Bessa Myftiu: An verschwundenen Orten

Eine Empfehlung von Katja Meintel, Übersetzerin

Mein Buchtipp aus der Übersetzerwerkstatt? ›An verschwundenen Orten‹ von Bessa Myftiu im sonnendurchfluteten Tirana zur Zeit des albanischen Kommunismus. Die junge Protagonistin – autobiografische Züge sind kein Zufall – wächst inmitten ihrer turbulenten Familie im Haus der Großeltern auf. Und schon beginnen die Orte, ihre eigenen Geschichten zu erzählen, von kleinen Begegnungen und großen Dramen im Alltag der Diktatur.

Da ist das geliebte Elternhaus, in dem die Legenden um die bizarre Doppelhochzeit der Großeltern weiterleben, das Nachbarhaus der ebenso schönen wie belesenen Prostituierten, die schattigen Hinterhöfe, Schauplatz erster Liebeleien und häuslicher Gewalt, und nicht zuletzt das Kleine Zimmer, das zum Schmökern, Träumen und Dichten verführt …

Mit Witz und leichter Feder berichtet Bessa Myftiu in ›An verschwundenen Orten‹ aber auch von der drohenden Deportation des schriftstellernden Vaters, den ein kritischer Roman in die Psychiatrie bringt und zum Kioskverkäufer degradiert. Die Tochter geht ihren eigenen Weg, mit Charme und unverbesserlichem Selbstvertrauen. Sie versucht sich auf der Schauspielschule und angelt sich eine Stelle als Journalistin bei einer hauptstädtischen Kunstzeitschrift. Dabei nimmt sie uns mit in die überraschende Künstlerszene des politisch isolierten Albaniens: zu abgedankten Diven, in Ungnade gefallenen Schauspielern, Schafe hütenden Dichterfürsten und romantischen Kulturministern.

Einfach hinreißend finde ich, wie hier die Menschen den Zwängen und Absurditäten von Diktatur und Tradition begegnen, wie sie sich das Träumen bewahren und Raum für die Liebe, für das Schöne und Poetische schaffen. Geistreich, leicht und melodiös erzählt Bessa Myftiu von einem Land hinter dem Eisernen Vorhang, das so fremd und bezaubernd wirkt wie die Märchen aus 1001 Nacht.

Eine Empfehlung von Katja Meintel, Übersetzerin

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