Anja Goerz:
›Der Osten ist ein Gefühl. Über die Mauer im Kopf‹

Eine Empfehlung von Daniel Bussenius, dtv Lektorat Sachbuch

Als Westdeutscher, der nicht im Osten des Landes lebt, ist man ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall vielleicht geneigt, das Ost-West-Thema für erledigt zu halten. Zumal ja die beiden Spitzenämter im Staat, Bundeskanzler und Bundespräsident, mit Ostdeutschen besetzt sind. Anja Goerz, eine westdeutsche Rundfunkmoderatorin, hat selbst lange zu dieser Haltung tendiert. Sie arbeitet allerdings beim Rundfunk Berlin-Brandenburg, der Sendeanstalt der ARD, die aus einer Fusion eines Ost- und eines Westsenders hervorgegangen ist, und so erinnert sie mit ihrem Buch daran, dass dies keineswegs der Fall ist – zumindest aus Sicht der Bundesbürger mit ostdeutscher Sozialisation.

Für das Buch hat sie unterschiedlichste Ostdeutsche und daneben auch einige Westdeutsche interviewt und porträtiert: vom ehemaligen Volkspolizisten, der, obschon jetzt bundesdeutscher Beamter, nie in der Bundesrepublik angekommen ist und für den die DDR bis heute das »bessere Deutschland« darstellt, bis zum Kabarettisten und Schauspieler Thomas Nicolai, der »der DDR keine Träne nachweint«.

Etliche der Porträtierten sind stolz auf bestimmte Eigenschaften der Ostdeutschen oder sehen in bestimmten Bereichen auch Vorzüge der DDR. So hält eine Polizistin, die seit frühen Kindesjahren im Westen gelebt hat, aber in einem ostdeutschen Elternhaus aufgewachsen ist, die Frauen aus dem Osten und deren Kinder für selbstständiger und unabhängiger und ein Spitzenkoch ostdeutscher Herkunft bescheinigt Ostlehrlingen mehr Biss als denen aus dem Westen. In den Augen des Kinokritikers und Rundfunkjournalisten Knut Elstermann sind die Ostdeutschen aufgeschlossener und gemeinschaftsorientierter im Gegensatz zu den viel individualistischeren Westdeutschen.

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Seine Journalistenkollegin Regine Sylvester, die so gar nicht dem westdeutschen Klischee einer Ostfrau entspricht, meint, dass die DDR für Frauen »das beste von allen Ländern« war: »Kostenlose Pille, man durfte Schwangerschaften unterbrechen, konnte die Kinder problemlos unterbringen, mit 60 in Rente gehen, fünf Jahre vor den Männern …« Darüber hinaus beklagen Elstermann und Sylvester, die sich von Berufs wegen den gesamten westdeutschen kulturellen Kosmos erschließen mussten, die herrschende Unkenntnis in umgekehrter Richtung.

Man erfährt in dem Buch auch Haarsträubendes sowie zumindest aus heutiger Sicht Lustiges. Etwa dass es das wohlhabende Publikum in einem Spitzenrestaurant in Westberlin in den 90er Jahren nach der Wiedervereinigung ablehnte, von Ostdeutschen bedient zu werden. Oder, wie der Sänger Sebastian Krumbiegel erzählt, dass zu DDR-Zeiten mal an der Leipziger Baumwollspinnerei plakatiert war: »Jeder Spinner ein Genosse«.

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