Elke Reichart: Deutschland, gefühlte Heimat. Hier zu Hause und trotzdem fremd?!

Eine Empfehlung von Nora Isterheld, dtv Lektorat Reihe Hanser

Lange hat man hierzulande kaum über Integration diskutiert. Dann lösten 2010 Thilo Sarrazins umstrittene Thesen über das vermeintliche Scheitern der deutschen Multikulti-Gesellschaft heftige Reaktionen aus. Wer innerhalb dieser hitzigen, oft polemisch geführten Integrationsdebatte kaum zu Wort kam, waren die Menschen, um die es eigentlich ging: Menschen, die in einem Land ihren Weg finden müssen, das nicht ihre kulturelle oder ursprüngliche Heimat ist.

In den Dialog treten, zuhören, die Schicksale hinter den Zahlen und Statistiken beleuchten – genau das hat die Journalistin Elke Reichart in ihrem Buch ›Deutschland, gefühlte Heimat‹ getan. Zwölf Jugendliche aus Ländern wie Afghanistan, Palästina, Marokko und der Türkei erzählen von ihrer Kindheit im jeweiligen Heimatland, ihrem teils gefährlichen Weg nach Deutschland, von den Unwägbarkeiten, Schwierigkeiten und auch der Ablehnung, mit denen sie in der neuen Heimat konfrontiert sind.

Da ist zum Beispiel die Geschichte von Mable Preach und ihren Eltern, die aus politischen Gründen aus Ghana fliehen mussten. Aus Angst vor der Auslieferung flüchtete die Familie von Frankreich nach Belgien, von hier bis an die holländische Grenze und schließlich nach Hamburg. Doch in Deutschland fing die Odyssee erst richtig an. Mable und ihre Familie lebten zehn Jahre in einem Asylbewerberheim, in dem nur Misstrauen herrschte und jeder Angst hatte, plötzlich abgeschoben zu werden. Nur der Krankheit des jüngeren Bruders verdankte die Familie Preach, dass sie in Deutschland bleiben durfte.

Auch Noor Nazrabi aus Afghanistan verzweifelte fast im Asyl, war voller Zorn auf die deutschen Behörden, die viel zu viele Menschen auf engstem Raum in heruntergekommenen Heimen einquartierten, und den Vater, der seine Familie in ein Land gebracht hatte, in dem sie nur geduldet war. Noor nahm die Dinge selbst in die Hand, schrieb an die UNO, sprach bei Anwälten vor, sorgte dafür, dass an den richtigen Stellen vom Schicksal der Familie Nazrabi Notiz genommen wurde – bis sie endlich die deutsche Staatsbürgerschaft bekam.

Wie lebt es sich zwischen den Kulturen? Was ist Heimat? Und wann kommt man da endlich an? Diesen Kernfragen geht die Autorin Elke Reichart nach, freilich ohne am Ende auf eine einfache Formel zu kommen. Die Antworten, die sie erhält, sind so unterschiedlich wie die Lebensgeschichten der zwölf Jugendlichen, die sie befragt. Gemeinsam aber ist allen die Einsicht, dass Heimat heute nur noch wenig mit nationalen Kategorien zu tun hat, sondern vielmehr mit Gemeinschaft, Anerkennung, Sicherheit.

Heimat, Identität und Gemeinschaftsgefühl sind nur über die Sprache zu erlangen. Ohne Deutschkenntnisse ist kein Ankommen möglich. Die Geschichte der Marokkanerin Sineb El Masrar macht diese Botschaft besonders anschaulich: Sinebs Mutter kam als ganz junge Frau nach Deutschland und lebte völlig isoliert mit ihrer kleinen Tochter in einer Etagenwohnung bei Hannover. Mutter und Tochter sprachen Arabisch miteinander. Und am Abend, wenn der Vater heimkam, gingen die Gespräche auf Arabisch weiter. Als Sineb mit sechs Jahren in die Schule kam, war sie vollkommen überfordert. Heute ist sie Mitte 20 und Herausgeberin einer deutschsprachigen Frauenzeitschrift für Migrantinnen, der »Gazelle«.

Es sind weder ausgemachte Vorzeige- noch Opferbiographien, die Elke Reichart in ihrem Buch ›Deutschland, gefühlte Heimat‹ beschreibt. Es sind Lebensgeschichten junger Menschen, die den festen Willen haben, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Das macht sie so sympathisch. Und auch Elke Reichart merkt man an, dass sie ein Herz für die Jugendlichen gefasst hat. Sie lässt den Erzählenden Raum, möchte sich nicht zwischen den Leser und die Menschen schieben, über die sie schreibt. Vielleicht liegt gerade hier die moralische Kraft dieses Buches, das beim Leser in besonderer Weise Interesse, Mitgefühl und Verständnis erzeugt.

Elke Reichart hat ein wichtiges Buch geschrieben, das den Ungehörten eine Stimme gibt, den Unbekannten ein Gesicht, und das den Leser klüger macht und verständiger. Eine dringende Leseempfehlung an alle, die wach und mutig genug sind, einen Blick über den eigenen Tellerrand zu riskieren.

Eine Empfehlung von Nora Isterheld, dtv Lektorat Reihe Hanser

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