Aris Fioretos:
Die halbe Sonne

Eine Empfehlung von Paul Berf, Übersetzer des Buches

Aris Fioretos: Die halbe Sonne
Über zwanzig Jahre ist es jetzt her, dass mir auf einem Empfang der schwedischen Botschaft ein junger schwedischer Literat namens Aris Fioretos vorgestellt wurde. Ich wusste, wer er war, da ich eine Kritik seines ersten Buchs gelesen hatte, der ich unter anderem auch entnehmen konnte, dass er dem erweiterten Spielerkader der schwedischen Handballnationalmannschaft angehörte. Handball hat mich nie sonderlich interessiert, so dass ich das Thema tunlichst nicht anschnitt, aber über unser gemeinsames Interesse an Literatur, insbesondere an Lyrikern wie Paul Celan und Gunnar Ekelöf, kamen wir auch so schnell ins Gespräch. Irgendwann erzählte er dann, dass er auf einem kleinen Literaturfestival in Österreich lesen solle und fragte, ob ich eventuell ein paar Texte von ihm übersetzen könne. Ich sagte zu.

Keiner von uns konnte damals wohl ahnen, dass aus dieser kurzen Begegnung eine jetzt schon mehr als zwanzig Jahre währende Arbeitsbeziehung werden sollte, in deren Verlauf mehrere Romane, Kurzprosa und Essays in Übersetzung veröffentlicht wurden. Nun erscheint sein zuletzt auf Deutsch erschienenes Werk ›Die halbe Sonne. Ein Buch über einen Vater‹ als Taschenbuch. Es ist sein persönlichster Text.

Aris Fioretos, Sohn einer österreichischen Mutter und eines griechischen Vaters, geboren und aufgewachsen in Schweden, zeichnet in ›Die halbe Sonne‹ ein ebenso anrührendes wie intellektuell anregendes Porträt seines griechischen Vaters, der – aus schwedischer Perspektive – auch ein ausländischer Vater ist, weshalb das Buch unter anderem fünfzig Thesen über ausländische Väter enthält. Erzählt wird das Leben dieses Vaters rückwärts, das Buch beginnt, als der Sohn den toten Vater ein letztes Mal sieht und der Wunsch in ihm keimt, ihn mit den Mitteln der Literatur wieder lebendig zu machen: »Ich würde dich gerne auseinandernehmen und wieder zusammensetzen. Ein Paparat. Gemacht aus allem, was du bist, wenn du nicht bist wie hier.«

In der Folge entsteht in kurzen, schlaglichtartigen Kapiteln nach und nach das Porträt eines Mannes von fast barocker Lebensfreude, der konstant über seine Verhältnisse lebte, aber auch eines Mannes, der große Teile seines Lebens als »ausländischer Vater« und Arzt im schwedischen Exil verbrachte. Aris Fioretos weiß, dass sein Porträt des Vaters letztlich immer ein mögliches Bild von ihm, ein Konstrukt oder »Paparat« bleibt, und deshalb lässt er den toten Vater, der im Buch konsequent »der Gesterbte« genannt wird, an mehreren Stellen zu Wort kommen und widersprechen:

»Ich weiß nicht, was du zu tun glaubst, mein Sohn. Aber in diesen Legenden erkenne ich mich nicht wieder. Kleine Umschläge? Ozeanische Gefühle? Ärmster? Das soll ich sein? So kann ich mich selbst unmöglich sehen. Ich bin, der ich war, ich war, der ich bin. Nicht deine Mosaiksteinchen, sondern die Fugen zwischen ihnen. Nicht dein Laub, sondern der Stamm und die Äste. Empfinden das nicht alle so? Was in einem Menschen Mensch ist, ist das, was ihn zusammenhält. Du musst dir ein zu einem Faden gezwirntes Adernetz vorstellen.«

Kurz vor diesem Einspruch des Vaters gegen die Version des Sohnes trägt ein Kapitel die Überschrift: »Warum verlässt ein Sechzehnjähriger sein Heimatdorf?« Die Antwort erfährt der Leser kurz vor Ende des Buchs und es geht in ihr um ein Trauma, das für den ganzen weiteren Lebensweg des Vaters von entscheidender Bedeutung war. Das Buch schließt mit der Geburt des Autors, also mit dem Moment, in dem aus einem jungen griechischen Mediziner in Schweden ein Vater wurde.

Aris Fioretos’ ›Die halbe Sonne‹ ist ein Buch über einen Vater, das diesen weder sentimental idealisiert, noch mit ihm abrechnet. Es ist vielmehr der Versuch, möglichst viele Facetten dieses Menschen und der Beziehung des Sohnes zu ihm einzufangen, um so ein vielschichtiges Porträt entstehen zu lassen, das den Leser gleichermaßen unterhält, anrührt und nachdenklich stimmt. In meinen Augen ist es nicht nur das persönlichste Buch des Autors, sondern auch sein bisher bestes.

›Die halbe Sonne‹ ist als Taschenbuch erhältlich:

Aris Fioretos
Die halbe Sonne

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