Erzählen der Gräueltaten umgegangen und fertiggeworden?

Das war sehr hart. Die Besuche in den Lagern waren sehr schwierig für mich, ich war dreimal in Auschwitz. Das erste Mal allein, das zweite Mal mit Reiner Höss und seiner Mutter und das dritte Mal mit Überlebenden aus meiner Synagoge. Besonders mitgenommen haben mich die von der Shoah Foundation aufgezeichneten Zeugenaussagen von Überlebenden, der Schmerz und das Leiden sind immer noch so nahe. Aufwühlend waren auch die Gespräche mit Höss‘ Tochter Brigitte, sie machten das Ganze sehr real und sehr menschlich, unmöglich, es zu objektivieren. Fast am Ende des Schreibprozesses hat mein Agent mir geraten, mehr über den „Horror“ zu schreiben. Damit meinte er, ich sollte expliziter und anschaulicher über die Gräueltaten schreiben. Daraufhin habe ich die Szene über die Berge brennender Leichen und das Aufsammeln und Auskippen des Fetts mit Eimern. geschrieben. Dieses Bild hat mich angewidert. Ich fand es extrem schwierig, das darzustellen. Es vermittelt jedoch einen Teil des wahren Horrors und daher gehörte es in den Text. Mir war es sehr wichtig, nicht den Horror in der Absicht zu vermeiden, aus dem Buch eine einfachere Lektüre zu machen.

Welche Quellen haben Sie für das Buch benutzt?

Ich hatte Zugang zu diversen Quellen für Rudolfs Seite der Geschichte: Rudolfs Memoiren, die er 1946/47 im polnischen Gefängnis schrieb und die zuerst auf Polnisch und später auf Deutsch und auf Englisch und in der ganzen Welt publiziert wurden. Die meisten Historiker betrachten diese Quelle nicht nur als zuverlässig, sondern als wichtigen Teil der Beweise für den Holocaust, auch wenn bestimmte Passagen aus durchsichtigen Motiven geschrieben sind und es Beispiele für Unwahrheiten und Widersprüche gibt. Den Briefen, die Rudolf aus dem Gefängnis schrieb. Interviews mit seinen Angehörigen, darunter eine seiner Töchter, eine Schwiegertochter und ein Enkelsohn. Familienfotos aus der Zeit, als die Familie in der Villa direkt neben dem Konzentrationslager Auschwitz lebte. Interviews, die ich mit Menschen geführte habe, die Rudolf kannten: vom amerikanischen Ankläger in Nürnberg, der den Kommandanten einige Tage lang befragt hatte, bis zum Frisör, der ihm drei Jahre lang jede Woche die Haare geschnitten hatte. Aufzeichnungen von Interviews mit Menschen, die persönliche Erinnerungen an den Kommandanten hatten, wie sie im Auschwitz Museum und in der Form von Videoaufnahmen bei der Shoah Foundation vorliegen. Prozessunterlagen vom Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess, aber auch vom Belsen-Prozess, den Frankfurter Auschwitzprozessen und Rudolfs Prozess in Polen.

Wie konnten Sie sachlich sein angesichts der Grausamkeiten, die in dem Buch geschildert werden?

Die Objektivität ist beabsichtigt. Es wäre einfach gewesen, Urteile zu fällen – „Rudolf war ein schrecklicher Mann“, „Rudolf beaufsichtigte eine Gräueltat“, „Hanns war brutal zu seinem Gefangenen“ etc. Aber ich habe mich entschieden, das nicht zu tun. Warum? Weil ich dachte, der Texte würde sehr viel stärker werden, wenn ich es dem Leser überlassen würde, sich sein Urteil zu bilden. Ich halte das nach wie vor für die richtige Entscheidung. Die Handlungen der beiden Männer sprechen für sich selbst. Mir war das wahrscheinlich deshalb möglich, weil ich jahrelang als Journalist, insbesondere als investigativer Journalist geschrieben habe. Als solcher präsentiert man die Fakten forensisch, mit so wenig Voreingenommenheit wie möglich. Bei der Manuskriptbearbeitung habe ich versucht, alle Wertungen aus dem Text zu streichen, abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen, als es darum ging, Rudolf Höss‘ autobiografische Aufzeichnungen einzuordnen.

NEWS

Aktuelles
18.07.2016
Thomas Harding hat die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt - als Reaktion auf das Brexit-Votum

Seine jüdischen Urgroßeltern und ihre Kinder mussten in den 30er-Jahren nach England fliehen. Mehrere Mitglieder der Familie wurden im Holocaust ermordet. Lange fiel es Thomas Harding schwer, den Deutschen zu vergeben. Dann begann er, sich mit der Geschichte seiner Familie und Deutschland zu befassen. Er schrieb ein Buch über ›Hanns und Rudolf‹, seinen Großonkel Hanns Alexander, der als britischer Soldat nach dem Krieg Rudolf Höß, den Kommandanten von Auschwitz, aufgestöbert hatte. Als er erfuhr, dass das alte Sommerhaus seiner Familie am See von Groß Glienicke, das die Zeiten wie durch ein Wunder überstanden hatte, abgerissen werden sollte, besuchte er es noch einmal und beschloss, das Haus zu retten. Mit vielen engagierten Mitstreiterinnen und Mitstreitern gelang es, den Abriss zu verhindern. Inzwischen steht das ›Sommerhaus am See‹, dessen Geschichte Thomas Harding in seinem jüngsten Buch erzählt, unter Denkmalschutz. (www.alexanderhaus.org)

Am Tag des Brexit-Votums erfuhr Thomas Harding nun, dass die Bundesregierung 140.000 Euro für die Restaurierung und die Umwandlung in eine internationale Begegnungsstätte zur Verfügung stellt. Er beantragte die deutsche Staatsbürgerschaft. Als Nachfahre ehemaliger deutscher Staatsbürger hat er einen Anspruch darauf. Aber sein eigentliches Motiv ist das Entsetzen darüber, dass Großbritannien Europa spaltet, während Deutschland alles versucht, um Europa zusammenzuhalten.

(Brexit drove me to embrace my German roots, www.theguardian.com, 2. Juli 2016)

Alle Bücher von Thomas Harding

2 Titel
Ansicht
Thomas Harding

Sommerhaus am See

Fünf Familien und 100 Jahre deutscher Geschichte

Niemand, der dort lebte, hat das kleine Holzhaus am See von Groß Glienicke je vergessen. Zu den berühmtesten Gästen zählen Albert Einstein, Lotte Jacobi, Max Reinhardt und viele andere Künstler und Wissenschaftler der Berliner Gesellschaft.

Erhältlich als: Hardcover, E-Book

Thomas Harding

Hanns und Rudolf

Der deutsche Jude und die Jagd nach dem Kommandanten von Auschwitz

Die Geschichte zweier Menschen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Der eine: Anhänger des Nationalsozialismus, Täter. Der andere: ein Nazi-Jäger.

Erhältlich als: Taschenbuch, E-Book
Taschenbuch
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