›Augustus‹ von John Williams

Eine persönliche Leseempfehlung

augustus

Augustus‹ von John Williams wurde von Bernhard Robben kongenial ins Deutsche übersetzt und erzählt kraftvoll und lebendig von Macht, Schicksal, Liebe und Freundschaft. Mich hat ›Augustus‹  von der ersten bis zur letzten Seite gefesselt und zutiefst berührt. Es ist für mich ein sehr kluger und emotionaler Roman, der höchst aktuelle Fragen stellt.

Auch wenn das Buch im antiken Rom spielt, ist es alles andere als ein historischer Roman. Dieses komplexe und vielschichtige Werk ist Entwicklungsroman, Briefroman, biographischer Roman, philosophischer Roman und vieles mehr.

»Falls es aber Wahrheit in diesem Werk gibt, dann handelt es sich um literarische, nicht um historische Wahrheit. Und ich bin all jenen Lesern dankbar, die dieses Buch als das nehmen, als was es gedacht ist – ein Werk der Imagination.« (John Williams)

Das alte Rom und seine berühmten Herrscher, Politiker, Dichter und Philosophen wie Augustus und Cicero, Cleopatra und Marcus Antonius, Vergil und Horaz werden durch die intensive, bilderreiche, klare Sprache zum Leben erweckt. Die Briefe erzählen aus unterschiedlichen Perspektiven von Machtspielen und Eifersucht, von Loyalität und Leidenschaft. Der Leser erlebt, wie aus einem unscheinbaren und blassen jungen Mann der mächtige Herrscher Augustus wird, stets wiederzuerkennen an seinen klaren blauen Augen.

»Er ist ein Mensch wie alle anderen auch und wird dank der Kraft seiner Persönlichkeit und den Zufällen des Schicksals zu dem werden, der er ist.«
(Athenodorus über Augustus)

Augustus trifft während seines Aufstiegs zum Gottkaiser taktisch kluge Entscheidungen und bleibt doch ein Mensch mit ungestillten Bedürfnissen und Fehlbarkeiten. Diese konfliktreiche Diskrepanz zwischen Individuum und Institution zieht sich durch den ganzen Roman. Trotz der Liebe zu seiner Tochter Julia verheiratet Augustus sie mit dem ungeliebten Tiberius und schickt sie später ins Exil. Rom nennt er seine »zweite Tochter«. Auch Julia und Augustus‘ Ehefrau Livia entwickeln sich zu klugen Machtmenschen und Strateginnen.

»Jetzt denke ich an die verschlungenen Pfade, auf denen eine Frau Macht entdecken, ausüben und genießen sollte. Sie kann sie nicht wie ein Mann durch Muskelkraft, Verstandeskraft oder durch bloße Begier erlangen; noch kann sie die Macht mit dem ungehemmten Stolz eines Mannes genießen, ein Stolz, der die Belohnung der Macht ist und sie nährt. Eine Frau muss in sich Wesenszüge der Macht erschaffen, die ihren Griff nach Macht und ihren Stolz verbergen.«
(Das Tagebuch der Julia)

Sowohl Stoner im gleichnamigen Campusroman als auch Will Andrews in ›Butcher’s Crossing‹ lassen sich von der Liebe führen: von der Liebe zur Literatur und der Liebe zur Natur. ›Augustus‹  erzählt von der Liebe zur Macht als einem urmenschlichen Antrieb und vom schmerzhaften, am Ende befreienden Prozess der Selbstwerdung. Eine absolute Leseempfehlung für alle Fans von John Williams und Literaturliebhaber überhaupt!

Eine Empfehlung von Christiane Schweitzer / dtv

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.