Den ersten Stein

Empfehlung von Elisabeth Kurath, dtv Lektorat-Unterhaltung

»Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.« Dieser Satz aus dem Johannes-Evangelium ist gewissermaßen als Leitmotiv dem Roman von Elliott Hall vorangestellt. Während Jesus damit die Nächstenliebe  und die Macht der Vergebung verkündigt, will die Romanfigur des Bruder Isaiah gerade durch das Gegenteil, nämlich die Bestrafung aller, die nicht nach Jesu Willen leben, selbst Macht erlangen.

Elliot Hall: Den ersten Stein, dtv premium

Jetzt ist Bruder Isaiah tot. Und vielen dürfte das nicht gerade missfallen. Denn dass er mindestens genau so viele Feinde wie Verehrer hatte, liegt auf der Hand. Seine Jünger vom Kreuzzug der Liebe wissen sich nicht anders zu helfen, als den Mord vorerst zu vertuschen und einen Privatermittler mit der Aufklärung zu beauftragen. Doch warum ausgerechnet den New Yorker Detektiv Felix Strange? Er ist nicht nur überzeugter Atheist (mit einigem gutem Willen könnte man ihn höchstens als nicht praktizierenden Juden bezeichnen), sondern auch Veteran eines weiteren Golfkrieges und schon von daher gegen die militante Rechte, die in den USA immer mächtiger wird.

Der scharfsinnige Zyniker, der seinen sprechenden Namen wie einen Schutzschild vor sich herträgt, um nicht verrückt zu werden, erwirtschaftet sein täglich Brot eigentlich durch die Überführung der kleinen Fische: Versicherungsbetrüger und Ehemänner, die ihre Frauen hintergehen.

»Ich arbeitete von zu Hause aus oder wohnte in meinem Büro, je nachdem, wie man es sah. Der tintenfleckige Kiefernholzschreibtisch, an dem ich meine Arbeit erledigte, war groß genug, um mir Bedeutung zu verleihen. Die beiden Stühle, die davor standen, waren unbequem genug, um die Klienten zu ermuntern, schnell zur Sache zu kommen. Die Jalousie hinter meinem Schreibtisch hatte ich gekauft, um mit dem in schrägen Streifen einfallenden Sonnenlicht Irritationen hervorrufen zu können. Mein Büro war so, wie man sich das Büro eines Privatdetektivs vorstellt, einschließlich der Blockbuchstaben auf der Milchglasscheibe der Eingangstür. Klienten fanden das beruhigend.«

Jetzt soll er den Mord an Bruder Isaiah aufklären – ein großer Fall, das hatte er sich schon lange gewünscht, noch größer ist im Grunde nicht möglich. Ein Ungleichgewicht, das einen einfachen Schluss zulässt, findet Strange: Die Leute vom Kreuzzug haben also noch was mit ihm vor, denn an Zufälle glaubt er nicht … Da er aber keine Wahl hat und außerdem das Geld für den Auftrag dringend braucht, um sich Medikamente vom Schwarzmarkt zu besorgen (der Krieg hat seine Spuren hinterlassen), nimmt er an und gerät Schlag auf Schlag an die mächtigsten und gefährlichsten Leute des Landes, und weiß nicht mehr wer ihm Feind und wer sein Freund ist …

Mit seinem futuristischen Noir-Thriller ›Den ersten Stein‹ zeichnet Hall eine Dystopie, die gar nicht so weit entfernt scheint von politischen Zuständen wie wir sie aus Medienberichten nur allzu gut kennen. Er erzählt von einer repressiven Gesellschaft, die sich einem selbsternannten Heilsbringer der christlichen Fundamentalisten verschrieben hat und damit am Ende nur gehörig auf die Schnauze fallen kann, um es in Stranges Worten zu sagen.

Eine düstere, packende Story und vielschichtige Charaktere – mit Witz und Scharfblick geschrieben!

Elisabeth Kurath, dtv Lektorat-Unterhaltung

Leseprobe zu ›Den ersten Stein‹

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