Donnerstags bei Kanakis

Elisabeth des Waal: Donnerstags bei Kanakis
Edmund de Waal, Nachkomme der jüdischen Familie Ephrussi aus Odessa, hat in dem Bestseller-Roman ›Der Hase mit den Bernsteinaugen‹ seine Familiengeschichte aufgearbeitet. Mit ›Donnerstags bei Kanakis‹ gelangt nun ein Roman aus der Feder seiner Großmutter Elisabeth de Waal ans Licht – eine Geschichte über Exil und Rückkehr, für die die Autorin zu Lebzeiten keinen Verlag zur Veröffentlichung finden konnte. Edmund de Waal berichtet uns über die Geschichte dahinter:

Ich habe diesen Roman meiner Großmutter Elisabeth wieder und wieder gelesen. Mein Vater hatte mir das mit etlichen Tippex-Korrekturen versehene vergilbte Typoskript übergeben, zusammen mit einem Bündel von Elisabeths Zeugnissen aus dem Wiener Schottengymnasium und einem braunen Umschlag mit Seminararbeiten über Ökonomie aus ihrer Studienzeit an der Universität.

Dabei waren auch ein paar geistreich funkelnde Seiten aus einer Autobiografie, die ihre Kindheit um die Jahrhundertwende im Palais Ephrussi an der Ringstraße schilderten – die Kutschpferde, die endlosen Nachmittagstees mit Großtanten –, und ein Häufchen Briefe, die sie mit einem Lieblingsonkel gewechselt hatte. Sonst jedoch gab es sehr wenig. Mein Vater hatte in dem Schwellenmoment, als er mir die Mappen gab, gescherzt, ich sei nun der Hüter des Archivs. In den vielen, vielen Monaten, die ich danach in Archiven und Bibliotheken verbrachte, als ich auf der Suche nach der für mich so zwingend gewordenen Familiengeschichte durch die Straßen von Wien, Paris und Odessa streifte, wurde mir klar, dass diese archivalische Kargheit vollkommen sinnvoll war.

Meine Großmutter hatte ihr Leben im Transit zwischen Staaten verbracht; sie behielt nur die Dinge, die ihr wichtig waren. Und diese Blätter waren es. Der unbenannte Roman, der nun den Titel ›Donnerstags bei Kanakis‹ trägt, wurde zu ihren Lebzeiten nicht veröffentlicht. Wenn ich mich mit ihr über die Bedeutung des Schreibens unterhielt, verriet sie nie, was es für sie bedeutete; erst vor kurzem fand ich diese einzelne, außergewöhnliche Seite:

»Warum bemühe ich mich so sehr, strenge meine Ausdauer und Energie so sehr an, um dieses Buch zu schreiben, das niemand lesen wird? Warum muss ich schreiben? Weil ich immer geschrieben habe, mein ganzes Leben lang, weil ich es immer im Sinn hatte, und immer habe ich unterwegs gezögert und kaum je ist es mir gelungen, publiziert zu werden… Was fehlt? Ich habe ein Gefühl für Sprache… Aber ich glaube, ich schreibe in einer vergeistigten Atmosphäre, mir fehlt die Menschennähe, es ist alles zu fein destilliert. Ich handle mit Essenzen, deren Geschmack zu subtil ist, um auf der Zunge wahrgenommen zu werden. Es ist die Quintessenz von Erfahrungen, es sind nicht die Erfahrungen selbst…ich destilliere zu sehr.«

Das ist Elisabeths Stimme, streng und selbstkritisch, unfähig zum Selbstmitleid; aber man spürt auch ihr tief empfundenes Bedürfnis zu schreiben. Sie behielt es für sich, während sie eine Enttäuschung nach der anderen erlebte, als die Manuskripte ihrer Romane (fünf insgesamt, drei auf Englisch und zwei auf Deutsch) abgelehnt wurden. Was sie zu verfassen vorhatte, waren Ideenromane; in ihrem Schreiben versuchte sie eine Balance zwischen einer bestrickenden Kombination aus intellektuellen und emotionalen Einflüssen, der diamantharten Exaktheit ihres akademischen Daseins und dem lyrischen Imperativ ihrer Existenz als Lyrik und Prosaautorin.

In ›Donnerstags bei Kanakis‹ setzen die beiden Hauptpersonen, Resi, das junge, schöne Mädchen, und Professor Adler, der exilierte Wissenschaftler, diese beiden Teile ihres Lebens in Szene. Und es war ein Leben von großer Dramatik.

Elisabeth de Waal war Wienerin, und dies ist ein Roman über das Wienersein. Als solcher ist es ein Roman über Exil und Rückkehr, über die widerstreitenden Kräfte von Liebe, Zorn und Verzweiflung angesichts eines Ortes, der zur eigenen Identität gehört, der einen aber auch abgewiesen hat. Dieser zu Lebzeiten meiner Großmutter nie veröffentlichte Roman ist sich solcher Komplexität bewusst und fungiert, indem er diese Emotionen auslotet, in Teilen als Autobiografie. […]

Aber vor allem geht es in dem Buch um das Herzzerbrechende der Rückkehr:

»Endlich war er da, am Ring: das massig aufragende Naturhistorische Museum zu seiner Rechten, die Rampe des Parlaments zur Linken, dahinter der Rathausturm, vor ihm der Zaun des Volksgartens und das Burgtor. Hier war er, und alles war noch da; obwohl die einst baumbestandenen Spazierwege entlang der Straße kahl, baumlos waren, nur ein paar nackte Stämme standen noch. Sonst war alles vorhanden. Und plötzlich sprang die Verzerrung der Zeit, die ihn vor Illusionen und Trugbildern schwindeln gemacht hatte, ins Scharfe, und er war real, alles war real, unumstößliche Tatsache. Er war hier. Nur die Bäume waren nicht da, und dieses vergleichsweise banale Zeichen der Zerstörung, auf das er nicht vorbereitet gewesen war, ließ ihn unverhältnismäßig traurig werden. Rasch überquerte er die Straße, trat durch das Parktor, setzte sich auf eine Bank an einem verlassenen Weg und weinte.«

›Donnerstags bei Kanakis‹ ist ein Roman von großer Anschaulichkeit und tiefer Zärtlichkeit; in seinem Kern beschreibt er, was es bedeuten könnte, aus dem Exil zurückzukehren. Auf seinen Seiten spiegelt sich das Bild einer 13 wahrhaft ambitionierten Schriftstellerin und einer Frau von beträchtlichem Mut. Nur Wochen nach dem »Anschluss« 1938 kehrte Elisabeth nach Wien zurück, um ihren Eltern im Augenblick der größten Not beizustehen. Es gelang ihr, ihren Vater 1939 nach England zu holen. Unmittelbar nach dem Krieg kehrte sie dann zurück, um herauszufinden, was mit ihrer Familie geschehen war. Ein Jahrzehnt lang kämpfte sie, um für das Unrecht, das geschehen war, Genugtuung zu erlangen, gegen die Uneinsichtigkeit,Gegnerschaft und Abschätzigkeit der Wiener Behörden. Doch sie tat das, ohne ihre Fähigkeit zu verlieren, ganz in der Gegenwart zu leben und von der Erfahrung, ein Flüchtling gewesen zu sein, nicht in Geiselhaft genommen zu werden. […]

Aus dem Vorwort, Edmund de Waal, 2013
Übersetzerin: Brigitte Hilzensauer

Donnerstags bei Kanakis ist als Taschenbuch erhältlich:

Elisabeth de Waal
Donnerstags bei Kanakis

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