Der Schneewittchen-Club

Buchempfehlung von Julia Malik, dtv Lektorat - Reihe Hanser

Gute Girlie-Literatur – geht das? Na klar! Lily Archer macht es vor.

Bei Girlie-Literatur denkt man für gewöhnlich an leichtes »Lesefutter«, manche denken an Trash – Bücher, die für einige Stunden unterhalten mögen, doch nicht selten schlicht daherkommen. Die Girlie-Literatur aber ist vielfältig. Die Autorin Lily Archer zeigt, wie man Unterhaltungsliteratur mit Biss schreibt, und dazu gehört im ›Schneewittchen-Club‹ eine Sprache, die nicht langweilt, sondern elegant ist, eine gute Story voll Witz und Ironie und angenehm dreidimensionale Figuren …

Alice, Reena und Molly könnten unterschiedlicher kaum sein. Die eine ist ein bildschönes, etwas zickiges Modepüppchen, die andere ein wohlerzogenes Einzelkind aus Künstlerkreisen, die Dritte eine literaturbegeisterte „Streberin“, die wenig Wert auf ihr Äußeres legt. Zwei Dinge aber haben alle drei gemeinsam: Seit Neuestem gehen sie auf das angesehene Putnam Mount McKinsey Internat in Massachusetts  ̶  und: Sie alle kämpfen zu Hause mit einer verhassten Stiefmutter. So war für Alice plötzlich kein Platz mehr in der schönen neuen Wohnung ihres Vaters und seiner neu angetrauten Frau, Reena wurde „zu ihrem eigenen Wohl“ aus der Schusslinie ihrer Eltern und der Liebsten ihres Vaters genommen, und Molly flüchtete freiwillig ins Internat, um endlich den kleinbürgerlichen Verhältnissen und der neuen Familie samt neuen Geschwistern zu entfliehen.

Und nun? Wochen und viele vergossene Tränen später? Als die drei Mädchen im Internat aufeinandertreffen, kann von Freundschaft zunächst keine Rede sein. Aber ein näheres Kennenlernen bleibt nicht aus, und schnell wird dabei klar, dass Reena keineswegs nur das schicke Beverly Hills Girl ist, Molly mehr zu bieten hat als Vorträge über den Oxford English Dictionary, und Alice, die Brave, durchaus laut und frech werden kann.  Vor allem aber stellen die drei fest, dass sie in einem Boot sitzen, vereint durch das gleiche Schicksal: abgeschoben worden zu sein durch eine Stiefmutter, die ihr schönes, geordnetes Leben ins Chaos gestürzt hat. Die neue Erkenntnis hat ihre Folgen: Alice, Molly und Reena gründen den ›Schneewittchen-Club‹, einen Geheimbund, der sich zwei Ziele auf die Fahnen geschrieben hat: Rache an den bösen Stiefmüttern! Und unbedingter Zusammenhalt.

Welche Pläne die Mädchen aushecken und wie sie versuchen, ihre originellen Gemeinheiten in die Tat umzusetzen, das liest sich bissig-böse und ebenso witzig. Wie das Ganze ausgeht, sei hier nicht verraten, nur so viel: Auch manche Stiefmutter ist verletzlicher und sensibler, als die drei »Schneewittchen-Schwestern« vermutet hätten. Und das eigene Liebesleben lenkt schließlich ebenfalls, zumindest zeitweise, von Zorn und Schmerz ab.

Und was bleibt der Leserin am Ende des Buches? Es ist das gute Gefühl, über 300 Seiten perfekt unterhalten worden zu sein. Denn Lily Archer hat einen kurzweiligen Roman geschrieben mit skurril überzeichneten Figuren. Es ist aber auch ein Buch, das mit Klischees spielt und dabei einige Wahrheiten ans Licht zerrt:  über verlassene Ehefrauen (und -männer), über Ungerechtigkeiten und menschliche Fehler und darüber, wie jeder auf seine Weise versucht, mit Schmerz und Enttäuschung umzugehen.  Die witzige Verpackung macht den ›Schneewittchen-Club‹ dabei zu einem Lesevergnügen für viele junge Mädchen … und auch die ein oder andere gestandene Frau.

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