Buchrezension zu ›Küstenstrich‹

CorsFranzösischer Flair mal anders: Benjamin Cors hat mit Personenschützer und Ermittler Nicolas Guerlain so einen ganz anderen Helden geschaffen. Sein Roman ›Strandgut‹ wurde jüngst mit dem renommierten Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte »Debüt-Kriminalroman« ausgezeichnet. In ›Küstenstrich‹ lernen wir den eigenwilligen Nicolas Guerlain besser kennen.

Benjamin Cors braucht die Musik zum Schreiben. Sein neues Buch ›Küstenstrich‹ entstand unter den Klängen des französisch-libanesischen Jazzmusikers Ibrahim Maalouf. Und ohne jetzt ins Pathetische zu driften: So wie Ibrahim Maalouf eine in die Trompete geblasene Liebeserklärung an seine Stadt Beirut raushaut, so haut der Deutsch-Franzose Benjamin Cors in Küstenstrich eine auf das Papier gebrachte Liebeserklärung an die Normandie raus. Woran man das merkt? Die Normandie wird ungefiltert dargestellt. Ohne Chichi, überhöhtem »Französische Lebensart«-Getue, einfach authentisch. Und das ist auch das verdammt schöne an diesem herrlich kurzweiligen, zweitweise melancholisch angehauchten und unheimlich raffiniert konstruierten Kriminalroman.

Sein neuer Auftrag führt Personenschützer und Ermittler Nicolas Guerlain erneut in die Normandie. Doch noch bevor er Bekanntschaft mit seinem Auftraggeber machen kann, stößt er auf einen leblosen Körper in der Seine.
Zeitgleich, im verschlafenen, normannischen Dörfchen Deauville, ermittelt die Polizei im Rotlichtmilieu. Bei einer Razzia stoßen Luc Roussel und Sandrine Poulainc – beide bekannt aus Cors‘ ersten Roman ›Strandgut‹ – auf die Leiche einer blutjungen Frau. Bei dem Mädchen findet sich eine verblichene Postkarte, darauf zusehen die Leuchtreklamen am Londoner Piccadilly Circus, auf der Rückseite eine Telefonnummer. Als Roussel die Nummer wählt, hebt am anderen Ende prompt jemand ab. Jemand, mit dem Roussel im Leben nicht gerechnet hätte: Nicolas Guerlain …

Die Handlung ist ebenso fesselnd wie atmosphärisch dicht. Dabei schließt ›Küstenstrich‹ stilistisch perfekt an den Vorgängerroman an. Denn auch in Cors‘ neuem Krimi werden mehrere Handlungsstränge geschickt miteinander verwoben. Erneut gelingt es dem Autor mit einem feinen Gespür für Tempo und einer Menge Erzähltalent, den Leser in einen Sog zu ziehen. Die vielen wunderschönen Sequenzen über das französische Hinterland tun ihr Übriges. Neben den eigentlichen Mordfällen und vertrackten Ermittlungen, wird ein bewegender Vater-Sohn-Konflikt aufgeworfen. Es ist dieses Zerwürfnis mit seinem Vater, welches dem zunächst etwas blass wirkenden Nicolas Guerlain Tiefenschärfe verleiht. Die innerlichen Abgründe und charakterlichen Facetten des Hauptprotagonisten kommen nun immer deutlicher zu Geltung. Über allem schwebt nach wie vor das Verschwinden von Nicolas‘ Freundin vor mehr als drei Jahren. Die Suche nach Julie lässt Nicolas nicht zur Ruhe kommen und bestimmt weiterhin sein Leben.

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Mehrere Handlungsstränge laufen geschickt ineinander. Dafür braucht man eine gute Organisation.

Und jetzt, da die Entdeckungsreise zum Wesen von Nicolas Guerlain weiter vorangeschritten ist, wie steht man zu dieser zwiespältigen Gestalt? In einem Interview gibt der Autor selbst die passende Antwort: »Nicolas ist nicht der Typ, der fremde Menschen im Café ansprechen würde, er sitzt eher in der Ecke und beobachtet, während im Hintergrund Musik läuft. Er muss entdeckt werden, erst sieht man ihn nicht richtig, dann ein bisschen mehr, bis er schließlich Gestalt annimmt. Ich glaube, es war eher ich, der sich an seinen Tisch gesetzt hat und ihn gefragt hat, ob ich seine Geschichte erzählen dürfte. Mir hat die Melancholie in seinem Blick gefallen.«

Mir auch.

Linus Schubert / dtv

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