Die Ameisenkolonie

Empfehlung von Julia Malik, Lektorin

Es ist ein geschäftiges Leben in den Städten. Oft wuseln wir wie Ameisen umher, und nicht selten sind wir mit unseren eigenen Problemen beschäftigt. Manchmal kennen wir selbst unsere engsten Nachbarn nicht und verschließen die Augen vor allem, was uns, wie wir glauben, nichts angeht.

Jenny Valentine: Die Ameisenkolonie

Es ist diese Anonymität, die der junge Sam in Jenny Valentines drittem Roman für Jugendliche, ›Die Ameisenkolonie‹, sucht. Sam hat Mist gebaut. Lange weiß der Leser nicht, welches Geheimnis der 16-Jährige mit sich herumträgt. Aber es muss ein sehr dunkles sein, das Sam vom Land in die Metropole London treibt, um für alle, die er kennt, vom Erdboden zu verschwinden. Sam zieht in ein marodes unauffälliges Londoner Mietshaus ein. Im Grunde könnte nun sein Plan, alles Alte hinter sich zu lassen, aufgehen. Aber da hat er falsch gewettet, denn die Hausgemeinschaft macht ihm einen Strich durch die Rechnung.

Hier in einem der Londoner Problemviertel herrscht ein buntes Drunter und Drüber. Die meisten der Hausbewohner der neuen Absteige sind auf die eine oder andere Art Außenseiter, aber in der Not halten sie zusammen. So lernt Sam, der eigentlich nur seine Ruhe haben will, die 10-jährige Bohemia aus der Wohnung über sich kennen. Sie nimmt sich einfach die Freundschaft des älteren Jungen, ohne Diskussionen zuzulassen. Dass Bohemia ein Leben stemmen muss, für das sie viel zu jung ist, will Sam am Anfang nicht wahrhaben. Kein Wort von ihr über die meist betrunkene Mutter, die ihre Liebhaber ebenso schnell wechselt wie ihre Wohnungen.

Und dann ist da noch die alte Dame Isabel aus dem Erdgeschoss, die sich ruppig und keck ins Leben anderer einmischt und nicht einfach zusieht, wie Bohemia vollkommen allein gelassen und vernachlässigt wird und Sam sich seine Zukunft verbaut. Als Bohemia eines Tages spurlos verschwindet, ist aber nicht nur Isabel besorgt, sondern das ganze Haus. Doch wie kann man Bohemia finden? Sam macht sich schließlich auf die Suche nach ihr und wird dabei zu seiner Überraschung mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert. Nur weglaufen wird er dieses Mal nicht. Dieses Mal stellt er sich seiner Verantwortung.

Der NDR sagte über die Autorin: »Jenny Valentine hat die seltene Gabe, mit traurigen Büchern glücklich zu machen«. Mit ›Die Ameisenkolonie‹ ist ihr genau das gelungen.

Julia Malik

 

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