Das verlorene Bestiarium

Empfehlung von Felix Kaus

Seit jeher üben Fabelwesen und mythologische Kreaturen eine starke Faszination auf Xeno Atlas aus. Die Mutter bei der Geburt gestorben, der Vater ständig auf See, verlebt der Junge eine einsame Kindheit in der New Yorker Bronx der 1950er Jahre, mit seiner Großmutter und einem Schäferhund als einzig engen Vertrauten.

Nicholas Christopher: Das verlorene Bestiarium, dtv premium

Tierwelt und Fantasie entwickeln sich zu Zufluchtsorten vor einer tristen Realität. Mehrmals hat Xeno außeralltägliche Erfahrungen mit seltsamen Tiergestalten, die in Verbindung zu seiner Großmutter zu stehen scheinen. Doch erst Jahre später bringt ein Hinweis seines Geschichtslehrers den bibliophilen Internatsschüler auf die Spur des geheimnisvollen Karawanenbuchs, das ihn fortan in seinen Bann zieht.

Das verlorene Bestiarium‹, auch Karawanenbuch genannt, ist ein über die Jahrhunderte von Mönchen und Gelehrten immer wieder ergänztes Buch, das all jene Tiere kunstvoll in Bild und Text festhält, denen der Zugang zur Arche Noah verwehrt blieb. Als ursprünglicher Bestandteil der Heiligen Schrift ist seine Bedeutung kaum zu überschätzen, doch bereits im 13. Jahrhundert verliert sich seine Spur.

Nach dem Studium der alten Sprachen und einer erschütternden Kriegserfahrung in Vietnam, verschreibt sich der desillusionierte Xeno mehr denn je der Suche nach dem Karawanenbuch. Ein überraschender Fund in den Archiven der Hawaiianischen Universitätsbibliothek gibt seinen Hoffnungen neue Nahrung und es beginnt eine Reise, die den jungen Amerikaner in die Tiefen der Geschichte des alten Europa führt.

Über Paris gelangt Xeno ins Venedig der Achtziger Jahre und nahezu unbemerkt entwickelt der Roman eine Sogwirkung, die kontinuierlich an Intensität gewinnt. Allmählich scheint sich die Recherchearbeit des Protagonisten mit seiner Familiengeschichte zu verknüpfen, deren Ursprünge in Italien und Griechenland wurzeln. Dem Ziel näher kommend beginnt Xeno zu begreifen, dass er »die wilden Tiere außerhalb [s]einer selbst sucht, um jene in [s]einem Innern zu verstehen«.

Das verlorene Bestiarium‹ ist ein Abenteuerroman von einem, der auszog, in die Geschichte einzutauchen, um am Ende zu sich selbst zu finden. Nicholas Christophers Virtuosität besteht darin, an der Grenze zum Fantastischen zu kratzen, ohne die Glaubwürdigkeit seines Erzählers zu unterlaufen. Das Ergebnis ist Literatur der Extraklasse – stets mehr als nur Abenteuer, aber eben auch mehr als nur ein Roman.

Felix Kaus

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