Ein Stück Himmel. Ein Stück Erde. Ein Stück Fremde

Buchempfehlung von Susanne Krones

»Ich werde oft gefragt, wie ich mit meiner Vergangenheit einig werde. Man wird nicht einig damit. Sie hat mich zu dem gemacht, was ich bin, was immer das sein mag. Aber wenn du weiterleben willst, was noch eine andere Frage ist, wenn du dich entschlossen hast, weiterzuleben, dann hast du sie mit dir zu nehmen.«

Für die Schriftstellerin und Übersetzerin Janina David ist die Frage nach ihrer Vergangenheit, ihrer Rekonstruktion und ihrer Vermittlung Lebensfrage geworden, seit sie sich 1962 entschieden hat, ihre Bände mit autobiographischen Aufzeichnungen zu veröffentlichen. Janina David war neun und lebte in Polen, als im September 1939 die deutsche Wehrmacht Polen angriff. Bombardierung, Flucht und Hunger zerstörten das Leben der jüdischen Familie doch bald zeigte sich, dass die deutsche Invasion für die jüdische Bevölkerung noch weit schlimmere Folgen haben würde.

In ihren Erinnerungen schildert Janina David das Leben im Warschauer Ghetto in einer erschütternden und beeindruckenden Klarheit und Unsentimentalität. Ohne jemals das Auffassungsvermögen eines Kindes zu überschreiten, beschreibt sie die Menschen in ihrer Umgebung so, dass sie heutigen Leserinnen und Lesern unvergesslich vor Augen stehen. Aus Janinas permanentem Schwanken zwischen Angst und Hoffnung entstand ein einzigartiges Dokument des Schicksals eines jungen Menschen in einer unvorstellbaren Situation. Janina wurde aus dem Ghetto gerettet. Zunächst lebte die Kleine versteckt in der Familie von Freunden, später in einem Kloster, wo sie ihre Identität und ihre Religion verbergen musste. Nach einer Odyssee durch Europa erreichte sie Paris, wo Verwandte sie aufnahmen, zwei Jahre später ging sie nach Australien. Mit dem Ende des Krieges kam für Janina David auch der Moment, in dem sie begreifen musste, dass das Warten auf die Rückkehr ihrer Eltern vergeblich ist.

»Man muss Janina Davids autobiographische Erinnerungen eines jüdischen Kindes neben den Tagebuchaufzeichnungen der Anne Frank lesen und nennen«, würdigte das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt Janina Davids Autobiographie. Mit diesem Sammelband liegen die drei Bände der autobiographischen Erinnerungen Janina Davids – ›Ein Stück Himmel‹, ›Ein Stück Erde‹ und ›Ein Stück Fremde‹ – erstmals in einem Band vor. Ein Buch, dem ich viele Leserinnen und Leser wünsche. Und vielmehr: Ein Buch, das ich vielen Leserinnen und Lesern wünsche. Denn: »In einer Welt wie der unseren, die ihrem Untergang zudriftet, und angesichts einer Menschheit, deren Passivität diesem Ende Vorschub leistet, ist jedes Gegenbeispiel von unschätzbarem Wert.« Günter Kunert in der FAZ

Wie sehr ihre Geschichte die Menschen bewegt, zeigt die erfolgreiche Verfilmung als ARD-Achtteiler (1982), die als DVD in der Filmedition ›Große Geschichten‹ der ARD lieferbar ist. Unter der Regie von Franz Peter Wirth spielte Dana Vávrová die Rolle der Janina David, Günter Kunert übersetzte das Drehbuch von Leo Lehmann ins Deutsche. Janina David selbst hat die herausragende Verfilmung eng begleitet und dabei ein zweites Mal das Verhältnis von Erinnerung und Rekonstruktion von Vergangenheit reflektiert: »Was empfindet man also dabei, wenn das eigene Leben verfilmt wird? Es war ein erstaunliches Jahr. Ich habe erfahren, wie Menschen Geschichte sehen, wie gern sie diese neu geschrieben hätten und wie unmöglich es ist, die Vergangenheit zurückzuholen.«

Dass sich Janina David in ihrer Autobiographie der Vergangenheit ein zweites Mal gestellt hat und dass sie bereit war, ihre persönliche Geschichte mit späteren Leserinnen und Lesern zu teilen, kann man ihr nicht genug danken. Ihre eigene Vergangenheit, so schreibt sie, »hat diese Zurschaustellung überlebt. Ich besitze noch immer meine eigene Welt der Erinnerungen, zu deren dunklen Ecken ich allein Zutritt habe, und fröhliche Gedanken, die der Entdeckung entkommen sind. Ich weiß jetzt, dass die Vergangenheit immer in uns ist. Das Wesen der Menschen ändert sich nicht, nur das, was wir uns darunter vorstellen.« Und weil das so ist, sind Zeitdokumente wie dieses von so unschätzbarem Wert.

Susanne Krones, Lektorin der Reihe Hanser

Ein Kommentar zu “Ein Stück Himmel. Ein Stück Erde. Ein Stück Fremde

  • 21. Februar 2014 um 05:51
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    Ein tief beeindruckendes Buch, toll geschrieben noch dazu. Es hat mich sehr bereichert. Schade um Janina Davids niedrigen Bekanntheitsgrad hierzulande. Dieses Buch verdient viele Leser!

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