Amanda Hodgkinson: 22 Britannia Road

Eine Empfehlung von Patricia Reimann, dtv Lektorat Literatur

Liebe und Lüge in Zeiten des Friedens

Amanda Hodgkinsons Roman um eine kleine, jahrelang getrennte Familie, die nach dem zweiten Weltkrieg versucht, in England Fuß zu fassen und zusammenzuwachsen, ist von eindringlicher Bildkraft und voll tiefer Gefühle. Ein Roman für alle, die sich gerne davontragen lassen in eine Welt, die vergangen ist und doch ganz gegenwärtig durch die Lebendigkeit der Menschen, die sie bevölkern, durch die Glaubwürdigkeit ihrer Ängste und Zweifel, ihrer Geheimnisse und Sehnsüchte.

Ein Roman, den zu entdecken, nicht nur mich als Lektorin beglückt hat. Ich fühlte mich erinnert an die besten Passagen in Sadie Jones‘ gefeiertem Roman ›Der Außenseiter‹.

Als Amazon-pick of the Month war ›22 Britannia Road‹ in England gleich nach Erscheinen schnell in aller Munde. Buchhandel und Leser waren begeistert von einer neuen Autorin, die mit großer erzählerischer Sicherheit und sprachlicher Sensibilität einen reichhaltigen Stoff atmosphärisch dicht zu gestalten weiß.

»Janusz findet, das Haus sieht aus, als könne es Glück bringen. Er tritt ein paar Schritte zurück, um sich die Nummer 22 in der Britannia Road besser ansehen zu können, und bewundert das schmale rote Backsteinhaus mit seinen drei Fenstern und der blauen Tür. In der Tür ist ein Buntglasfenster eingesetzt: ein gelber Sonnenaufgang, umrahmt von Grün, in der Mitte eine Blaumeise. Das Ganze ist so typisch englisch, dass er lächeln muss. Aber genau danach hatte er gesucht.«

Ein idyllischer Roman? Romantische Phantasien? Der Schein trügt. Janusz blickt einer ungewissen Zukunft entgegen. Der zweite Weltkrieg hat ihn von Polen nach England verschlagen, hinter ihm liegen Jahre auf der Flucht, Angst und Einsamkeit. Hat dieses kleine englische Glück, das ihm vorschwebt, Aussicht auf Gelingen? Wird er eine Liebe, die er in Frankreich zurückließ, vergessen können? Das Haus, der Garten, den er anlegen wird, ist wie ein Versprechen für Janusz. Ein Versprechen, das er sich selbst gibt…

Silvana, seine Frau, und Aurek, der kleine Sohn, haben in den Wäldern Polens überlebt, ein Nebel aus Schrecken und Verlust umgibt sie. Und Liebe. Eine Liebe, in der nun Platz für einen dritten werden muss. Sieben Jahre hat Janusz die beiden nicht mehr gesehen. Als sie in der Victoria Station schließlich auf ihn zukommen, sind all die Sätze, die er sich für diesen Augenblick zurechtgelegt hatte, vergessen und er sagt, »dein Haar, Silvana, was ist mit deinem Haar?«

Amanda Hodgkinson erzählt in fein nuancierter und einfühlsamer Sprache von dem schwierigen Versuch dreier Menschen eine Familie zu werden. Sie erzählt von Niederlagen und Neuanfängen und von dem Zauber, der von einem gemeinsam geträumten Traum ausgehen kann.

Patricia Reimann, dtv Lektorat Literatur

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