Benjamin Stein: Die Leinwand

Empfehlung von Matthias Kremp, dtv Lektorat Literatur

Ein Roman, zwei Geschichten – und ein Irrgarten trügerischer Erinnerungen

Es bleibt ins Belieben des Lesers gestellt, von welcher Seite des Buches aus er mit der Lektüre beginnen möchte. Denn Benjamin Stein präsentiert in seinem zweiten Roman, ›Die Leinwand‹, auf souveräne Weise zwei Geschichten, zwei Lebensläufe heutiger jüdischer Diaspora. Es sind die Berichte von Amnon Zichroni und Jan Wechsler, deren Lebenslinien sich nach und nach dichter ineinander verweben.

Nachdem der junge Zichroni in einer streng orthodoxen Talmudschule in Jerusalem bei der Lektüre von Oscar Wildes ›Bildnis des Dorian Gray‹ erwischt wurde, sieht sich sein Vater gezwungen, ihn in die Obhut eines guten Freundes nach Zürich zu schicken. Schon bald macht Zichroni dort die wiederholte und ungeheure Erfahrung, dass er die Erinnerungen anderer Menschen nachzuerleben vermag. Während seiner Ausbildung zum Psychoanalytiker trifft er auf den alten Geigenbauer Minsky, welchen er ermuntert, seine Erinnerungen niederzuschreiben: die Kindheitserinnerungen an die Katastrophe in den NS-Vernichtungslagern von Auschwitz und Majdanek.

Doch Jan Wechsler, ein aus Ostdeutschland stammender jüdisch-orthodoxer Journalist und Autor, und ebenjener Erzähler der zweiten Geschichte, wird das erfolgreiche Erinnerungsbuch Minskys als Fälschung entlarven und ihn als verstoßenes Kind Berner Eltern enttarnen. Als Folge dieses Skandals zieht sich Minsky immer mehr zurück und Zichroni verliert seine Zulassung.

Auch für Wechsler bleiben diese Ereignisse nicht folgenlos. Eines Tages wird ihm ein Koffer zugestellt, der ihm auf dem Flug von Tel Aviv nach München abhanden gekommen sein soll. Er kann sich jedoch partout nicht daran erinnern, obwohl das Adressetikett eindeutig seine Handschrift trägt. Als er bald darauf noch mit dem Verschwinden eines gewissen Zichroni in Verbindung gebracht wird, von dem er noch nie etwas gehört haben will, beginnt er an sich selbst zu zweifeln.

Stück für Stück lässt Benjamin Stein seine Figuren übermalte Schichten von der Leinwand des Selbst freilegen. Indem er dabei den realen Skandalfall um den Schriftsteller Binjamin Wilkomirski (eigentl. Bruno Dössekker) aufgreift, führt er den Leser in ein raffiniertes Vexierspiel um Identität und Erinnerung hinein. Zugleich ist ›Die Leinwand‹ ein leichtfüßig und farbig erzählter Roman, der eine jüdisch-orthodoxe Lebenswirklichkeit in einer nichtjüdischen Umgebung auf ernste, skurrile und komische Weise thematisiert – von den kleinen Fallstricken des Alltags bis hin zu existenziellen Fragen. Nehmen Sie sich Zeit für diesen Roman. Es lohnt sich!

Empfehlung von Matthias Kremp, dtv Lektorat Literatur

Ein Kommentar zu “Benjamin Stein: Die Leinwand

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.