Anne Elliot oder die Kraft der Überredung

Buchempfehlung von Eva-Maria Prokop

Als bekennender Austen-Fan, was von den Büchern bis hin zu den Verfilmungen reicht, ist es mir natürlich immer ein Vergnügen, eine Neuübersetzung der Autorin im Lektorat zu betreuen.

Bei diesem Titel war es eine besondere Freude, zum einen, weil ›Anne Elliot‹ eine Sonderstellung im Werk der großen englischen Lady der Literatur einnimmt. Zum anderen wegen der virtuosen Übertragung von Sabine Roth, die dem deutschen Leser eine Lektüre ermöglicht, die dem Original in nichts nachsteht. Um so schöner war es, dass Sabine Roth im vergangenen Dezember, als wir mit der Redaktion in den letzten Zügen lagen, das erste Übersetzerstipendium des Freistaates Bayern verliehen wurde: Für eine Übersetzung, die „die Eleganz und Lebendigkeit des Originals aus dem Jahr 1817 bewahrt“.

Aber nun zur Story: Die Titelheldin Anne Elliot unterscheidet sich deutlich von anderen Protagonistinnen Jane Austens. Emma Woodhouse (›Emma‹), Elizabeth Bennet (›Stolz und Vorurteil‹) oder Elinor und Marianne Dashwood (›Verstand und Gefühl‹) haben alle etwas gemeinsam: sie sind jung, um die Zwanzig, und überaus attraktiv.

Anne hingegen ist unscheinbar, siebenundzwanzig Jahre alt und – für die damalige Zeit eine kleine Katastrophe – unverheiratet. Sie ist die mittlere von drei Töchtern des stolzen und eitlen Sir Walter. Die Mutter ist bereits verstorben, der Vater hat die Familie durch schlechtes Wirtschaften in Schulden gestürzt und die Schwestern sind kaltherzig und egoistisch. Lediglich Lady Russell, eine mütterliche Freundin, ist auf Annes Wohl bedacht. Doch sie war es auch, die Anne acht Jahre zuvor dazu überredet hatte, die Verlobung mit Captain Wentworth, ihrer großen Liebe, zu lösen. Seit diesem Zeitpunkt sind Annes Schönheit und ihr jugendlicher Charme verblasst, sie hat den Trennungsschmerz nie überwunden.

So ist die Ausgangssituation, als sich durch einen Zufall die Wege Annes und Wentworths erneut kreuzen. Doch acht Jahre sind eine lange Zeit, und die Wiederbegegnung verläuft – in Austen’scher Manier – nicht ohne Missverständnisse …

Der Leser darf nun mitfiebern, ob die Liebe über die gekränkte Eitelkeit siegen wird, und ob Anne in ihrem fortgeschrittenen Alter trotzdem noch ihr Glück finden wird.

Jane Austens letzter vollendeter Roman, der posthum veröffentlicht wurde, ist ein wunderbares Lesevergnügen. Für begeisterte Austen-Leser wie mich nicht zuletzt deshalb, weil er die Entwicklung der Autorin erkennen lässt. Diese wird besonders deutlich, wenn man das »ursprüngliche Ende« des Romans liest, das Jane Austen erst geplant hatte, dann aber wieder verwarf. Es ist im Anhang des Buches abgedruckt und gibt einen seltenen Einblick in die Schreibwerkstatt einer großen Schriftstellerin.

Eva-Maria Prokop, dtv Lektorin

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