Bildnis eines Mädchens

Buchempfehlung von Katrin Wiederkehr

Mit ihrem zweiten Roman etabliert sich Dörthe Binkert definitiv als eine der Autorinnen, auf deren neue Bücher man wartet. Dieses Buch kann man genussvoll langsam lesen oder verschlingen – man wird es vermissen, sobald man es aus der Hand legt. Denn die unterschiedlichen Menschen, die im Sommer des Jahres 1896 im Grandhotel „Kursaal Maloja“ im Engadin aufeinandertreffen, werden so lebendig und stehen einem so sinnlich vor Augen, dass man sie zu kennen meint und gern noch ein wenig in ihrer Gesellschaft verweilen möchte.

Was höchst unterhaltsam, leicht und flüssig daherkommt, hat viele Ebenen und Facetten, denen man nach Lust und Laune lesend nachspüren kann. Erst auf den zweiten Blick wird deutlich, wie viel Menschenkenntnis in die messerscharfen Dialoge und gut recherchiertes Sachwissen in den Roman eingeflossen ist.

Im Zentrum der Handlung steht Nika und ihre Suche nicht nur nach ihrer Familie, sondern auch nach ihrem Platz in der Welt. Ihre Kraft, Begabung und Leidenschaftlichkeit setzt bei dem Maler Giovanni Segantini, der mit seiner Familie kurz zuvor nach Maloja gezogen ist, Unterdrücktes in Schwingung; Nika inspiriert ihn zu einem Gemälde und steht ihm auf ungewohnte und ihn verwirrende Weise ebenbürtig gegenüber. Dörthe Binkert versteht es meisterhaft, Bilder sprechen zu lassen und das Unbewusste in Bilder zu fassen.

Zum anderen begegnen wir Mathilde, dem unerfahrenen Bürgermädchen aus Zürich, das von ihrer lebenslustigen Tante Betsy zur Kur begleitet wird. Auch diese beiden Frauen stehen an einem Scheideweg, der nicht zuletzt durch die beiden Freunde Edward und James beeinflusst wird, die im Engadin ganz unterschiedliche Ziele verfolgen.

Spielort und Experimentierfeld für die „l`éducation sentimentale“ ist das Hotel hoch oben in den Bergen. Dort führt mit menschenkluger Hand Achille Robustelli nicht nur seine Angestellten. Unter seinem diskreten Blick sammeln, entwickeln, verwirren und entwirren sich auch die Schicksale seiner Gäste.

Dörthe Binkert zeichnet in diesem Roman nicht nur ein farbiges Bild der Bel Epoque und ihrer mondänen Gesellschaft vor dem Hintergrund der ganz und gar nicht glänzenden sozialen Bedingungen der allgemeinen Bevölkerung. Ihr Roman ist auch eine Liebeserklärung ans Engadin, dieses Sprungbrett zum Süden mit seinem einmaligen Licht.

Vor allem aber ist es der illusionslose und doch hoffnungsvolle Blick der Autorin, der Verständnis für menschliche Schwächen mit dem Glauben an die Entwicklungsfähigkeit ihrer Figuren verbindet, der dem Roman Wärme und Tiefe verleiht.

Ein ausgesprochenes Lesevergnügen.

Katrin Wiederkehr, Autorin

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